Ausstellungsbesprechungen

James Frazer Stirling – Notes from the Archive. Krise der Moderne, Staatsgalerie Stuttgart, bis 15. Januar 2012

James Frazer Stirling steht für eine Architektur, die nicht ohne Kontroversen begleitet wurde, an Einfluss und Innovation in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts jedoch seinesgleichen sucht. Die Staatsgalerie Stuttgart würdigt dem Archikekten, der zweifelsohne zum Kanon der Moderne zählt, eine eindrucksvolle Werksausstellung. Günter Baumann hat sich die Schau für Sie angesehen.

Es ist kaum zu glauben: Die Staatsgalerie Stuttgart stellt zum ersten Mal das Werk des Architekten James Frazer Stirling aus. Nun ist die Architekturgeschichte zwar kein Themenschwerpunkt des Museums, doch genießt nicht zuletzt der Neubau von 1984 einen Weltruf als Initialbau der Postmoderne in Deutschland – Schöpfer dieser Neuen Staatsgalerie war eben James Stirling, der selbst der Zuordnung seines Werks zur Postmoderne ablehnend gegenüberstand. Initiiert wurde die Ausstellung durch das Canadian Centre for Architecture und das Yale Center for British Art. In der Stuttgarter Präsentation entfaltet die Werkschau freilich eine Eigendynamik, die das Schaffen in die Zeit vor und die Zeit nach dem Bau der Staatsgalerie einordnet. Spannend sind besonders die frühen Jahre, in denen der spätere Pritzkerpreisträger in Liverpool seinen Stil sucht, diesen in der Beschäftigung mit Le Corbusier schließlich findet und dann anspielungsreich ausbaut.

Die Schau vereint 300 Exponate, darunter Modelle, Pläne, Foto- und Archivdokumente sowie Skizzen, die auch das zeichnerische Genie des Architekten in seltener Ausführlichkeit beleuchten. Bereits bei der Einweihung der Staatsgalerie wurden Zeichnungen bekannt, die in winzigen Scribbles schon die Grundstruktur des künftigen Baus andeuteten. Wichtige Projekte entfalten sich en miniature vor dem Betrachterauge – oft vom Entwurf bis zum Modell: die Ingenieur-Fakultät der Universität Leicester, der Hauptsitz der britischen Olivetti, das zum Oxforder Queen's College gehörende Florey-Building, die Glore Gallery der Tate in London und andere mehr. Darüber hinaus sind auch nicht realisierte Projekte in ihren Entwurfsstadien dokumentiert. Doch all das steigert sich zur lebendigen Vorstellung des künstlerischen Schaffens durch den Ort – wo das Gesamtwerk im großen authentischen Einzelwerk kulminiert (wenn auch die Ausstellung im alten Teil der Staatsgalerie stattfindet). Lapidar beschrieb Stirling sein Meisterwerk: Es habe »keine Fassade und sie ist durchlässig, man kann durch sie hindurch gehen bis zur nächsten Querstraße«.

In Deutschland erkennt man dank der Werkschau eine durchgängige Linie von manchen ungebauten Museen, die Stirling für Düsseldorf und Köln plante, zum Stuttgarter Haus. So singulär stand es also nicht in der Architekturgeschichte und doch gewinnt er als quasi letztgültiger Ausdruck eines künstlerischen Wollens. Von da aus zielte er eher auf urbane Gestaltung als auf Großbauten. Um den Postmoderne-Begriff zu vermeiden, könnte man den Architekten, der aus der neobrutalistischen Ecke herauskam, als Neoklassizisten bezeichnen; er selbst hätte sich vielleicht als informellen Monumentalisten beschrieben: Sein spielerischer Umgang mit den historischen Stilen war nie ganz ohne Respekt, und wo er sich schelmisch über Konventionen hinwegsetzte, formulierte er unbewusst schon wieder Maßgebendes: der grüne Noppenboden in der Stuttgarter Staatsgalerie etwa erlangte Kultstatus. »Big Jim«, »Sir« James Stirling, von der Queen 1992 geadelt, begegnete der im Ausstellungstitel beschworenen Krise der Moderne mit dem Ernst des Komikers. Die Städte wären trister ohne sein Werk.

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