Porträts

Karl-Ernst Osthaus

Hagen, eine mittelgroße Industriestadt am Rande des „Ruhrpotts" in Nordrhein-Westfalen, gleicht kulturell gesehen eher einer Wüste. Doch jede Wüste hat ihre Oase, so auch Hagen mit seinem Karl-Ernst-Osthaus Museum. Osthaus (1874-1921), ein gebildeter Bankierssohn, investierte sein stattliches Erbe und sein Gespür für neue Ausdrucksformen der Kunst in einen Museumsneubau mitten im „geistig verwahrlosten Westen".

Dabei ging es Osthaus nicht darum, so Stamm, „ein Denkmal seines Reichtums zu errichten, sondern - im Kontext der Kunsterziehungsbewegung - kulturpolitische Prozesse zu initiieren." Dem gebürtigen Hagener reichte also die angemessene Präsentation seiner Sammlung von Kunstwerken der Moderne, Kunsthandwerk aus Nordafrika und dem Orient und naturwissenschaftlichen Objekte allein nicht aus. Er wollte die geistige Anregung, die er darin fand, auch dem Laien vermitteln und bezeichnete seine Institution daher als „Volksbildungsstätte" und nicht unbedingt als Museum. So veranstaltete Osthaus in dem von Henry van de Velde ausgestatteten Museumsbau regelmäßige Wechselausstellungen, Vorträge und gelegentlich auch Performances, wie etwa die des Tänzers Alexander Sacharoff. Der pädagogische Impetus mit dem Osthaus seinen ehrgeizigen Plan verfolgte, beinhaltete außer der kulturellen Aufwertung der Stadt Hagen auch die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Bevölkerung. Dies versuchte er durch die erzieherische Kraft der Kunst, des Schöngeistigen, zu erreichen. „Jeder sollte der höchsten Güter teilhaftig werden. Nicht durch Besitz, sondern durch inneres Verstehen. Denn wie dem Besitzer die Werke der Kunst oft schweigen, so schenken sie sich rückhaltlos dem, der ihnen mit offenen Sinnen naht." (S. 252/3)

Osthaus´ Bemühungen beschränkten sich nicht auf die Gründung des Folkwang-Museums. 1909 rief er z.B. in Zusammenarbeit mit dem deutschen Werkbund das „Deutsche Museum für Kunst in Handel und Gewerbe" ins Leben, er ließ von Henry van de Velde den Hohenhof errichten (Osthaus´ Wohnhaus) sowie von Peter Behrens den Krematoriumsbau auf dem Friedhof Hagen-Delstern und auch Johan Thorn Prikkers Glasfenster im Hagener Hauptbahnhof geht auf Osthaus´ Initiative zurück.

Bekannt wurde Osthaus außerdem durch seine theoretischen Überlegungen zur Kunst und Kultur seiner Zeit. Dazu gehören kulturpolitische Äußerungen ebenso wie Gedanken zur Weltkunst oder Reden. Diese Schriften, bisher nur verstreut und fragmentarisch publiziert, sind nun bis auf wenige Ausnahmen erstmals kompakt in einem Band abgedruckt. Chronologisch und thematisch in Kapitel geordnet, ist so ein übersichtliches „Nachschlagewerk" zu den Schriften von Osthaus entstanden, z.B. „Auf dem Weg in die Moderne", „Werkbund-Schriften", „Architektur und Städtebau" oder „Schriften zur Schulreform". Abgeschlossen wird das Ganze von einer siebenseitigen Biografie, aufgeteilt in Schriften von Osthaus und Sekundärliteratur, sowie einem Personenregister.

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Einen Eindruck von der Person Karl Ernst Osthaus, seinem Schaffen und seiner Zeit, verschaffen die beiden einführenden Texte „Karl Ernst Osthaus. Auf dem Weg in die Moderne" von Rainer Stamm und „Es ist mein letztes Ziel, die Bildung allen zu bringen..." von Rainer K. Wick. Zwar überschneiden sie sich in einigen Punkten, vermitteln aber dem Leser Wichtiges zur Gründung und Konzeption des Folkwang-Museums, zu anderen auf Osthaus´ Initiative gegründeten Einrichtungen und zur damaligen Reformbewegung der Kunstvermittlung. Gewappnet mit diesem Hintergrundwissen, ist die Auseinandersetzung mit den Schriften von Osthaus´ eingänglicher und ergiebiger. Kurze, optisch abgesetzte Einführungen in die einzelnen Texte erleichtern das Verständnis zusätzlich. Die Wiedergabe der Texte folgt den jeweils genannten Erstdrucken und wurde möglichst authentisch beibehalten. Als sehr angenehm erweisen sich die zurückhaltenden, entweder als Fußnoten verfassten oder in eckige Klammern gesetzten Erläuterungen. Weder gedeutet noch gewertet, lässt Stamm die Schriften für sich sprechen. Zahlreiche schwarz-weiß Abbildungen, z.B. Portraits von Osthaus oder Abbildungen der von ihm gesammelten Kunstwerke, bereichern die ansonsten eher „trockene" Materie.

Trotz der dargestellten Vielfalt von Karl Ernst Osthaus´ Aktivitäten und Überlegungen wird er für viele in erster Linie der Gründer des Hagener Folkwang-Museums bleiben. Im Juli 1902, also vor gut hundert Jahren, wurde das Karl-Ernst-Osthaus Museum als „Folkwang-Museum" an der Hochstraße in Hagen eröffnet. Rechtzeitig zum Jubiläum erschien hiermit eine Publikation, die für die folgende Osthaus-Forschung unverzichtbar sein wird. Sie bringt Osthaus´ innovative Gedanken dem Leser in kompakter Form nahe und würdigt sein Verdienst ohne jede Spur von Lobhudelei.