Ausstellungsbesprechungen

Jessica Buhlmann – On the Cusp, Galerie Anja Rumig, Stuttgart, bis 2. Juni 2012

Jessica Buhlmanns Gemälde erscheinen wie gemalte Collagen aus teils monochromen, teils polychrom strukturierten, scharfkantig geschnittenen Papieren. Ihre gespachtelte Abstraktionen, die häufig architektonische oder landschaftliche Anmutungen aufweisen, brechen und versöhnen zugleich alte und neue Parameter malerischer Traditionen. Günter Baumann hat sich in ihr Werk vertieft.

Die Entwicklung, die die 1977 in Potsdam geborene Jessica Buhlmann in den letzten Jahren gemacht hat, lässt vermuten, dass hier in der Galerie Rumig eine außerordentliche Künstlerin ausstellt, die über ein grandioses Potential verfügt. Die Meisterschülerin der Berliner Professoren Klaus Fußmann und Henning Kürschner startete mit landschaftlichen und architekturnahen Motiven, die sich in ihrem hohen Abstraktionsgrad nicht durch weite Horizonte oder auch nur horizontale Farbflächen definierten – wie es so oft zu sehen ist. Durchaus mit offensichtlichen Anklängen an die Meister, insbesondere Fußmann, legte Jessica Buhlmann bereits hier ihre Farben collagenartig aneinander, als ginge es um zufälliges Patchwork. Flüchtig betrachtet sind es also kaum mehr als abstrakte Kompositionen, doch auf den zweiten Blick ergeben sich klare Durchsichten: ein See durchs Fenster gesehen, eine ruinenartige Palastfassade, deren Räumlichkeit sich förmlich aus der Zweidimensionalität herauslöst oder wie aus dem Gegenlicht heraus kurz aufblitzt. So heißen die frühen Arbeiten auch »Auf See«, »Gegenlicht« oder »Malta«.

Um 2008/09 gibt sie den hochsensiblen, benennbaren Strukturen kleine Wendungen, verschiebt sozusagen die Farbelemente auf der Leinwand. Titel wie »Equinox« machen die Distanzierung vom Naturvorbild deutlich, zeigen aber auch die nach wie vor konkrete Bandbreite an, die die Künstlerin nutzt: »Equinox« verweist auf die Tagundnachtgleiche, auf ein Musikstück des Electronic-Komponisten Jean-Michel Jarre und auf anderes mehr – das Landschaftsmotiv wird rhythmisch zersplittert und in optische Dissonanzen getrieben, bis das ästhetische System in eine heikle Un-Balance gerät. Die Welt, von der Jessica Buhlmann ausgeht, ist sichtlich aus den Fugen geraten, aus den konkreten Versatzstücken der Natur und Architektur werden schwingende Groß- und Kleinflächen, Chiffren einer nicht mehr rational ergründbaren Realität. Während sich jegliche Perspektive verweigert, inszeniert die Künstlerin mit einem fulminanten Gespür für spannungsgeladene Wegmarken fiktive Welten. Das Wahrnehmungsfeld schwankt zwischen Makro- und Mikrokosmos, der eine lenkt den Blick auf filigrane formenspiele, der andere lässt die Weite eines vagen Raums ahnen. Die Galeristin, Anja Rumig, beschreibt die Ambivalenzen dieser Malerei als »Plan und Improvisation, Ernst und Spiel in konstruktiver Verbundenheit«. So ist auch der Ausstellungstitel zu verstehen, »On the Cusp« meint »An der Schwelle«: Jessica Buhlmann verbildlicht den Metaraum zwischen Poesie, Landschaft und Gedanke. Dabei ist bemerkenswert, dass sie im monumentalen genauso wie im kleinen Format ihre Ausdruckskraft halten kann.

Längst ist die Kunstgemeinde auf die in Berlin lebende junge Künstlerin aufmerksam geworden: Zurzeit ist sie nicht nur in der exquisiten Stuttgarter Galerie Rumig zu sehen, sondern auch im Künstlerhaus Bethanien in Berlin, eine Ausstellung auf Rügen mit ihren Arbeiten startet Ende Juni. Bereits 2011 besprach die Zeitschrift »Kunstforum International« ihr Werk im Rahmen der Neuen Abstraktion. Von dieser Malerin wird man noch viel hören.