Ausstellungsbesprechungen

Matta - Fiktionen, Bucerius Kunst Forum Hamburg, bis 6. Januar 2013

Gleich neben dem Hamburger Rathaus wird im Bucerius Kunst Forum ein repräsentativer Ausschnitt aus dem Lebenswerk des chilenischen Surrealisten Matta (1911 – 2002) gezeigt, dessen gelegentlich figürliche, meist aber abstrakte, oft sehr große und spektakuläre Bilder das Publikum in Erstaunen versetzen. Stefan Diebitz war und ist begeistert.

Matta verzichtete auf einen Rat Salvador Dalís hin in den späten Dreißigern – ganz zu Beginn seiner Karriere – auf die pompöse Reihe seiner zahlreichen Vornamen und ließ fortan allein seinen Nachnamen gelten. Nur gelegentlich wird er als Roberto Matta angesprochen. Dieser Maler brachte das Kunststück fertig, während seiner, mehr als sechs Jahrzehnte umfassenden, Schaffenszeit immer wieder neu anzusetzen und trotzdem unverkennbar er selbst zu bleiben. Wer die sechsunddreißig Gemälde in Hamburg gesehen hat, der nimmt den Eindruck eines stilistisch geschlossenen, trotzdem aber vielseitigen und überaus interessanten Werkes nach Hause.

Ursprünglich war Matta Architekt, und arbeitete 1933 für eine kurze Zeit in Paris in Le Corbusiers Büro. Schon diese ersten Jahre nach seinem Abschluss der Universität sind für ihn typisch, weil er ganz radikal mit seiner Familie brach, die er nie wieder treffen sollte, und weil er, der sein Leben lang ein echter Weltbürger blieb, sich bereits in diesen jungen Jahren nacheinander in Paris, London und Stockholm aufhielt. 1937, zurück in Paris, wurde er zum Maler, lernte André Breton und Salvador Dalí kennen und trat der Gruppe der Surrealisten bei, die in ihm den Entdecker des Raumes für den Surrealismus feierten.

Was hatte dieser Maler zuvor in dem Büro von Le Corbusier verloren? Alles in seinem Werk steht in Opposition zu dessen Ansichten. Den rechten Winkel lehnte er so entschieden ab, wie ihn Le Corbusier verherrlichte, und überhaupt stand er den Errungenschaften der Technik eher skeptisch gegenüber. Besonders deutlich wird dies in »Les oh! Tomobiles«, einem seiner riesigen Bilder, das viele in das Büro des Bundesverkehrsministers wünschen werden. Es zeigt, wie sich Autofahrer vor einem blutroten Hintergrund in kleine wutstrotzende Monster verwandeln. Das Bild entstand in den Siebzigern, als das Auto, von Matta als »Desaster« angesprochen, zum Missfallen des Malers die Städte zu überfluten begann.

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Im Gegensatz zu Le Corbusier schätzte Matta organische Formen – später auch in seinen theoretischen Einlassungen zur Architektur –, und in seinen späteren Jahren griff der vielseitig interessierte Mann für seine Bilder sogar auf nur im Mikroskop sichtbare Lebensformen zurück. Vor allem aber gelang es ihm schon in seinen frühen Bildern, eine unerhörte Dynamik zur Anschauung zu bringen. In manchen seiner Werke explodiert der Raum förmlich. Das ist deshalb so eindrucksvoll, weil er als Maler jederzeit wirkliche Räume zu gestalten wusste. Sie besitzen sowohl wirkliche Tiefe als auch Weite – es sind fantastische, oft beängstigende Landschaften, die von realen Landschaften inspiriert sind, aber immer den seelischen Innenraum meinen, für den er den Begriff »Inscapes« schuf (das »scapes« kommt von »landscapes«). Wahrscheinlich hat der tiefe Eindruck, den die Bilder auf den Betrachter ausüben, vor allem auch mit diesem intensiv erlebten Raum zu tun. Im Grunde war Matta selbst in seinen abstrakten Bildern ein Landschaftsmaler.

Der sehr ausgeprägte räumliche Aspekt umklammert Mattas gesamtes Lebenswerk. Es ist angesichts dieser Thematik bemerkenswert, dass er, anders etwa als sein lebenslanger Freund Marcel Duchamp, immer der Malerei treu blieb, wenngleich er später den auch in Hamburg zu besichtigenden Versuch unternahm, mit und in seinen Bildern zur Dreidimensionalität durchzustoßen. Wiederholt schuf er eine Art offenen Kubus, in den der Besucher deshalb eintreten kann, weil die Seitenteile des Kunstwerks in alle Richtungen ragen. Auch wollte Matta ein Fließen und Schweben seiner Bilder suggerieren, und in ihrem Katalogbeitrag zitiert Julia Drost seine Forderung »Wände gleich feuchten Leintüchern [zu schaffen], die sich verändern und mit unseren inneren Ängsten vermählen.« Als Architekt wie als Maler vertrat er Positionen, die denen Le Corbusiers diametral entgegenstanden.

Neben der Bedeutung des Raumes lässt sich Mattas Farbpalette als Klammer seines Werks ansehen. Generell vervorzugte er höchst expressive Farben, unter denen ein fieses Gelb besonders auffällt. Dazu sind viele Bilder seit 1943 von einem Gitter überzogen, mit dem er die »unbewussten, irrationalen Kräfte innerhalb des Kosmos zum Ausdruck bringen wollte«, wie es im Katalog heißt. Er war ein ausgeprägter Anti-Cartesianer, und eben dies kommt auch in seinen schrägen und unegalen Gitternetzen zum Ausdruck.

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In den vierziger Jahren hielt sich Matta in den USA auf, wo er schon bald für Furore sorgte. Sein Werk veränderte sich hier insofern, als er zum Missfallen seiner surrealistischen Kollegen menschenähnliche Gestalten in seine zuvor noch ganz ungegenständlichen Bilder aufnahm. Allerdings, abstrakt bedeutete auch schon zuvor nicht, dass uns die Formen des Bildes an gar nichts erinnern. Vielmehr denkt man sehr oft unwillkürlich an den Weltraum, und man kann sich auch an die Cover der LPs von »Yes« aus den Siebzigern erinnert fühlen, für die sich Roger Dean verantwortlich zeichnete. Nur sind die Bilder eines Matta unendlich fantasie- und gehaltvoller als leichte Popart auf esoterisch angehauchten Schallplattenhüllen. Bei Matta finden wir etwas mehr als nur einige wenige organische Formen, die sich harmonisch auf glatten, leicht zu übersehenden Flächen verteilen, sondern seine Bilder sind chaotisch, kraftvoll und dynamisch.

Die Kuratorin Marga Paz hob immer wieder den nomadischen Lebensstil des polyglotten Malers, zugleich aber auch seine große und vielseitige Bildung hervor. Jederzeit blieb er der Malerei treu, folgte hier also nicht Marcel Duchamp, der ihn entdeckt hatte und auch weiterhin großen Einfluss auf ihn ausübte. Blieb er aber auch bei der Malerei, so wandte er sich doch verschiedenen Bereichen des Lebens zu, unter anderem botanischen Formen oder auch mikroskopisch kleinen Tierchen – Rädertierchen etwa wurden von ihm gemalt (im Katalog findet sich deshalb auch eine der bekannten Zeichnungen Ernst Haeckels). Aber man kann auch insektenähnliche Formen entdecken. Viele seiner Bilder sind sehr groß, und diese Größe sowie das Querformat, die vielleicht mit den in Lateinamerika populären »Murales« zu tun haben (Matta war auch mit Diego Rivera bekannt, dem unbestrittenen Meister dieser Richtung), führt gelegentlich dazu, dass die Formen bzw. die Maltechniken gröber werden. Die kleineren Bilder wirken meist besser gearbeitet.

Etwas ganz Besonderes ist das auf seiner Katalogabbildung nur wüst gepinselte und wenig eindrucksvolle »Yoniverso«, in dessen Titel sich nicht allein Universum, sondern auch das spanische »Yo« (ich) verbirgt. Dieses gewaltige Gemälde (210 x 355 cm) ist in fluoreszierenden Farben gemalt und hängt in Hamburg in einem sorgfältig verdunkelten Winkel, wo die nachtblaue Grundfarbe ihre Wirkung spektakulär entfaltet. Vielleicht werden Raumfahrer einmal einen solchen Blick auf das Weltall erleben, wenn sie auf einer Reise vom Raumschiff aus nach draußen schauen?