Ausstellungsbesprechungen

Malewitsch: Das Schwarze Quadrat – Hommage an Malewitsch

Auch die Leere ist greifbar. Aber wäre sie dann noch leer? Als Kasimir Malewitsch 1914 sein »Schwarzes Quadrat auf weißem Grund« zur Futurismus-Ausstellung nach St. Petersburg (damals Petrograd) schickte, hatte er in letzter Konsequenz die Gegenstandslosigkeit zum Gegenstand des öffentlichen Interesses – oder der öffentlichen Empörung – gemacht und langfristig eine oder gar die Ikone der modernen Kunst geschaffen.

Weiter ging es in der Malerei nicht (auch wenn die Wege dahin bis heute nahezu unendlich vielfältig sind). Malewitsch wollte allein das malen, was der Titel eben aussprach, und er spekulierte doch auch mit mehr: dieses Nichts als Thema empfindbar, spürbar zu machen, sogar als eine Art Non plus ultra, leitete sich ja auch der daraus erwachsende Stil des Suprematismus von »supremus«, das Höchste, ab.

Die Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle macht den tatsächlichen Stellenwert deutlich, den Malewitschs Quadrat bis heute hat: zum einen sind die Zeitgenossen zu sehen, die zitierend oder auf Umwegen oder bewussten Abwegen darauf eingingen, und zum anderen wird die europäische und US-amerikanische Kunstgeschichte nach 1945 auf das schwarze Quadrat hin ausgelotet, wobei weiße und blaue Quadrate als Spielarten mit dabei sind.

Die Liste der beteiligten Künstler lässt sich sehen: Alexandra Exter, Ivan Kljun, El Lissitzky, Kasimir Malewitsch, Michail Menkow, Ljubow Popowa, Alexander Rodtschenko, Olga Rosanowa, Wawara Stepanowa, Nikolai Suetin und Ilja Tschaschnik stehen für die russiche Seite; Carl Andre, Art & Language, Samuel Beckett, Hanne Darboven, Lucio Fontana, Felix Gonzalez-Torres, Donald Judd, Hubert Kiecol, Yves Klein, Imi Knoebel, Jannis Kounellis, Sol LeWitt, Heinz Mack, Allan McCollum, Gerhard Merz, Bruce Nauman, Heribert C. Ottersbach, Claes Oldenburg, Sigmar Polke, Ad Reinhardt, Reiner Ruthenbeck, Robert Ryman, Richard Serra, Jean Tinguely, Rosemarie Trockel, Günther Uecker, Franz Erhard Walther und noch ein paar mehr vertreten den Westen. Insgesamt kommen 100 Arbeiten zusammen.

Blickfang und verwegenste Arbeit ist jedoch nicht (mehr) Malewitschs großartiges Gemälde, sondern der »Cube Hamburg« von Gregor Schneider, der im Vorfeld mächtig Wirbel verursacht hatte: 2005 sollte der Würfel den Markusplatz zieren – als mögliches Zitat der Kaaba in Mekka ließ jedoch die Biennale-Leitung erzittern, und der Cube ging auf Pilgerschaft, blieb ungezeigt in Berlin und fand schließlich einen Stellplatz vor Ungers' weißem Museumswürfel in Hamburg. Ob dazu nun Mut gehörte oder nicht, die Entscheidung, das Werk als Wegmarke in die Ausstellung zu nehmen, war hervorragend.

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»Wir müssen die Freiheit der Kunst verteidigen. Deshalb musste der Kubus gebaut werden!«, so war der Kunsthallenchef Hubertus Gaßner zu vernehmen. Freilich sind die Assoziationen mit dem religiösen Zentralheiligtum des Islam gewollt, allerdings hält sich Gregor Schneider die Brücken zu den anderen Weltreligionen über die Person Abrahams offen (der gilt als Schöpfer der eigentlichen Kaaba).

Eingebettet ist die Quadrat-Schau – nebenbei bemerkt: Die Sammlung Ritter würde sich die Finger danach lecken – in zwei Festwochen zwischen dem 30. Mai und dem 17. Juni, die sich der Städtepartnerschaft von Hamburg und St. Petersburg widmen (»Festival der Städtepartner« und »Deutsch-Russische Woche«). Dazu gehören Theatervorführungen, Konzerte und Symposien – sowie die herrliche Malewitsch-Begegnung (immerhin rund 40 Exponate stammen von dem Meister des Suprematismus) mit der minimalistischen Kunst.

»Mir gefällt der Gedanke, dass meine Kunst in der Tradition der revolutionären russischen Kunst steht«, freute sich Carl Andre, der sein Quadrat auf dem Boden ausgebreitet hat. Fein anekdotisch kokettierte Sigmar Polke mit dem russischen Kollegen, als er 1969 eines seiner berühmtesten Gemälde betitelte mit »Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!« Die diesseitige Ebene vertritt Noryuki Haraguchi, der Malewitsch mit Altöl die glänzende Stirn zeigt.

 

 

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