Ausstellungsbesprechungen

Magnum Photos curated by Helmut Lang. »A-WORLD« und »Thomas Hoepker. Atelierbesuche«

In einer spannenden Parallelausstellung präsentiert die Robert Morat Galerie in Hamburg bis zum 16. August 2008 die fotografischen Arbeiten Thomas Hoepkers, die in den Ateliers populärer New Yorker Künstler in den 1980er Jahren entstanden sind sowie eine Videoinstallation, die Helmut Lang für Magnum kuratiert hat.

A-WORLD. Magnum Photos curated by Helmut Lang

Anlässlich ihres 60. Jubiläums plante die renommierte Fotografenagentur Magnum im Frühjahr 2007 ein spektakuläres urbanes Ausstellungs- und Projektionsprojekt in New York. Als einer der Gastkuratoren wurde Helmut Lang (*1956) – eine bedeutende Stimme im Dialog zwischen Kunst, Mode und Design – gebeten, sich in die Tiefen des riesigen Magnum-Archivs zu begeben, um für eine Videoprojektion eine eigene Auswahl zu treffen.

Helmut Lang bringt das Anliegen seiner Videoinstallation auf den Punkt, wenn er sagt: »Es hat mich interessiert, einen neuen Blick auf das Archiv zu werfen und das Interesse einer jungen, multimedialen Generation zu wecken, die an das Aufnehmen von Bildern und Informationen in hoher Geschwindigkeit gewöhnt ist.« Lang, der im Laufe seiner Karriere immer in enger Beziehung zu Künstlern stand, wählte sechzig Künstlerporträts, Atelierinnenräume und Ausstellungsansichten von Magnum-Fotografen wie Thomas Hoepker, Jim Goldberg, Inge Morath, Lise Sarfati, René Buri und Alec Soth aus. In rascher Folge geschnitten, ergeben diese sechzig Arbeiten eine eigenständige Installation, die vom Ton aus dem Künstlerporträt Louise Bourgeois’ »C’est le murmure de l’eau qui chante« von Brigitte Cornand (Les Films du Siamois, Paris 2002) begleitet, einen ganz eigenen Charme entwickelt.

Thomas Hoepker. Atelierbesuche

Thomas Hoepker, der sich immer als Auftragsfotograf verstand und sich selbst einmal als »Bilderfabrikanten« bezeichnet hat, bringt Aufnahmen hervor, die sich durch sublimen Stil, ungemeine Bilddichte sowie einen hohen ästhetischen Reiz auszeichnen. Zeugen dieser künstlerischen Qualität sind unter anderem die in den frühen 1980er Jahren für den STERN entstandenen Fotoarbeiten, die New Yorker Atelierbesuche auf ihre ganz eigene Weise dokumentieren. Hoepker porträtierte über mehrere Jahre hinweg die Protagonisten der New Yorker Künstlerszene, wobei er unter anderem Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Jasper Johns, Keith Haring, Jeff Koons, Christo oder Kiki Smith aufsuchte. Eine Auswahl dieser bei seinen Atelierbesuchen entstandenen Aufnahmen sind nun in der Robert Morat Galerie zu sehen.

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Roy Lichtenstein (1923-1997) etwa, der neben Andy Warhol wohl einer der bekanntesten Vertreter der Pop-Art war, wird von Thomas Hoepker in die markante, von kräftigen Farben geprägte Rasterung integriert und verschmilzt auf diese Weise mit seiner Kunst: Vor einer schwarz gepunkteten und gelb gerahmten Fläche sitzend – wie sie uns aus seinen markanten comicartigen Werken bekannt ist –, hält der Porträtierte ein mit gleichmäßigen Löchern durchsetztes rotes Gitter vor Gesicht und Korpus, so dass er weniger als Person als vielmehr durch seine Kunst dem Betrachter vertraut erscheint. Die Struktur und die farbliche Komposition, die Hoepker hier experimentierfreudig zusammengebracht hat, unterstreichen das ästhetische Prinzip der Fotografie.

Auch bei Jasper Johns (*1930) sucht Thomas Hoepker das künstlerische Schaffen in die fotografische Arbeit einzuweben. Johns, der sich als Bindeglied zwischen dem Abstrakten Expressionismus und der Pop-Art einfügte, übertrugt in den Anfängen seines künstlerischen Schaffens alltägliche, den Amerikanern vertraute Motive in einer spezifischen Technik auf den Bildträger. Eines seiner wohl bekanntesten Werke aus dieser Zeit ist die Arbeit »Flag« (1954/55), bei der Jasper Johns die Technik der Collage mit jenen der Ölmalerei und der Enkaustik – ein Verfahren, bei dem das Farbpigment mit flüssigem Wachs gebunden wird – verband. Die daraus resultierende haptische Qualität der Arbeit wird in der Fotografie Thomas Hoepkers festgehalten, der den Künstler hinter einer Glasfläche aufgenommen hat, die die gewellte amerikanische Flagge spiegelt.

Während das Gesicht im Profil, der rechte Unterarm, die rechte Hand, die tastend die Stirn berührt und nicht zuletzt das grau schimmernde Haar des Porträtierten hervorstechen, bilden das dunkle Hemd und der schwarze Hintergrund einen idealen Träger der sich im Glas reflektierenden Flagge mit ihren weiß-roten Streifen sowie den weißen Sternen auf blauem Grund.

Ein etwas anderes Paradigma der »Atelierbesuche« begegnet uns in der Aufnahme Christos (*1935), der durch seine groß angelegten urbanen, aber auch in der freien Landschaft stattfindenden Verpackungsaktionen bekannt ist. Zu vielen seiner Großraumprojekte entwarf der Künstler so genannte »preparatory works«, etwa in Form von Collagen oder Graphiken. Und über einer derart angelegten, großformatigen graphischen Vorarbeit ist Christo auf Thomas Hoepkers Fotografie eingefangen. Der Künstler liegt, das rechte Bein bequem angewinkelt, auf den linken Unterarm gestützt auf der Seite. Dabei bleibt dem Betrachter verborgen, worauf der Porträtierte eigentlich Halt findet, da die Graphik, die den verhüllten Reichstag in Berlin zeigt, dies im Verborgenen hält.

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Im Gegensatz zu den vorherigen Arbeiten verschmilzt Christo nicht mit seiner Arbeit, sondern wird in ein harmonisches Bildgefüge integriert: Sein Körper greift im auf und ab der Gliedmaßen das architektonische Spiel auf, das sich auf der unter ihm stehenden Graphik artikuliert.

Thomas Hoepker hat in den hier gezeigten Arbeiten bewiesen, dass seine Fotografien Seele besitzen. Er dringt in die Materie ein und verharrt nicht an der Oberfläche, weiß aber gleichzeitig das Geheimnisvolle zu wahren, das den Betrachter so magnetisch zu seinen Arbeiten hinzieht. Mit den »Atelierbesuchen« sind Aufnahmen entstanden, die nicht nur durch Inhalt, sondern auch und vor allem durch eine aussagekräftige Bildästhetik überzeugen.

Mit »A-WORLD. Magnum Photos curated by Helmut Lang« und »Thomas Hoepker. Atelierbesuche« ist der Robert Morat Galerie kurz vor der Sommerpause wieder einmal eine spannende Ausstellung gelungen, die durch eine wohl durchdachte Positionierung der Werke, durch das mediale Zusammenspiel und besonders durch die künstlerischen Arbeiten von Helmut Lang und Thomas Hoepker den Besucher begeistern wird. In diesem Sinne sei auf Johann Wolfgang Goethe verwiesen, der in seiner »Italienischen Reise« schrieb: »Die Kunst ist deshalb da, dass man sie sehe, nicht davon spreche, als höchstens in ihrer Gegenwart.«

 

Weitere Informationen


Öffnungszeiten
Di-Fr 11-18 Uhr
Sa 11-16 Uhr und n. V.

Eintritt frei

Die Robert Morat Galerie in Hamburg bietet neben wechselnden Ausstellungen deutscher und internationaler Fotografen ein ausgesuchtes Sortiment von Büchern und Zeitschriften zum Thema Fotografie.