Ausstellungsbesprechungen

Lyonel Feininger in Weimar

Ein fest in die Ausstellungsarchitektur des Weimarer Bauhaus Museums eingebauter Tunnel und die Terrasse darüber sind die Orte der Wiederkehr des New Yorker Künstlers nach Weimar. Dorthin kam Feininger nicht wegen des Bauhauses, sondern bereits viel früher wegen seiner Freundin und späteren Frau Julia Berg. Das war vor genau 100 Jahren und damit 50 Jahre vor seinem Tod, was gleich doppelten Anlass zu einer Würdigung bietet. Die Geliebte lockte ihn von Berlin in die Provinz und zog mit ihm zu ausgedehnten Spaziergängen in die Umgebung los, auf denen beide die winzigen Dörfer mit ihren Kirchen und Brücken zeichneten.

Julia Berg war es auch, die den gelernten Illustrator zur Malerei bewegte. Die berühmten späteren Gemälde der mystischen, in prismatische Strahlen zerlegten Kirchen „Gelmeroda“ oder „Dröbsdorf“ gehen auf die Skizzen und Zeichnungen in den thüringischen Ortschaften rings um Weimar zurück.

  

34 dieser „Naturnotizen“ hat die Klassik Stiftung Weimar aus Privatbesitz erworben und sie alle werden in der Weimarer Ausstellung nun zum ersten Mal öffentlich gezeigt. Wie die Bezeichnung „Notizen“ nahe legt, waren diese Aufzeichnungen ländlicher Orte und Impressionen ein Motivreservoir für die spätere künstlerische Bearbeitung. Feininger steckte sie in Aktenordner (auf vielen der Zeichnungen sieht man die durchgestanzten Lochungen) und maß ihnen offensichtlich keinen eigenständigen künstlerischen Wert zu. Beim Betrachten der Skizzen von Kirchen, Brücken, Gassen und Häusern erkennt man jedoch bald gewisse Unterschiede. Manche zeigen nur die isolierten architektonischen Körper der von Feininger geliebten kubisch verwachsenen Dorfbauten, manche beziehen Landschaft mit ein, variieren die Perspektive oder sind sogar mit farbiger Kreide bearbeitet. Auf einigen Bildern sind auch Menschen zu sehen. Sie geben den Zeichnungen einen genrehaften Anstrich und zeugen von der Vergangenheit des Bauhaus-Meisters als Karikaturist und Illustrator.

 

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Ist der zeichnerische Unterbau durchwandert, steigt man aus dem Archivkeller eine Treppe hoch auf die museale Aussichtsterrasse, deren Blickpunkte druckgraphische Arbeiten, die künstlerischen Umarbeitungen und kreativen Kombinationen aus dem zeichnerischen Zettelkasten sind. Besonders in den Lithografien sieht man den Wandlungsprozess im Darstellungsinteresse gegenüber den „Notizen“: Das motivisch Pittoreske weicht der formalen Abstraktion, die eckigen Formen der Architektur verselbstständigen sich zu einer Strukturierung des Bildfeldes durch Kanten, Radien und Kuben. Die Gebäude bleiben bei alledem erkennbar, es scheint, als baute sich das Schiefe und organisch über- und nebeneinander Gesetzte in alle Richtungen weiter fort. In Blickweite der Feininger-Terrasse, zwischen den Dokumenten zur Gründung des Bauhauses, hängt Feiningers wahrscheinlich berühmtester Holzschnitt: Die Kathedrale der Zukunft, Titelbild zum Bauhaus-Programm 1919.

 

Überhaupt sind praktisch alle Exponate des Museums in Blickweite, denn entgegen der Vermutung, die Kulturhauptstadt Weimar leiste sich eine großzügige Bühne für ihre Bauhaus-Schätze, drängeln sich Schlemmer und Itten auf engstem und heutigen musealen Anforderungen kaum entsprechendem musealen Raum. Doch der den Bedingungen des Ortes geschuldete Zwang zur Bescheidenheit der Präsentation hat auch seine Vorteile. Denn die Klassik Stiftung Weimar und ihre Unterstützer lassen sich nicht lumpen und haben neben den bislang unveröffentlichten Zeichnungen auch gleich noch einen weiteren Großeinkauf getan. Und so hängt, dicht neben Breuer-Stühlen und Max Pfeiffer-Watenphul die kurz vor dem Abschluss stehende Neuerwerbung von „Gelmeroda XI“, dem letzten noch verfügbaren Werk aus der Gelmeroda-Serie.

 

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Merkwürdige Kontraste: ein ächzendes Museum, das eine zwar kleine, aber hochkarätige Schau fast ausschließlich mit Neuerwerbungen von Werken bestreitet, nach denen der internationale Kunstmarkt die Finger reckt. Dem Weimar-Besucher soll es recht sein, würden ihm nur nicht besorgte Blicke an die bröckelnde Saaldecke den Kunstgenuss stören.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Mo-So 10-18 Uhr

 

Einrittspreise

4,50 €, erm. 3,50 €, Schüler 1 €

 

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