Ausstellungsbesprechungen

Johan Barthold Jongkind, Ein Wegbereiter des Impressionismus

Man kann die Leistung Johan Barthold Jongkinds für die Geschichte der niederländischen Kunst nicht hoch genug einstufen, und dass er im Vergleich zu Vincent van Gogh und Piet Mondrian einen eher unbekannten Namen trägt, wird sich spätestens mit dieser Retrospektive ändern – so ist zumindest zu hoffen.

Die Ausstellung, die in Den Haag ihren Ausgang nahm und nun in Köln an denkbar prominenter Stelle gezeigt wird, zieht im Sommer nach Paris weiter, sodass bald niemand mehr (sagen wir einmal: in der Mitte Europas) behaupten kann, er habe den Namen noch nie gehört.

 

 
Das ist keineswegs so vollmundig oder vermessen, wie es zunächst klingt. Das Verdienst Jongkinds lässt sich am besten ermessen, wenn man im Zeitraffer die niederländische Malerei entlang schreitet – quasi den dramatisch sich auftürmenden, dann wieder den gänzlich sich ins Nichts verflüchtigenden Wolkenformationen vor Ort entlang. Mit Rembrandt, Vermeer und Jacob Ruisdael sind nur die Spitzen einer nie da gewesenen Blütezeit der Kunst gekennzeichnet, in einem Land, das der Größe nach kaum der Rede wert sein könnte: Die Künstler des 17. Jahrhunderts stellten sich selbstbewusst und mit allem Recht an die Seite der Kollegen aus den großen Nationen; rein quantitativ stellten sie diese sogar weit in den Schatten, entwickelten die Niederlande doch ein Kaufkraft, die ihresgleichen suchte. Die Maler kamen kaum der Nachfrage hinterher, profilierten sich im Spezialistentum, überschwemmten das eigene Land und dann Europa. Einmal gesättigt, brach der Markt zusammen. Im 18. Jahrhundert spielte die »Musik« woanders, im 19. Jahrhundert schien sich die verloren gegangene Kunst vom Schock der Bedeutungslosigkeit zu erholen, schielte nach den Nachbarländern und begab sich auf die Suche nach dem Goldenen Zeitalter, was bekanntlich beim Blick zurück kaum eine Perspektive nach vorn ermöglicht.

Immerhin drei Namen haben die Niederlande aufzuweisen, die das kleine Land zwischen Wind, Wetter und Wasser wieder in die erste Liga spielten (man ist geneigt zu sagen: spülten): Von Josef Israels und anderen ausgehend, entwand sich Vincent van Gogh der erdigen Schwere der Haager Schule und wurde mit seinen schreigelben Sonnenblumen und lichtzerfurchten Landschaften zum Schrittmacher der Moderne schlechthin; Piet Mondrian stellte sich, radikaler als Jan Toorop, der holländischen Horizontlinie und zerstückte dieselbe Landschaft, die die Maler des 17. Jahrhunderts berühmt gemacht hatten (man denke an Meindert Hobbema), in vertikale und waagrechte Linien und machte sich zum Motor der abstrakten Kunst. Und die Rolle Johan Barthold Jongkinds? Malten van Gogh und Mondrian bewusst am Impressionismus vorbei, der fast schon epochale Qualitäten am Beginn der Moderne hat, gehörte Jongkind zu den Malern, die ihn vorbereiteten (ein Turner war er freilich nicht). Das gilt erst recht dann, wenn man unterstellt, dass der Impressionismus eine französische Erfindung ist. Von ein paar Jahren seiner produktiven Zeit abgesehen, wirkte der Niederländer vorwiegend in Frankreich, konkret in Paris und in der Bretagne (in seiner Heimat wäre er wahrscheinlich hinter George Hendrik Breitner zurückgeblieben). Die Kölner Werkschau stellt Jongkind eindrucksvoll als Bindeglied zwischen Corot und Monet vor – die Tragweite dieser Positionierung leuchtet ein. Und Zeugen gibt es genug – Emile Zola etwa war schwer beeindruckt, als er sich mit dem holländischen Maler befasste: »Jongkind ist sicher kein Meister des prachtvollen und monumentalen Stils, sondern ein Meister des Tiefinnersten, der mit einer seltenen Geschmeidigkeit das vielschichtige Leben der Dinge durchdringt.«

 

 

Geboren am 3. Januar 1819 in Lattrop (Overijssel), erlernte Johan Barthold Jongkind den Beruf des Notariatsschreibers, zeichnet jedoch schon während seiner Ausbildung. Der 18-Jährige besucht die Haager Zeichenakademie und macht Bekanntschaft mit dem romantischen Landschaftsmaler Andreas Schelfhout, unter dessen Einfluss das frühe Werk steht. Schelfhouts Einfluss am Hof beschert dem jungen Künstler ein Stipendium König Wilhelms I., das es ihm ermöglicht, nach Paris umzuziehen, wo er von Eugène Isabey gefördert wird – Jongkind vollendet hier seine Aquarelltechnik. Die Bekanntschaft mit Théodore Rousseau, Jean-Francois Millet, Gustave Courbet, dem Dichter Charles Baudelaire und besonders dem Malerkollegen Camille Corot sind wichtige Stationen auf dem Weg zu einem eigenständigen Werk mit einer zunehmend spontanen, freien Pinselführung. Wenn auch seine Bilder im Laufe der Zeit Spitzenpreise erzielten – was sogar Kunstfälscher auf den Plan rief –, traf ihn doch die Missachtung innerhalb des öffentlichen Salonbetriebs. Seine Alkoholsucht und ein geistiger wie körperlicher Zerfall ließen seine Kräfte schwinden; nach einem Schlaganfall 1891 erholt er sich nicht mehr: am 9. Februar stirbt er in La Côte-Saint-André.

 

 

 

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In rund 100 Ölgemälden, hinreißend luftigen Aquarellen und strichsicheren Radierungen würdigt Köln den meisterhaften Künstler, den Signac als ersten und »wunderbaren Wegbereiter« des Impressionismus lobte, dem Manet und Pissarro ihre Reverenz erwiesen, den Monet als seinen »Lehrer im Sehen« pries – und den die Welt alsbald vergaß. Zu Unrecht, wie sich heute erkennen – und in einem prächtig bebilderten und sachkundig begleiteten Katalog auch nachlesen – lässt.

Weitere Informationen

Eintritt

 

6,- EURO, ermäßigt 3,- EURO

Kombiticket (mit ständiger Sammlung) 9,- EURO, ermäßigt 4,50 EURO

 

Öffnungszeiten

 

Dienstag 10–20 Uhr

Mittwoch – Freitag 10–18 Uhr

Samstag/Sonntag 11–18 Uhr

 

Führungen

 

Donnerstags, 16.30 Uhr

Mittwochs, 16.30 Uhr

Sonntags, 11.30 Uhr

 

Museumsdienst Köln, Richartzstr. 2–4, 50667 Köln

Telefon: (0221) 221-27380/-23468

Telefax: (0221) 221-24544

E-Mail: museumsdienstkoeln@netcologne.de



 

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