Ausstellungsbesprechungen

Käthe Schönle - Im Schatten der Zuversicht und Jörg Bach – Plastiken und Frottagen, Galerie Hollenbach, bis 7. Juni 2010

Die Arbeiten von Jörg Bach nehmen – ob sie nun in sich subvers Geschmeidiges oder andererseits dynamisch raumgreifende Objekte darstellen – allesamt ihren Ausgang aus dem Werkstoff Stahl und beweisen darin gleichzeitig eine außergewöhnlich vielseitige Ausdrucksvarianz. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Käthe Schönle.In ihren Arbeiten beleuchtet sie mit unprätentiös, aber effizient inszenierten Kompositionen die unerschöpfliche Betrachtbarkeit des Menschlichen, des Umgangs mit dem Selbst wie auch eines Miteinanders in verschiedensten und doch je für sich unmittelbar zugänglichen Situationen. Günter Baumann hat sich für PKG mit beiden Künstlern auseinander gesetzt.

Es ist eine Gratwanderung, auf der wir Käthe Schönle und ihren Arbeiten begegnen. In vielerlei Hinsicht: inhaltlich, formal und technisch. Schon der Titel ihrer Ausstellung in der Stuttgarter Galerie Hollenbach deutet den Zwiespalt an, den die 1976 in Riedlingen geborene Künstlerin zum Thema macht – Schatten und Zuversicht, gemeinhin unvereinbar, sobald wir den Schatten symbolisch nehmen, sind die Grundkoordinaten unsres Lebens, das heißt, wir kommen gar nicht drum herum, uns mit der operettenhaften Dialektik von »himmelhoch jauchzend« und »zum Tode betrübt« auseinanderzusetzen. Man mag das für banal halten, aber da das wahre Leben nun mal nicht schwarzweiß gemalt ist, sondern dazwischen alle Graustufen bereit hält – von den Farben ganz zu schweigen –, verspricht der Gegensatz ein flirrendes Feld sich widerstreitender Kräfte. »Im Schatten der Zuversicht« lässt die Gegenpole auch aufeinander los: Zuversicht ja, aber schon in ihr (nicht jenseits oder gegenüber) ist der Schatten angelegt, den es bekanntlich nur da gibt, wo auch Licht ist. Das jauchzend-betrübte Goethe-Wort (im »Egmont«) heißt vorab: »Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein, hangen und bangen in schwebender Pein« und reimt auf das folgende »betrübt«: »Glücklich allein ist die Seele, die liebt«. So einfach, so kompliziert ist das Leben.

Käthe Schönle vermittelt in ihren Zeichnungen jene Spannung, die sich in den Goethe-Zeilen andeuten – nicht illustrierend, sondern leibhaftig: Ihr geht es um die Darstellung von Ängsten, Depressionen und zugleich um die Rebellion dagegen, die Ausbruchsversuche. Das ist künstlerisch riskant, denn wer den Gefühlshaushalt so nah an der Oberfläche ausbreitet, wird automatisch polarisieren. Schönle entgeht dieser Gefahr durch eine für ihr Alter erstaunlichen Souveränität und eine technische Brillanz, die dazu verleitet, eine kafkaeske Größe dahinter zu vermuten. Nirgends verliert sich das Thema in therapeutischer Selbstdiagnose, nirgends verengt sich der Blick ins Manische. Und doch werden Abgründe der Seele zutage gefördert, die unmittelbar berühren, ohne auf ästhetische Kriterien zu verzichten. Die Figuren, die Käthe Schönle aufs Papier bringt, sind überzeichnet, zeugen aber von einer grandiosen anatomischen Kenntnis, mehr noch: Mit beinahe destruktiver Lust sind deren Körper ent-stellt, und zugleich schöpft die Künstlerin Blätter von unglaublicher Schönheit (wenn man darunter nicht eine idyllische Selbstgenügsamkeit versteht) und Fragilität. Dazu kommt ein spielerisches Moment, das die Zeichnung in die Nähe der Karikatur bringt, was durch Bildtexte noch unterstrichen wird. Diese Texte wiederum wechseln zwischen poetischen Einwürfen (»Soll ich meines Bruders Hüter sein?«), Bilderklärungen (»Free yourself and the rest will follow«) oder lakonischen Titeln (»God«), wobei sie auch mit gespiegelten Buchstaben spielt (»Exist«) – möglicherweise nur eine ironische Brechung oder doch auch ein Hinweis auf das doppelgesichtig-absurde Wesen des Menschen in der Nachfolge von Camus' Sisyphos-Chiffre: eine sinnlose, aber glückliche Erscheinung.

Käthe Schönle steht am Beginn ihrer Künstlerkarriere, doch kann man ihren Arbeiten, die ein Interesse am Werk der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas erkennen lassen und sich mit dem Wiener Aktionismus eines Günter Brus auseinandersetzen, ansehen, welches Potenzial noch darin schlummert. Insbesondere ihre Grenzüberschreitungen zur Malerei hin machen dies deutlich, was ja nahezu zwangsläufig einhergeht mit einem vergrößerten Format. Ist die Zeichnerin schon absolut sicher in der Linienführung, gelingt ihr auch der Sprung in den malerischen Gestus, mit einer zuweilen gewagt grellbunten Nachdrücklichkeit. Die Ausflüge in die Malerei sind in der Stuttgarter Ausstellung nur angedeutet, aber die Eigenständigkeit und Detailfülle stehen dem fulminanten zeichnerischen Werk in nichts nach. Leider liegt kein aktueller Katalog ihres Schaffens vor.

Ganz andere Wege begeht der Bildhauer Jörg Bach, Jahrgang 1964, der allerdings schon ein Altbekannter auf der süddeutschen Künstlerbühne ist – auf der Art Karlsruhe war er gleich in mehreren Galeriekojen zu sehen, u.a. auch bei Hollenbach. Vertraut ist seine Wolkenkratzer-Chiffre, die er in raumgreifenden Cortenstahlplastiken regelrecht und technisch brillant aufbaut. Über die Bemalung, die seinen Architektur-Objekten und so genannten »Weg-Weg-Weisern« mitunter eine schwebende Leichtigkeit verleihen, fand er zu polierten Edelstahl-Varianten seiner Kunst, die dazu noch den umliegenden Raum einfangen und für sich nutzbar machen. Über das Staunen darüber, wo seine zusammengestückten, nunmehr ge- bzw. verschlungenen Arbeiten ihren Anfang oder ihr Ende nehmen, vergisst man schnell die nahezu vollendete Balance und die absolute Materialbeherrschung, die dahinter steckt: Während man der spröderen Oberfläche der unbehandelten Stahltürme und Konglomerate eher respektvoll begegnet, reizen die polierten Flächen der so genannten Reflektoren zur Berührung, doch weisen auch hier einige Arbeiten bewusste Reibungsspuren auf, die uns daran erinnern, dass es sich nicht um überdimensionierte Handschmeichler geht, sondern letztlich um mathematische Gesetzmäßigkeiten der Schichtung, Reihung, der unendlichen Schleife, nicht zuletzt der Verhältnisse von Masse und Volumen.