Ausstellungsbesprechungen

Kunst lebt!, Die Welt mit anderen Augen sehen

Fußball war gestern, die Kunst ist heute. The best of … 300 Werke aus den Kultureinrichtungen Baden-Württembergs sind in einer großen Landesausstellung anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2006 zusammengestellt worden und noch bis zum 24. September zu sehen. Kunst lebt? Der forsche Aufruf des Titels ist zuerst zu hinterfragen: Man stelle sich vor, in den Gipfelzeiten der WM tummeln sich 60.000 Menschen – an einem Tag - auf dem Stuttgarter Schlossplatz und feiern Party – und in unmittelbarer Nachbarschaft bewacht das Museumspersonal des Kunstgebäudes die Exponate einer Ausstellung vor gähnender Leere.

Gerade mal 5000 Menschen fanden während der Fußballomania den Weg zur Kunst, wo doch die als Großevent angekündigte Landesausstellung mit 50000 Besuchern rechnete. Offensichtlich fand das Leben woanders statt. Ernüchtert ist einmal mehr zu beklagen, dass der Durchschnitts-Fußballfan die Museumstür weniger zu öffnen vermag als die Bierflasche, die ihm den Eindruck vermittelt, dabei zu sein: wo auch immer, aber kaum bei der Kunst.

 

Nun könnte man sich besserwisserisch zurücklehnen und herumpropheteln, man hätte es ja immer schon gewusst. Doch lassen wir es bei einem Seufzer und der Überzeugung, dass so mancher sich die Chance vertan hat, eine ganz wunderbar unaufdringliche Ausstellung zu sehen, die selbst Fußballerherzen in der kleinen Halbzeitpause und noch mehr in den ganz großen Pausen zwischen den Spielen hätte höher schlagen lassen. Wer die Gelegenheit, und sei es unter dem Aspekt wohltemperierter Museumsräume bei allzu heißer Witterung, nun nutzen will, der darf sich als Genussmensch durch die Welt an den Blickwinkeln erfreuen, die nicht nur die Bandbreite der Landesmuseen darlegen, sondern auch einen faszinierenden Eindruck von den Blickwinkeln selber gibt.

 

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Begegnungen sind angesagt. In der erfrischend auf ein Provisorium bedachten Ausstellungsarchitektur geht die gedankliche Sightseeing-Tour nicht gerade durch dick und dünn, aber durch Abteilungen wie »Rund und bunt«, »Arm und reich« oder »Kindheit, Jugend, Alter, Tod« und »Natur und Technik. Dabei geht es immer darum zu zeigen, dass das Menschsein sich an diesen Themengruppen entzündet. Es mag schwer sein, einen roten Faden durch ein solches Unternehmen mit naturkundlichen, kunsthistorischen, technischen »Auslegewaren« zu ziehen. Zum Glück fand sich Tilman Osterwold, langjähriger Chef des Württembergischen Kunstvereins und seit über zehn Jahren in allen möglichen Funktionen unterwegs: Dank seiner Erfahrungen weht einerseits durch die Schau eine Harmonie von Wunderkammer und Flaniermeile, und andrerseits bündeln Osterwold und seine Mitstreiter die verschiedensten musealen Stränge zu einem Knoten, sozusagen einem kulminierenden Netzwerk der zeitgenössischen Kunst.

 

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Im Zentrum der Ausstellung breitet sich eine »Piazza« aus mit einer Flut kleinfiguriger Exponate: oberschwäbisches Steingut trifft auf bronzezeitliche Idole, traditionelles Indianerhandwerk auf moderne Kleinplastik. Darum gruppieren sich Arbeiten, die sich mit Lebensalter, Generationen und Kulturkreisen beschäftigen; soziale und zeithistorische Themenfelder weben sich sodann in das Gesamtkunst- bzw. Menschenwerk. Die alltägliche Lebenswelt kreuzt mit Kunstwelten, zugleich begegnen sich tierische Lebewesen aus Fleisch und Blut mit ihren künstlerischen Ab- und Phantasiebildern. Konkret passiert der Museumsbesucher einem lebendigen Ursalamander und fossilen Urviechern, eine altägyptische Mumienmaske nimmt den Dialog auf mit einem Grimassenkopf von Messerschmidt. Von Dürer, Dix & Co. bis hin zu versteinertem Elefantenhirn – noch nie gab es so viel Vielfalt in souverän konzentrierter Form. Dass es dabei jedem Betrachter überlassen ist, seine eigenen Assoziationsrouten zu finden, führt zurück zur lockeren Blickrichtung.

 

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Mit von der Partie sind unter anderen das Landesmuseum für Technik und Arbeit (Mannheim), das Archäologische Landesmuseum Baden-Württemberg (Konstanz), das Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Stuttgart), das Staatliches Museum für Naturkunde (Karlsruhe), das Württembergische Landesmuseum (Stuttgart), das Staatliche Museum für Naturkunde (Stuttgart), die Staatliche Kunsthalle (Baden-Baden), die Kunsthalle (Karlsruhe), das Linden-Museum (Stuttgart), die Staatsgalerie (Stuttgart) und das Badische Landesmuseum (Karlsruhe). Dazu kommen weitere Kultureinrichtungen wie die Akademie Schloss Solitude, die Universitätssammlungen von Heidelberg und Tübingen, das Schiller-Nationalmuseum, die Galerie Mueller-Roth (Stuttgart) und viele andere mehr. So mag man auch noch wünschen, dass das eine oder andere Haus in Folge einen Zweitbesuch in den eigenen vier und mehr Wänden mit sich bringt.

 

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Der begleitende Katalog, den der Snoeck-Verlag so bunt wie die Ausstellungsmacher die Museumsschau gestaltet hat, bietet mehr als die Auflistung der Exponate, deren Präsenz und Kommunikationsfähigkeit nur vor Ort erfahrbar sind. Er überträgt die optische Ausrichtung auf eine les- und hörbare Ebene, indem er zum einen die literarischen Aphorismen, die in der Ausstellungsräumen Nahtstellen wunderbar miteinander verbinden, wieder aufnimmt und zum anderen sehr viel Raum für Interviews bereithält: Zu Wort kommen unter anderen Peter Weibel (ZKM Karlsruhe), Jean-Baptiste Joly (Solitude), Gudrun Inboden (Staatsgalerie Stuttgart) und Thomas Kosche (Landesmuseum für Technik und Arbeit, Mannheim). Dem Gesamtkonzept von Ausstellung und Katalog ist auf den Weg mitzugeben, was Osterwold im Vorwort schreibt: »Das Motto dieser Ausstellungslandschaft könnte heißen: Kunst reflektiert unsere Welt; ich Kontext erweitert und entgrenzt unseren Horizont – eine Aufforderung an die Besuchenden aller denkbaren Zielgruppen zur sinnlichen, emotionalen und selbstreflektiven Betrachtung der Spannungsfelder, die zwischen Menschen und Künsten erlebbar sind.«

 

Das Kunstgebäude lädt ein zu einem sinnlichen Abenteuer. Fußball war gestern, die Kunst ist heute.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Di–So 10–19 Uhr

E-Mail: info@kunstlebt.de

http://www.kunstlebt.de

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