Ausstellungsbesprechungen

Martin Liebscher. 'Full House'

Die Börse in der Wohnmaschine

Dieser Beitrag entstand im Rahmen der von Nikola Kuhn betreuten Übung "Die Praxis der Kunstkritik" an der Freien Universität Berlin.

Jeder kennt Ansichten der Börse aus Nachrichten und Zeitschriften. Sie war schon immer ein reizvolles Motiv für Fotografen und Künstler. Aus der Vogelperspektive schaut der Betrachter auf das geschäftige Treiben einer Börse. Bildschirme mit Kursnotierungen, Computer, Spekulanten und umher fliegende Zettel lassen ein Gewirr entstehen. Betrachtet man das Spektakel aus einiger Entfernung bleibt nur ein bunter Teppich.

 

Ganz anders wirkt die großformatige Fotoarbeit „Deutsche Börse“ von Martin Liebscher, die in der Ausstellung „Full house“ in der Berliner Galerie Wohnmaschine zu sehen war. Hier kann der Zuschauer das Geschehen unmittelbar und in Augenhöhe verfolgen. Mehr noch, er scheint mitten drin zu stehen. Die Gefühlsregungen und Beschäftigungen eines jeden Börsianers sind genau zu sehen. Am rechten Bildrand rutscht ein Übermütiger das Treppengeländer hinunter, ein Geschäftiger telefoniert, ein Gelangweilter raucht, und ein Erschöpfter ist auf dem Parkett eingeschlafen. Während man das fast fünf Meter lange Werk abschreitet, entdeckt man in jeder Ecke Männer, die alle mit unterschiedlichen Dingen beschäftigt sind. Keine Tätigkeit wird wiederholt. Das einzige gleichbleibende Moment ist das Modell und seine Kleidung: Herr Liebscher höchst persönlich. 

 

Der 1964 in Naumburg geborene Künstler benutzte sich selbst als Modell. Nachdem er sich selbst in unterschiedlichen Posen fotografiert hat, werden die einzelnen digitalen Aufnahmen im Computer zusammengesetzt. Das Prinzip wurde auch schon von anderen Künstlern genutzt. Pippilotti Rist und Cindy Sherman fotografieren sich selbst immer wieder in unterschiedlichen Kostümen und Situationen und an verschiedenen Orten. Der Grund ist meistens kein narzistischer, sondern ein rein praktischer. Ein Modell kostet Geld und muss erst einmal verfügbar sein. Der Künstler selbst ist sowieso anwesend und weiß am besten, wie Mimik und Gestik für ein bestimmtes Foto aussehen sollen.

Martin Liebscher versteht es sehr geschickt, die verschiedenen Gefühlsregungen der Börsianer nachzustellen. Von tiefster Verzweiflung über cholerische Wutausbrüche bis hin zu  überschwenglicher Freude ist alles vertreten. Dabei entsteht nicht die ernste und angespannte Stimmung, die man auf einer Börse erwarten würde. Vielmehr huscht dem Betrachter ein Lächeln übers Gesicht, wenn er die nächste tragisch komische Figur entdeckt. Wie zum Beispiel der verzweifelte Mann am unteren Bildrand, der versucht ein Bündel Dollarnoten aufzuessen.

 

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Die Arbeit entspricht sehr schön dem Wesen des Galeristen. Als Friedrich Loock anlässlich einer Einweihungsfeier die Bilder eines Freundes in seiner Wohnung ausstellte, konnte er noch nicht ahnen, dass er einmal die Höhen und Tiefen eines Galeristendaseins erleben würde. Schon am Abend des Festes wurde er von einem Musiker gefragt, wann er denn mal seine Fotografien zeigen könnte. So wurde aus der spontanen Idee eine ständige Einrichtung mit zwei Öffnungstagen in der Woche. In die Einzimmerwohnung in der Auguststraße kamen viele Gäste, die gern erzählten und Wein tranken, aber noch keine Käufer. Wie lange er das Projekt unter diesen Umständen weiter verfolgt hätte, kann Friedrich Loock nicht sagen. Die Wende war eine gute Zäsur. In Mitte entstanden neue Veranstaltungsorte, wie zum Beispiel das Tacheles, Geschäfte, kulturelle Institutionen und Galerien. Sowohl die ungewöhnlichen Umstände, als auch die Tatsache, dass Friedrich Loock mit einundzwanzig Jahren der jüngste Galerist war, verschafften ihm viel Publicity. Dadurch konnte er die Ausstellungsräume zunächst auf die darunter liegende Wohnung erweitern. Später wurde ein leer gewordener Laden in der Tucholskystraße angemietet, wo sich die Galerie auch heute noch befindet.

 

Mit der professionellen Adresse wurden auch die Geschäfte aufwendiger und turbulenter.

Jede Vorbereitung der vielen Ausstellungen hat ihre eigene spannende und oft auch unvorhersehbare Geschichte. Ein langfristig geplantes aufwendiges Projekt wurde am Ende teurer als vermutet und brachte nicht den erhofften Durchbruch. Die nächste Vernissage, erzählt Friedrich Loock, begann dagegen sehr chaotisch. Da der eingeladene Maler mit seinen Arbeiten nicht rechtzeitig fertig wurde, mußten in kürzester Zeit andere Künstler gefragt werden. Die spontane Auswahl stellte sich aber schnell als gelungene Zusammenstellung heraus, und die Ausstellung wurde ein voller Erfolg. Auf der einen Seite verspekulierte Projekte und unvorhergesehene Ereignisse, auf der anderen Seite gute Intuition und Glück. Wie an der Börse eben.  

 


Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten

Dienstag bis Samstag 11 bis 18 Uhr

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