Ausstellungsbesprechungen

Matthias Koeppel – Himmel, Berlin! Ephraim-Palais, Berlin, bis 28. September 2014

»Who is afraid of the Brandenburg Gate?« fragt der Wahlberliner Matthias Koeppel in den eingangs hängenden Bildern seines Gemäldezyklus (1999-2001) zu dem Symbol deutsch-deutscher Teilung. Furchtlos haben André Bischoff und Pia Littmann die Ausstellung seiner Werke betreten und wurden unerwartet Zeuge ganz neuer Einheitsformen.

Wie ein massives Schiff schieben sich das Brandenburger Tor und die von Feiernden besetzte Mauer in die Bildmitte. Die in extremer Krümmung darstellte Mauer sieht fast wie ein Bug aus, welche das umwogte Sandsteintor bewehrt. Wir stehen vor der mittleren Tafel des Triptychons »Die Öffnung der Berliner Mauer« aus dem Jahr 1997 und damit im Herzen von Matthias Koeppels Œuvre. Die linke Tafel zeigt die Öffnung des Grenzübergangs an der Invalidenstraße am Abend des 9. November 1989, zur rechten folgt die Entnahme eines der ersten Mauerstücke in den frühen Morgenstunden des 12. November.

Soweit das Offensichtliche. Doch führen uns Koeppels Kompositionen neben der politischen Vereinigung auch allerlei Formen künstlerischer Handreichungen vor Augen. Soweit eigentlich nicht zum Fürchten. Doch der Reihe nach.

Wie meistens bei Köppel zerfallen auch die Mauerbilder in drei Sphären. Die im Vordergrund gezeigten Menschen scheinen mit sich selbst und ihrer direkten Umgebung beschäftigt: Politiker, einander Umarmende, ein Funker, ein Mann mit Hund. Köppel erklärt, er habe sie anhand notierter Einzelbeobachtungen skizziert und folglich machen sie auch im Bild alle ihr eigenes Ding.

Im Hintergrund erscheinen die Koeppelschen Himmel, die ihn neben seinen »Starckdeutsch«-Gedichten vor allem bekannt machten: Fast die Hälfte der Bildflächen umfasst er und kontrastiert die spontanen Gesten und den beschränkten Blick der Akteure mit der indifferenten Herrlichkeit der Natur. Hier hat Koeppel nicht etwa ein Naturbild abgemalt, Himmel und Wolken werden vielmehr in einem Guss erfunden. Gleichwohl der Himmel den Grundton setzt, vor dem die Akteure sukzessive zu einer kompositorischen Einheit gelangen, verbleiben der transzendentale Himmel und die ‚realistisch‘ gemalten Figuren in getrennten Sphären. Ja, in ihrem Kontrast verstärken sie sich noch gegenseitig.

Im Mittelgrund tritt die Architektur auf den Plan: Das heutige Ministerium für Wirtschaft und Energie sowie Tor und Mauer sind sämtlich nach rechts in die Tiefe gefluchtet. Als geborener Hamburger und Westberliner wählt Koeppel folglich den westlichen Blick. Allerdings hat es eine tiefere Bewandtnis mit diesen Architekturen. Nicht umsonst zeigt Koeppel sie zumeist im Auf- oder Abbau. Zwischen dem transzendentalen Himmel und den stofflichen Realitäten wird die Architektur vielfach zerrieben: Das Außenministerium der DDR, der Mendelsohn-Bau am Kurfürstendamm oder die Grundsteinlegungen am Potsdamer Platz und Kanzleramt. Vergänglichkeit irdischen Strebens eben, Berlin erscheint so als ein großes Werden und Vergehen. Hatten wir doch grad noch ganz ähnlich gedacht, den Neuaufbau des alten Stadtschlosses am Humboldt-Forum passierend.

Moment... das Brandenburger Tor scheint diesem Auf und Ab auf wundersame Weise enthoben. Auch im schauderhaften »Jüngsten Gericht« (2010) wird dieses zwar von Menschen besetzt, vor dem brennenden neuen Reichstagsgebäude bleibt das Tor allerdings unversehrt. Durch seine etlichen Bedeutungsschichten und die ihm eigene, innere Dialektik von Innen und Außen, Stadt und Natur ist das Brandenburger Tor offenbar resistent geworden – und das in Berlin (s.o.)! Nirgends stehen sich Himmel und Erde im Werk Koeppels also näher als hier.

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Das Spiel mit den (Bild-)Realitäten reicht jedoch weiter, Koeppel und die Kunst gehen hier förmlich aufs Ganze. Wir erinnern uns, dass Koeppel in seiner Rede zur Übergabe des Triptychons an das Berliner Abgeordnetenhaus im Jahr 1997 beklagte, dass die moderne Kunst vom Historienbild abgewichen sei. Und siehe da: Zwei Jahre später wird die überzeitliche Ikone Brandenburger Tor bei Köppel zu dem Motiv, an dem er die unterschiedlichen Formen des Bild-Baus der Moderne durchspielt: Vor weitem Himmel und hinter realistischen Portraits verkleidet sich das Tor in seinem 21-teiligen Zyklus »Abschied von der Moderne« (1999-2001) als »Mondrian«, »Pollock«, »Kandinsky«, »Lichtenstein«, »Miro« und so weiter ...

Gegen Ende der Reihe stehen wir vor Malewitsch: »Die Erwartung der Rückkehr des Schwarzen Quadrates« (2000), zeigt das ikonenhafte schwarze Quadrat über dem Tor schwebend. Vorbei ist es jedoch mit der Schwerelosigkeit, als ihm ein Düsenflieger eine Ecke absäbelt. Der entrückte Himmel, er ist also auch bei Köppel als stoffliche Realität denk- und malbar. Der Künstler ahnt, dass sich das rauschhafte Fließen des Himmels auf das Gesamtbild übertragen lässt: Fast euphorisch erwartet er folglich in seinem Kommentar zum Zyklus eine neue Verbindung von Abstraktion und Realismus.

Insofern nimmt die Ausstellung den Clou hier gleich vorweg: Bereits im Entrée hängen die »neukubistisch« simulierten Tor-Bildungen als »Braque«, »Picasso« und »Feininger«, in denen Köppel die zuvor getrennten Sphären Mensch, Architektur und Himmel in kristallinen, fließenden Formen miteinander verbindet, realistische und abstrakte Elemente greifen jetzt ineinander.

Die Konfrontation des polyvalenten Brandenburger Tors mit den vielfältigen Spielarten der Kunst der Moderne wird so zum Ausgangspunkt der neuen, vereinheitlichenden Form im Werk Koeppels. Man könnte sagen, der Künstler habe im Neo-Kubismus seinen malerischen Himmel auf Erden gefunden. Sich das mal in aller Deutlichkeit vor Augen zu führen, lohnt den Besuch in jedem Fall. Sehr zu empfehlen ist er auch für (Groß)Stadtneurotiker und Skeptiker der Moderne.

Doch auch recht brüske Brüche sieht man hier: Wer wissen will, wie sich Leonardos »Abendmahl« als Tableau-Vivant in der Freien Republik Wendland macht und zu welchem Sinn Manets »Frühstück im Freien« mit integriertem Laptop gelangt, dem sei gleichfalls zum Gang ins Ephraimpalais geraten.