Ausstellungsbesprechungen

Jean Dubuffet – Ein Leben im Laufschritt. Langen Foundation, Neuss, bis 24. Mai. Ab 19. Juni in München, Hypo-Kunsthalle.

»Ein Leben im Laufschritt«, so nannte Jean Dubuffet seine Autobiografie – und in diesem Tempo scheint man sich seinem Werk auf der Tour durch das Land an die Fersen heften zu müssen: Eben sah sich der Besucher noch in einem der schönsten Museen überhaupt, Tadao Andos asketischen Bau der Langen Foundation auf der ehemaligen Raketenstation Hombroich, rund 50 Gemälden des einzigartigen Leitsterns einer infantil-genialen, hässlich-schönen Kunst gegenüber.

Nach der Station in Neuss wird sich die Sammlung nahezu wundersam vermehren, ja wohl verdreifachen, um als Retrospektivausstellung in der Kunsthalle der Hypobank-Kulturstiftung ihre Pracht zu entfalten, architektonisch auch diesmal im feinsten Ambiente: den Fünf Höfen des Architektengespanns Herzog / de Meuron. Noch einmal wird sich die Schau verwandeln, wenn die wieder auf Kabinettgröße verringerte Bildauswahl weitergeht an das Museum Lothar Fischer, wo sie im Licht eines sehr entfernt an Hombroich erinnernden Hauses aus dem Büro Berschneider ihr vorläufiges Ende finden – im Einklang mit der Münchner SPUR-Bewegung, die Ende der 50er Jahre im Süden Deutschlands mit Fischer an der Spitze der grandios frechen Malerei der COBRA-Künstler folgten. Dubuffets Bedeutung für die Kunstgeschichte hat bereits eine Werkschau im Pariser Centre Pompidou Anfang dieses Jahrtausends unterstrichen – und doch steht immer noch der Vorwurf im Raum, mit dem seit über hundert Jahren mancher glaubt, seine Kunstkenntnis unter Beweis stellen zu können: Das sei doch keine Kunst. Dabei war der Spross einer Weinbauernfamilie nicht nur ernstzunehmender Sammler von Kunst der Geisteskranken, auch der von Gefangenen, sondern auch selbst Maler und Bildhauer, Dichter und Philosoph, der die sogenannte »Art Brut« mit einer poetischen Wucht begründete, dass die etablierte Kunstwelt nicht anders konnte, als ihr Kunstbild zu korrigieren, wenn sie sich nicht blamieren wollte.

Dubuffet war kein Erfinder einer neuen Kunst. Die Dadaisten, die eine Antikunst ausgerufen hatten, waren viel revolutionärer, im Vorfeld des Franzosen muss man eher Paul Klee und Max Ernst ansiedeln – und prompt erscheint die Kunst Dubuffets weniger brutal, im Gegenteil: von einer rohen Sensibilität geprägt, die alle Facetten zwischen Abstraktion und Figuration auszuloten wusste. »Wir möchten«, so der Künstler, »das menschliche Werk von den anmutigen Eigenschaften des Menschen beseelt sehen, und es gibt nichts Menschliches, das nicht auch einen kleinen Teil Scheitern, ein wenig vom Sturz des Ikarus enthält.« Die Schönheit, die Dubuffet nie in Frage stellte, war ihm so vielfältig, dass er ihre Führungsrolle in der Kunst anzweifeln oder dass er den Begriff ins Hässliche erweitern musste, um deren grenzenlos gültiger Idee gerecht zu werden. Was allerdings das Werk tatsächlich einzigartig macht, ist die Ironie, gepaart mit einer hinreißenden Schlichtheit, die das Scheitern Gestalt werden ließ. So konnten die Bilder so individuell wie archetypisch auftreten und – wie Dubuffet meinte – den menschlichen Geist »anrempeln, um ihn in Bewegung zu versetzen«.

Jean Dubuffet war ein Spätberufener, erst in seinen Vierzigern machte er seine Nebenbeschäftigung, das Malen, zum Lebensinhalt: Da war er schon gefestigt genug, um seinen eigenen Kopf durchzusetzen und sich nicht um die Meinung von außen zu kümmern. Unbekümmert setzte er sich mit Kinderzeichnungen auseinander, begeisterte sich für Wandkritzeleien und trat für die spontan-kreative Eigenleistung geistig verwirrter bzw. »behinderter« Menschen ein. Dabei lernte er selbst noch am meisten davon, denn er kopierte nicht nur diese prä-rationalen Bildschöpfungen, sondern verstand sie umzusetzen unter Einbeziehung von Sand, Erde, Kohle, Teer und anderer natürlicher Stoffe. Den von ihm geprägten Begriff der »Art Brut« wollte er auch nicht für sein eigenes Werk gelten lassen (auch wenn dies andere für ihn taten). Dafür setzte er zu sehr auf das Kalkül, worauf die Ausstellung der Langen Foundation in ihrer Auswahl bewusst Rücksicht genommen hat – viele der Arbeiten aus dieser Sammlung sind bislang weitgehend unbekannt. Der große Blick aufs Ganze, wie ihn die Hypo-Kunsthalle bietet, wird dies wohl wieder relativieren. Hier treten der Meister des Materialbildes und der Phantast in den Vordergrund. Selten zu sehen sind die Riesenformate des Spätwerks, die Dubuffets großer, ins Pathetische reichender formaler Geste entgegen kommen und zugleich mit Augenzwinkern die Nichtigkeiten des Lebens adeln.

Weitere Informationen

Der Katalog zu allen drei Ausstellungen ist bei Hirmer erschienen.