Ausstellungsbesprechungen

MARTa. Vom „Provinztheater“ zum Provinzmuseum – Das MARTa Herford und die Eröffnungsausstellung „(my private) HEROES“

Nun ist es endlich geschafft. Das „MARTa Herford“, so der offizielle Name, wurde am 9. Mai 2005 der Öffentlichkeit übergeben. Bis dahin war es ein langer, bis Weilen „back“-steiniger Weg.

Als das Marta durch Wolfgang Clement, der 1992 noch Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen gewesen war, angeregt wurde, sollte es den stark vernachlässigten Wirtschaftsstandort Ostwestfalen-Lippe aufwerten und – so Clement in seiner Laudatio – die Stärken einer Region aufzeigen. Aber Jan Hoet, der als erfahrener Kurator und Museumsleiter herangezogen wurde, hielt nichts vom „vermöbeln“ und so wurde, kurzer Hand das Museum zu einer Multifunktionshülle. Neben dem ursprünglichen Thema der Möbelpräsentation, so Hoets Überzeugung, mussten weitere Faktoren (oder Attraktionen) in die Provinz geholt werden: Wie sonst soll ein Museum, dass nur Möbel zeigt, auf Dauer in einer Umgebung von sonst mittelgroßen Metropolen existieren können. So entschloss man sich, die Kunst und die Diskussion – im Titel des Martas mit Forum bezeichnet – in das Konzept aufzunehmen.

Die Multifunktionshülle, die sich aus der denkmalgeschützten Bausubstanz des ehemaligen Betriebsgebäudes der Firma Ahlers und dem Neubau des Stararchitekten Frank O. Gehry besteht, bietet ein Konzept, das sich herkömmlichen Museumsdefinitionen entzieht. So verspricht es eine Präsentations-CD, die das Marta zur Eröffnung des Hauses herausgegeben hat. Ob die Museumsmacher dieses Versprechen einlösen können, wird sich in Zukunft zeigen.

Dass sich Herford mit seiner Vision einer extremen Herausforderung gestellt hat, ist allerdings sicher. Denn diesmal geht es nicht darum, das Museum als ein zu Stein gewordener Bürgerwille zu hegen und zu pflegen. Im Vorfeld, während des Baus und sogar zur Eröffnung wurden Stimmen laut, die den Größenwahn einer Provinzstadt im Osten des Bundeslandes anprangerten. Diese Stimmen blieben natürlich bei den Feierlichkeiten vor der offiziellen Übergabe vor der Tür, aber selten sind Gegner so langatmig und laut. Seit Beginn der Planung hat der Bürgermeister der Stadt dreimal gewechselt.

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Dieses zeigt, wie geladen die Stimmung in der Stadt ist. Bedacht werden muss auch, dass 150 Gegner mit Transparenten und Megaphonen bei der Eröffnung in Herford vielleicht 5000 Gegner in einer Stadt wie Düsseldorf oder Köln bedeuten würden. Angemerkt werden muss auch, dass die Museumsgegner aufgrund der schlechten Haushaltslage, der Arbeitslosigkeit und der Verschwendung von Steuergeldern auf die Straße gegangen sind. Die 29 Mio. Euro, die alleine für das Bauvorhaben investiert wurden, werden auch nicht das Ende des Finanzierungskarussells sein. Die Idee der Museumsgegner beläuft sich vielmehr auf die Schaffung von Kindertagesstätten und die Finanzierung von Bildung. Wer aber glaubt, Jan Hoet nähme sich den Äußerungen nicht an, der irrt. Ganz im Gegenteil: Er ist sich sicher, dass die Investition in das Museum eine Ertragsquelle für die Stadt ist. Da Frank O. Gehry dieses Kunststück schon in Bilbao gelungen ist, lässt darauf hoffen, dass der Erfolg in Herford wiederholt werden kann.

Visionen hin, Gegnerschaft her. Was sich aus der jungen Geschichte des Martas ablesen lässt, ist schon jetzt klar. Herford hat für verhältnismäßig wenig Geld einen hervorragenden Museumsdirektor und einen Stararchitekten an Land gezogen, die den Ruf der Stadt Herford in die Welt hinaustragen und mehren werden. Auch durch die feststehende Namensnennung „Marta Herford“ ist den Stadtoberhäuptern von vorn herein klar gewesen, dass die Stadt von nun an als „die größte unter Deutschlands kleinen Städten“ viel zitiert und häufig im Gespräch sein wird.

Eröffnungsausstellung „(my private) HEROES“ – 07. Mai bis 21. August 2005

Kritisch muss man allerdings mit der Frage umgehen, was nach der Zeit von Jan Hoet kommen wird. Er verspricht immer wieder, ein Feuerwerk abzubrennen. Dies ist ihm sowohl mit seiner Eröffnungsausstellung „my private heroes“ als auch mit der Show zum ursprünglichen Eröffnungstermin, zu der Performer wie Marina Abramoviæ einladen waren, gelungen. Sein Nachfolger wird ähnlich ambitionierte Ausstellungen mit ähnlich guten Kontakten zu Sammlern, Künstlern und anderen Museen bieten müssen, um an der Qualität und auch der Quantität seiner Ausstellungen heranreichen zu können.

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Mit „my private heroes“ hat Hoet die Frage nach der Entstehung von Vorbildern und Verführern gestellt und obendrein den Einfluss der Medien hinterfragt. Er führt Figuren wie Josef Beuys, Panamarenko, Guillaume Bijl oder den Surrealisten Paul Delvaux an, um an ihnen exemplarisch das Detail der Persönlichkeit aufzuzeigen, das diese Künstler zu seinen Helden macht.

„Künstler haben aus ihrer Außenseiterposition heraus zwangsläufig ein distanziertes, wenn nicht gar subversives Verhältnis zum Helden und der Darstellung des Heroischen. Deswegen sind sie aber gerade die besten Seismographen, um die Ambivalenz und Brüche, die Grenzen zwischen heilig und schein-heilig auszuloten.“ so Hoet. Ihm geht es also in der Ausstellung nicht nur darum, „seine“ Helden der Kunstgeschichte aufzuzählen, sondern auch den Fassettenreichtum der Heldenrezeption in der Kunst aufzuzeigen.

Martin Kippenberger in Unterhose, Andy Warhol mit Attentatswunde oder ein im Exil lebender Max Beckmann sind Stellvertreter für die Selbstdarstellung. Sie vergisst Hoet ebenso wenig wie die Künstler Barbara Kruger oder Yves Klein, die mit Printmedien arbeiten, um sich oder Andere zu Medienstars werden zu lassen.

Der „klassische“ Held fehlt aber auch nicht in der Ausstellung. So sind Che von Garvin Turk und Fidel Castro von Alberto Corda neben Willi Brandt von Barbara Klemm oder C.O. Paeffgen, Hildegard Knef von F.C. Gundlach oder Lance Armstrong von Robert Carpa zu sehen.

Auch die anonymen Helden, die ermordeten Helden oder die schaffenden Helden finden ihren Platz in der Ausstellung. Manchmal stehen auch nur Schusswaffen, Einschusslöcher, Wunden oder das Begraben werden durch den Überfluss als Stellvertreter für das Martyrium des Helden. Aber immer ist eine Person Mittelpunkt des Geschehens.

Ein Bild fiel in der Ausstellung besonders auf. Ein Foto, das direkt am Eingang zum zentralen Raum des Neubaus gehängt wurde. Es zeigt einen sympathischen bärtigen Mann, der wohl in seinen Gedanken den Blick aus dem Bild heraus wendet. Es zeigt Harald Szeemann. Dieser Platz ist wohl gewählt und jedem Besucher ist sofort klar, wie diese Geste der Hängung zu verstehen ist.

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Jan Hoet hat für sein Haus bislang viel (auch journalistische) Schelte einstecken müssen. Er aber hat die Herausforderung angenommen. In Zukunft werden die Qualität der Ausstellungen und die Statistiken zeigen, ob sich der Aufwand für Herford gelohnt hat. Bewundernswert wird aber immer die Kraft und Willensstärke sein, die Hoet für seine Ideen aufbringt.

 

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6,00 € Eintritt pro Person | 3,00 € ermäßigter Eintritt