Ausstellungsbesprechungen

Julius Benno Hübner, Ruth und Naemi

»Wohin du gehst, dahin werde auch ich gehen« Von Auswanderung wegen Hungersnot berichtet schon das Alte Testament. Im Buch Rut* wird erzählt von Not, Unglück, Unbeugsamkeit und Treue. Bethlehem, der Stadt, die übersetzt »Haus des Brots« heißt, ist das Brot buchstäblich ausgegangen. Deswegen hat Noomi mit Mann und den beiden kränkelnden Söhnen ihren Besitzstand in Juda aufgegeben. In Moab finden alle eine neue Heimat. In zehn Jahren haben die Söhne geheiratet:

Machlon die Rut, Kiljion die Orpa. Doch das Unglück folgt der Familie auf dem Fuß. Ehemann und beide Söhne sterben. Ohne männlichen Schutz ist für eine Witwe kein Bleiben in der Fremde. So macht sie sich mit ihren Schwiegertöchtern auf den Weg zurück in die Heimat.

An dieser Stelle setzt Julius Hübner ein. Im Dreifigurenbild hält er den Moment auf dem beschwerlichen Weg fest, als die alte Noomi im braunen Witwenkleid zu den beiden schönen in Rot und Gelb gekleideten Schwiegertöchtern spricht: Geht zurück zu euren Müttern. Ich habe euch nichts mehr zu bieten. Auch Orpa, in der Seitenansicht rechts im Bild, hat gezögert, doch geht sie weinend wieder nach Hause. Rut jedoch legt ihre beiden Hände auf die Schultern der Schwiegermutter und sagt die berühmten Worte: »Wohin du gehst, dahin werde auch ich gehen, […] und Dein Gott ist mein Gott. Wo Du stirbst, da werde auch ich sterben […]« In der linken und rechten Ecke des gemalten Renaissance-Rahmens hat Hübner die Bibelstelle festgehalten: »Buch Ruth, Cap.2, v.13«.

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Dass Noomi Ruts Hilfe annimmt, wissen wir nun wiederum nur aus dem Bibeltext. So helfen sich die beiden Frauen gegenseitig auf dem Rückweg in die »Stadt des Brots«. Bettelarm angekommen, verliest Rut auf dem Feld Ehren. Dabei lernte sie Boas, den Grundbesitzer, kennen. Noomi erinnert sich des Verwandten. Nach jüdischem Gesetz ist jeder Anverwandte ein »Löser«, dazu verpflichtet, den Besitzstand seiner verarmten Verwandten auszulösen. Boas erfüllt seine Pflicht, kauft Noomis Güter zurück. Vor allem aber beeindruckt ihn die Stärke dieser jungen Frau, die ihre Schwiegermutter tapfer durch Gefahren gebracht, ihre Heimat deswegen aufgegeben hat und in Juda einem anderen Glauben folgen wird. Weil Boas das gefällt, sagt er zu ihr: »voller Lohn soll dir zuteil werden vom Herrn, dem Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um Zuflucht zu finden unter seinen Flügeln.« (R 2, v.13) Er heiratet sie. In der übernächsten Generation wird David geboren, der große König.

 

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Julius Benno Hübner kommt als 15jähriger nach Berlin zu Johann Gottfried Schadow an die Königliche Akademie. Scheinbar mühelos schon hatte Schadow seine beiden Söhne zu bedeutenden Künstlern herangezogen. Auch Hübner wird ein Großer des 19. Jahrhunderts. Der 18jährige stellt in der Akademieausstellung 1824 einen Karton zu »Ruth. Kap.II.V. 14« ( Boas und Ruth) aus. 1826 war das »Boas und Ruth. Eigene Erfindung« betitelte Gemälde zu sehen – ein Erfolg, denn König Friedrich Wilhelm III. erwirbt es, so dass sein kunstsinniger Sohn sich für das Thema erwärmen kann. Das Buch Rut lässt Hübner keine Ruhe. Auf der nächsten Akademieausstellung 1828 zeigt er eine Wasserfarbenzeichnung mit »Ruths Abschied von Noomi«. Nun beauftragt der Kronprinz den Maler mit einem Gemälde. Der Auftrag war verbunden mit einem Studienaufenthalt in Italien von 1829 bis 1831. Vielleicht auf Anregung des Kronprinzen, der gerade aus Italien zurückgekehrt war, sollte der Golf von Neapel den Bildhintergrund abgeben: Signierung: »1831 Roma«. 1832 war das Werk in der Akademieausstellung unter dem Titel: »Ruth begleitet ihre Schwiegermutter Naemi in die Fremde. Buch Ruth Cap.1, v. 14. Oelgem. Im Besitz Seiner Königl. Hoh. des Kronprinzen«.

 

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Hübner gehört zu den Begründern der Düsseldorfer Spätromantik. Seine tief empfundenen, literarisch versierten Historienbilder in könnerischer Feinmalerei haben ihm in Dresden ab 1832 eine Karriere an der Akademie der Künste und später als Museumsdirektor eingebracht.

 

Der Nationalgalerie fehlen 800 Gemälde durch Kriegsverlust. Die Rückkehr jedes einzelnen Werkes ist daher sensationell. So auch dieses 2005 auf einem Berliner Flohmarkt aufgetauchte Gemälde »Ruth und Naemi« (1830/31). Es gehörte zum Grundbestand der Nationalgalerie. Bei der feierlichen Eröffnung im Jahr 1876 ist es vom Haus Hohenzollern dem Museum übereignet worden.

 

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Seit 1945 gilt es als verschollen. Zuletzt erwähnt ist es auf einer russischen Liste mit Bestandaufnahmen sichergestellter Kunstwerke. Wo es in der Zwischenzeit gewesen ist, ob in der Sowjetunion, zurückgebracht, hier geblieben, lässt sich nicht feststellen. Der Informant erhält einen Finderlohn. Damit ist die Sache abgetan.

Das Gemälde war jahrelang aufgerollt bei schlechter Lagerung. Es hatte große Fehlstellen, zum Glück nur an den Rändern. Mit hohem Aufwand wurde es restauriert und ist am 29. Februar 2008 der Öffentlichkeit übergeben worden. 

 

Beim Vorstellen des Gemäldes im Museum erfuhr man die Geschichte von Rut nur abbreviarturhaft. Die protestantische Berührungsangst vor dem Alten Testament quoll fast über. Die Kuratorin sagte sinngemäß: das Buch Rut ist zu schwierig. Man versteht es kaum. Wir geben Ihnen daher eine Kurzfassung. Wichtiger als die Geschichte selber ist ihre Moral. Weiters wurde zwar auf die spätromantische Düsseldorfer Malerschule hingewiesen, im gleichen Atemzug aber bedauert, dass sie leider genauso veraltet wie der Künstler heute völlig vergessen sei.

 

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Tatsächlich ist die Düsseldorfer Malerei im zweiten und dritten Drittel des 19. Jahrhunderts zum Erfolgsschlager geworden. Auch ihre Neuentdeckung in der Kunstgeschichte seit den Endsiebzigern des 20. Jahrhunderts war fulminant. Wenn man diese Kontexte schon nicht herstellen kann, dann wäre ein Hinweis auf die medialen Künste hilfreich. Denn Fernsehen, Telenovela und Video (Bill Viola) beeindrucken in ihren Einzelszenen mit derselben sentimentalen Emotionalität und akribischen Detailtreue wie Hübner sie darstellt. Minimalismus, concept art usw. – große Mode in der Kunst – diese Strömungen haben auch die jüngere Kunstgeschichte erobert. Ikonographie, ganz und gar Ikonologie, sind in der Nationalgalerie out. Das war schon in den Katalogtexten der Ausstellung »Blicke auf Europa« so und auch kürzlich bei der Neuerwerbung von Eduard Bendemanns Vorarbeit zu den »Juden im Exil«. Doch wie sollen Besucher, junge Leute, so ein Werk schätzen können, wenn ihnen nicht erklärt wird, dass hier – wie im Buch Rut – genau das dargestellt ist, was wir heute um uns haben: Wirtschaftsflüchtige, Immigration, Integrationsprobleme. Ist das Werk nicht eine gute Empfehlung dafür, wie man Integration bewältigen kann?

 

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In der Kabinettausstellung ist jedoch ein kleines Umfeld u.a. mit weiteren von Hübners zehn Gemälden aus dem Bestand der Nationalgalerie zu sehen.

 

 

*Die Namen werden nach der Zürcher Bibel, Ausgabe 2007, aktualisiert.

 

 

 

 

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