Ausstellungsbesprechungen

James Ensor

Die schöne Legende vom Ich. Zur Eröffnung kommen ein Prinz und eine Prinzessin aus Belgien. Die Wände der Kunsthalle Schirn sind in dezente Farben gefasst. Kostbar gerahmt, leuchten prächtige Stillleben, grinsen die Masken und Skelette. Amüsiert flanieren die Stützen der Gesellschaft an den derben Skizzen eines verkommenen, völlig debilen Establishments vorüber.

Nichts dokumentiert das fulminante Scheitern des in späten Jahren baronisierten Bürgerschrecks James Sidney Ensor (1860-1949) deutlicher als diese Szene. Denn seit der 17-jährige Sohn eines Trinkers und der Inhaberin eines Souvenirladens die Brüsseler Kunstakademie besucht, will er seine Umwelt aufrütteln. Das schwerfällige Bürgertum soll endlich merken, was es jenseits von Konvention und Gewinnstreben zu erleben gibt. Auf der Leinwand will er die „schöne Legende vom Ich“ erzählen: „Vom universellen Ich, vom einzigartigen Ich, vom dickbäuchigen Ich, vom großen Wort Sein.“

 

So malt Ensor Salons, in die das Sonnenlicht einbricht, Stillleben und Landschaften, in denen der Alltag wie verzaubert wirkt. Zunächst gibt er dem gerade in Blüte stehenden Realismus noch eine Chance, dann befreit er sich von alldem, was alte Akademiker und vorsichtige Neuerer ihm vormachen. Nun soll seine Fantasiewelt, die sich am Karneval seiner Heimatstadt Ostende entzündet, ganz direkt auf den Bildern erscheinen. Doch die Euphorie über das neu entdeckte Kunstland bricht zusammen, als Anerkennung ausbleibt. Ensor steigert seine Radikalität und inszeniert sich zum verkannten Messias, bis er schließlich 1893 sämtliche Bilder zum Verkauf anbietet, aber keinen Abnehmer findet. Es folgen Jahre des Selbstzweifels und schließlich eines späten Erfolgs, der ihn einerseits zum verehrten Vorbild der jüngeren Künstlergenerationen, anderseits zu einem skurrilen Volkshelden werden lässt.

 

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In der Frankfurter Ausstellung wird Ensors Biografie durch die thematische Hängung der Kuratorin Ingrid Pfeiffer überspielt. Es reihen sich Selbstporträts an Christusdarstellungen, Landschaften und Masken. Dann folgen im zweiten Saal Karikaturen, Stillleben, Mythologisches und Karnevalistisches sowie Badeszenen.

 

Dieses nur grob rhythmisierte Defilee der 160 Gemälde und Zeichnungen fördert – was unbedingt zu würdigen ist – ein vergleichendes Sehen. Der Besucher wird zum Kenner des Ensorschen Kunstkosmos. Er lernt die immer neuen, fantastisch-fantasievollen Kompositionen aus verwandten Bildelementen oder direkten Selbstzitaten zu würdigen und seinen koloristischen Witz zu schätzen. So wird aus dem „Maler der Masken“ eine Delikatesse, die das Publikum köstlich amüsiert.

 

Und was ist aus der Erzählung vom großen Sein geworden? – Der Maler kritzelt die Antwort bereits 1887 auf seine Radierung „Der Pisser“: ENSOR EST UN FOU.

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ÖFFNUNGSZEITEN

Di., Fr.–So. 10–19 Uhr, Mi. und Do. 10–22 Uhr.

 

EINTRITT

7 €, ermäßigt 5 €