Ausstellungsbesprechungen

Kaiser Friedrich II (1194-1250), Welt und Kultur des Mittelmeerraumes

»nach Empfang der Krone boten wir damit unsere Person dem Herrn dar als ein holocautrum als echte, vollständige Hinopferung.« (Friedrich II.) (Brief vom August 1239 MGH Const. 2 Nr. 219). Auf den ersten Blick erscheint die Methode, die die Ausstellungsmacher zur Interpretation Kaiser Friedrich II. für die Oldenburger Tresorausstellung nutzen, unspektakulär. Ausschließlich mit Dokumenten und Leihgaben aus aller Welt werden Persönlichkeit und Zeit beleuchtet.

Doch diese Mittel sind überaus redlich, weil sie aus den spröden mittelalterlichen Quellen der Monumenta Germaniae Historica, vor allem den kommentierten italienischen Veröffentlichungen zu Friedrich II., gehoben und dann mit umfangreichen Originalkunstwerken ausgepolstert worden sind. Fleisch und Blut gewinnt das Ganze dann durch den gut kommentierten Katalog. Aus Aufsätzen und Kommentaren zu fast 300 Kunstwerken erwächst ein faszinierender Eindruck nicht nur von den gewaltigen Herausforderungen, denen sich dieser Kaiser mit seinem universalen Herrschaftsprogramm der Vereinigung von Kaiserreich (HRDN) und Königreich Sizilien (Rex Sicilie) immer wieder neu gestellt hat, sondern auch von seinem wechselnden Geschick im Umgang mit dem Papsttum.– Innozenz II. Gregor IX., Coelestin IV. waren ihm ernsthafte Partner. Auch entsteht ein überzeugendes Bild von Friedrichs diplomatischer Kreuzzugspolitik. An seinem Hof haben die arabische, griechische und römische Wissenskunde zu triumphalen Forschungsergebnissen geführt, die das Mittelalter weithin überstrahlt haben.

 

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Dennoch, so kontroverse Urteile wie Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen hat kein anderer römisch-deutscher Kaiser der Nachwelt abgefordert. Als »stupor mundi« bewunderten ihn seine Zeitgenossen, denn Friedrichs Taten haben schon zu Lebzeiten die Welt in Staunen versetzt. Die Neuzeit hingegen sah in ihm einen Endzeit-Kaiser, Ketzer gegen das Christentum, Kämpfer gegen das Papsttum, Vorläufer der Reformation und gar den ersten Aufklärer. Historikern erschien er als ein skrupelloser Politiker. Vorgeworfen wurden ihm seine jahrelangen Aufenthalte in Sizilien und Oberitalien, wodurch er die Reichspolitik vernachlässigt habe.

 

Ausstellung und Katalog habe ich auf die Frage hin überprüft, wie anschaulich Friedrich II. aus den Quellen zu uns heraus steigt. So lebendig wie in Oldenburg hat man die hochmittelalterliche Welt anderswo kaum nacherleben können. Präsentiert werden Schätze aus dem Krongut der Wiener Reichsschatzkammer, Idealporträts, Grabbeigaben, Urkunden, Siegel, Friedrich II. Gesetzeswerk, Schrifttum, Codices, illuminierte Handschriften, astrologische Gerätschaften, Gemmen, Münzen, Kunst und Handwerk (Gläser), Elfenbeinarbeiten (Olifant) aus den Hofwerkstätten (Nobiles Officinae), wertvolle Stoffe – alles aus Beständen der Weltmuseen. Einen Höhepunkt stellt das Faksimile des Falkenbuchs »De arte venandi cum avibus« aus dem Vatikan dar. Nachgebaut worden sind einige Computeranimationen und Modelle der ins Maßlose getriebenen Burgen und Schlösser wie das Castel del Monte.

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In der Ausstellung tritt uns außer dem Kaiser Friedrich II. auch der Inhaber dreier Königskronen von Sizilien, Deutschland und Jerusalem und damit verbundener Probleme entgegen. Friedrich II. führte Islam und Christentum zusammen. Er war Initiator eines zwischen Antike, Arabien, Judentum und Christenheit vermittelnden Wissenschaftsapparates. Er gründete eine leistungsfähige Hofkanzlei, namhafte Scriptorien und schuf das erste verbindliche Gesetzeswerk. Unruhig bereiste er die Reichspfalzen. Den V. Kreuzzug hat er auf dem Verhandlungswege gelöst und sein Heer ohne kriegerischen Einsatz nach Jerusalem geführt.


Ein Sonderkapitel sind die vier Ehen des Königs. Der Mensch Friedrich tritt vor allem als Beizjäger mit seiner artifiziellen Leidenschaft für Falken nahe. Er hat ein neuartiges liebevolles Verhältnis zur Tierwelt zum Tragen gebracht, das auch die Kunst (Kapitellplastik) überstrahlt.

 

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Da erscheint kein geläuterter Herrscher, sondern einer, dem sich mit Erfüllung seines Gottesgnadentums, als weltlicher Herrscher der gesamten Christenheit zu dienen, immer aufs neue die Grenzen seiner Macht zeigten: in einem ungeordneten und an seinen Rändern unberechenbaren Reich genauso wie gegenüber einem starken Papsttum, das ihn zweimal mit Exkommunikation bannte. Bei der Lösung seiner Probleme ging Friedrich, je nach dem, kühn, überraschend, diplomatisch oder brutal vor. Die in vielen Rezensionen hervorgehobene Widersprüchlichkeit dieses Herrschers in all ihren Facetten kann nicht für sich gesehen werden, sie ist an der Zeit zu messen, daran, was Friedrich in der »Welt und Kultur des Mittelmeerraumes« tatsächlich bewegt hat, was ihm gelungen und misslungen ist.

 

»Will man aber zu einer zusammenhängenden Aussage über Facetten der Persönlichkeit Friedrichs kommen, dann muss man dennoch alle dazu angebotenen Katalognummern daraufhin studieren und das gewünschte Bild wie ein Puzzlespiel selbst zusammensetzen.« – Dazu zwei Beispiele. »Wer sich diese Mühe nicht macht, muss notwendigerweise Schlagworte aus der Wirkungsgeschichte auswerten.«

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(FAZ 19.2.08 »Drache im Streichelzoo« Das freundliche Gesicht des Stauferkaisers Friedrich II. Dazu Leserbrief FAZ 20.3.08: »Der schlechteste aller deutschen Kaiser«)

 

Erstes Beispiel
Programmatischer Anfang – Geburt und Kindheit

 

Alles begann mit dem »Wunder« seiner Geburt in Jesi (Mark Ancona), das deswegen als neues Bethlehem galt. Kurz nach Weihnachten, am 26. Dezember 1194, gebar Konstanze von Hauteville ihr Kind vor aller Augen in einem Zelt, das mitten auf dem Marktplatz aufgeschlagenen war. Die Erbin des Normannenkönigs Roger II. von Sizilien war schon 40, der Kindesvater, König Heinrich VI., erst 29 jährig. Das war das Wunder. Über seine Geburtsstadt schrieb Friedrich II. 1239, »denn aus Dir (Bethlehem) ist der Herzog gekommen, der Fürst des römischen Reiches«. Die Taufe auf die beiden Namen Friedrich Roger war Väter-Programm. Es ging darum, die Vereinigung des römisch-deutschen Imperiums (HRDN) mit dem normannischen Sizilien, unio regni ad imperium, symbolisch vorwegzunehmen. Vater Heinrich VI. ließ seinen dreijährigen Sohn 1197 zum König von Sizilien wählen. Konstanze von Hauteville, Friedrichs Mutter, setzte am 17. Mai 1198 in Palermo, kurz vor ihrem Tod, noch dessen Königskrönung durch. Friedrichs Großvater, Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der 1188 auf beim IV. Kreuzzug im kleinasiatischen Fluss Saleph ertrank, hatte als Ideengeber lange auf diese Vereinigung hin gearbeitet. Der vierjährige Friedrich wurde jedoch Vollwaise. Seine Vormundschaft übernahm Papst Innozenz III., zugleich war er Verweser von Sizilien.

 

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Wie sollte aber mit dem Kind die von seinen Großvätern, Friedrich I. Barbarossa und Roger II. von Sizilien, geplante Vereinigung von Königtum Sizilien und Kaiserreich vollzogen werden? Das vor Gibraltar und dem Nildelta im Mittelmeer gelegene, bis Mittelitalien reichende Sizilien war ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen, der Griechen, Phöniker, Araber, Römer und Sarazenen. Der Erbe dieses Königreichs Sizilien und des Kaiserreichs wurde zum Spielball der Mächtigen. Der Vierzehnjährige berichtete von sich: »Unter dauerndem Missbrauch des königlichen Namens werde ich mehr regiert, als ich regieren, mehr geheißen, als dass ich heiße, muss ich mehr bitten, als ich bekomme.« (Friedrich II.)

 

Friedrich verstand sich seit seiner Kindheit auf die multiethnische sizilianische Szene. Der Sprachgewandte beherrschte Arabisch, Griechisch, Latein und Hebräisch. Die Vereinigung des Königreichs Sizilien mit dem römischen Reich blieb ihm lebenslang eine zwischen Erfolgen und Niederlagen wechselnde Aufgabe.

 

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Zweites Beispiel
Wettlauf um den Kaiserthron.
»arm und abgerissen wie ein bettler« (Friedrich II.)

 

Dass Friedrich II. überhaupt Stauferkaiser wurde, verdankte er einer im Jahr 1212 überstandenen Krise, aus der ihn eigenes Geschick und Mut im sportlichen Wettkampf und Kriegshandwerk, ebenso Ausdauer – wie von Tristan berichtet wird - herausführte. Aber auch sein gerühmter Scharfsinn, und anderes mehr, spielten dabei eine Rolle.

 

Reichsfürsten betrachten die noch unbesetzte deutsche Königskrone als Machtvakuum. Rasch wählen sie aus dem Welfen-Lager Otto IV. zum König. Der ältere Otto wird von allen deutschen Fürsten 1198 in Frankfurt am Main mit Zustimmung des Papstes zum Gegenkönig eines Königskindes gewählt. Doch erst 1209 zieht Otto zur Kaiserkrönung nach Rom. Danach wagt er mit seiner Reiterei einen waghalsigen Vorstoß auf das Königreich Sizilien. In dem nunmehr fünfzehnjährigen Rex Sicilie musste er seinen Konkurrenten erkennen. Papst Innozenz III. exkommuniziert den aggressiven Otto IV. Mit dem Bann sind Reichsfürsten und -bischöfe vom kaiserlichen Eid entbunden. Daher haben sie Friedrich im Frühjahr 1211 in Nürnberg insgeheim zum »Kaiser der Römer« gewählt.

 

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Im März 1212 bricht der Achtzehnjährige zu dieser Wahl in das ihm unbekannte Deutschland auf. Gleichzeitig eilt aber auch Otto IV. mit seiner gut ausgestatteten Reiterei über den Brennerpass der Heimat entgegen. Es kommt zu einem in der Geschichte beispiellosen Wettlauf mit der Zeit zwischen einem Kaiser und dem »arm und abgerissen wie ein bettler«-König. Wagemutig überquert der junge König unbegangene Alpenpässe. Denn der gangbare Brennerpass blieb ihm versperrt. Ziel beider Herrscher war Konstanz am Bodensee als erster Brückenkopf im Reich. Dessen Bischof hatte die Stadt für den feierlichen Einzug Otto VI. geschmückt. Für Friedrich hingegen wollte er die Stadttore geschlossen halten. Doch ein päpstlicher Legat, Friedrichs Begleiter, drohte auch dem Bischof mit Exkommunikation. An einem Septembertag des Jahres 1212 wurden für König Friedrich die Stadttore von Konstanz geöffnet. Als drei Stunden später Otto IV. mit seinem Gefolge vor den Stadttoren erschien, blieben sie ihm verschlossen.

 

Friedrich lebte neun Jahre in Deutschland. 21jährig wurde er am 25. Juli 1215 in Aachen zum deutschen König gekrönt. Hier verschloss er die Gebeine des 1166 heilig gesprochen Karl den Großen eigenhändig im neuen Karlsschrein. Erstmals ereignete es sich an einem Krönungstag, dass ein König sich das Kreuz an den Krönungsmantel heftete und den Eid auf einen Kreuzzug ins Heilige Land schwur. Er begründete diesen Schritt so: »Voller Demut sannen wir darüber nach, was wir dem Herrn für die uns erwiesenen unendlichen Wohltaten darbringen sollten.« Er nahm das Kreuz und verpflichtete sich zum V. Kreuzzug. Als ein Meisterwerk der Diplomatie führte er nach monatelangen Verhandlungen mit dem Sultan in Akka sein Riesenheer von Nordafrika kampflos nach Jerusalem.

 

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Die umfangreiche Rezeptionsgeschichte von Friedrich II. zu untersuchen, gehört zu den unerledigten Desideraten der Geschichtswissenschaft. Zum Glück haben sich die Ausstellungsmacher in Oldenburg auf dieses Glatteis nicht begeben, sondern nur Dramen über den Kaiser, Sekundärliteratur und das Schrifttum aufgeführt.

 

Folgt man Historiker-Thesen, so stellt sich klar heraus, dass die Wirkungsgeschichte dieses Kaisers von der protestantischen Historiographie des 19. Jahrhunderts politisch vereinnahmt worden ist. Reichs-, Italienpolitik und Ereignisse um Friedrich II. werden dem moralischen Urteil des bürgerlichen 19. Jahrhunderts unterworfen. Im Kulturkampf ist der Kaiser vehement auf die Fahne protestantischer Reichspolitik geschrieben worden – angeblich als einer, der die altgläubige Welt überflogen habe wie einer seiner Falken, die Friedrich II. in dem Buch »De arte venandi cum avibus« selbst beschreibt, und direkt vor den Toren der Neuzeit gelandet ist. Ein Blick auf den Kaiser aus Sicht der katholischen Historiografie fehlt leider im Katalog.




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