Ausstellungsbesprechungen

Joseph Beuys – Zeichnungen

»Ich bin interessiert an Transformation, Veränderung, Revolution« - mit diesem Bekenntnis vermochte Beuys, der Ausnahmekünstler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, seine Zeitgenossen zu verunsichern, es zeigt jedoch auch in knappen Worten dessen Bedeutung für eine gegenwärtige Kunst, die sich nicht in den Elfenbeinturm zurückziehen möchte.

Eines der wichtigsten Arbeitsfelder im Schaffen von Joseph Beuys war über Jahrzehnte hinweg die Zeichnung, mit der er seine Ideen am unmittelbarsten entwickeln konnte. Die Kunsthalle hat rund 140 Arbeiten zusammengestellt, die das eindrucksvolle Werk anschaulich machen. Die fließend ineinander übergehenden Abschnitte der Schau befassen sich mit den Aspekten »Frühen Formen«, »Figur«, »Energien, Strömen, Feldern«, »Bewegung und Übergang« sowie mit »Partitur, Entwurf, Diagramm«.

 

»Meine Zeichnungen bilden für mich eine Art Reservoir, woraus ich wichtige Antriebe erhalten kann. Es findet sich also in den Zeichnungen eine Art Grundmaterial, um daraus immer wieder etwas zu nehmen.« Wer die Arbeiten von Beuys ein wenig kennt, liest hier weniger die Vergewisserung und Fixierung des Bestehenden im Sinne von Reise- oder Gelegenheitsskizzen heraus – wie man diese Maxime Beuys’ verstehen könnte –, als die Basis des komplexen Denkens als Grundlage des gesamten Schaffens, das ja nicht beim fertigen Kunstwerk beginnt, sondern endet. Wenn die Zeichnungen des – im weitesten Sinne verstanden – Bildhauers Anlass für eine umfassende Ausstellung sind, geht es um einen wesentlichen Teil seiner Kunst bzw. seiner Kunstauffassung. Es ist noch nicht einmal so, dass der Zeichner Joseph Beuys unbekannt wäre – die Präsentation seiner Installationen, Objekte und Plastiken gehen in der Regel einher mit deren graphischer Umgebung, und große Werkkomplexe wie dem »Secret Block for a Secret Person« machten schon vor über zehn Jahren ihre Runde, waren zuletzt in der Tübinger Kunsthalle 2001 zu bewundern. Nachdem die Malerei Hochstände feiert, Skulpturenausstellungen immer beliebter werden, gliedert sich seit einiger Zeit auch die Zeichnung ein in die Liste der Königsdisziplinen – der Württembergische Kunstverein hat beispielsweise im laufenden Jahr die Virulenz der graphischen Primärkunst aufgezeigt. So ist es einmal mehr fällig, dass Joseph Beuys – ohnehin wirkungsmächtigster Künstler nach Picasso – als einer der bedeutendsten Zeichner des 20. Jahrhunderts gezeigt wird.

 

Dabei sei eins betont: Längst ist Beuys nicht mehr als Vertreter einer schamanistischen Gurukultur festgelegt, und die Mythen, die er selbst bezüglich seiner Fett-Filz-Honig-Fixierung pflegte (Tataren hätten ihn nach einem Flugzeugabsturz im Krieg in diesem kulinarisch-wärmespendenden Dreiklang gerettet), sind längst auf reale Bezüglichkeiten hin entzaubert – Beuys’ eigener Lebenslauf im Katalog und auch das dortige Schlussfoto von Beuys in Badehose, kahlköpfig (ohne sonst anscheinend obligatorischen Hut), Zeichen in den Sand schreibend (Kenia, 1974), vermitteln ein befreiteres Bild des Künstlers und selbsternannten »Höhlenzeichners«, das noch genug Geheimnisse birgt. So unverkrampft wurde er denn auch nur selten gezeigt wie nun in Karlsruhe: Seine Zeichnungen stehen selbständig neben den Raumensembles, und es ist keine Frage, dass sie den jüngeren Kollegen samt den interessierten Betrachtern viel zu sagen haben.

 

Eine Entdeckung wird so mancher vor der Sinnlichkeit machen, die den Zeichnungen eingeschrieben ist, sei es in feinnervig-erotischen Anspielungen oder in der zarten Handgeste des Zeichnens selber. Was womöglich erst heute wirklich ins Bewusstsein kommt, ist der figurative Ansatz. Aus fiebrig-ungestümen Bleistiftrhythmen entsteigt etwa eine »Mutter und Kind vor der Natur«, madonnengleich. Sozusagen auf der gegenüberliegenden Seite der enormen Bandbreite im Schaffen Joseph Beuys’ steht »Der Reaktor ›blutiger Adlerkopf‹« – eine zum Vogelkopf gebissene Scheibe Toast über der gemalten Silhouette eines Reaktorgebäudes. Aus dem figurativen Motiv kippt die Darstellung ins Chiffrenhafte: Schemen, die immer wieder ins Figürliche zurückzudrängen scheinen, Schrift, die zum Bild werden will. Transformation, Veränderung – allenthalben. Das schon ist ein Stück Revolution, ihr Anfang, manchmal ihr (ideales) Ende. Hier entpuppen sich tatsächlich die Querverbindungen der scheinbar abstrakten Kleksographien und Kritzeleien der Energie-, Ströme- und Feldbilder sowie Schrifttafeln mit Denkstrukturen als die hinlänglich bekannten »Entwürfe«, »Partituren« und »Diagramme« – so das Vokabular von Beuys – des Menschen.

 

»Das Verständnis von Beuys’ Arbeiten«, schreibt Bernd Klüser im außerordentlich klug kommentierenden Katalog, »verlangt einen hohen Grad von Konzentration und Offenheit für die Kommunikation mit dem Werk« – wer sich darauf einlässt, wird belohnt von einem wörtlich und bildlich zu verstanden bezaubernden Blick hinter die Kulissen eines hinreißenden Denkmodells.

 

 

Öffnungszeiten

Di–Fr 10–17, Sa/So 10–18 Uhr

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