Ausstellungsbesprechungen

Meisterwerke des Clairobscur-Holzschnitts

Das sollen Holzschnitte sein? Das kann nicht sein. Zeichnungen sind das; fein lavierte Zeichnungen in gedämpften Farben. Aber nein, es sind wirklich Holzschnitte, die im Herzog Anton Ulrich-Museum bis zum 29. Februar 2004 zu sehen sind. Es handelt sich um eine besondere und seltene Art der Farbholzschnitt-Technik:

der Clairobscur-Holzschnitt. Die in einem aufwendigen Verfahren erzeugten Clairobscur – oder Helldunkel-Holzschnitte geben raffiniert abgestufte Farbwerte wieder, so dass die konventionellen Grenzen zwischen Druckgraphik, Handzeichnung und Malerei verwischt scheinen. Im Gegensatz zu anderen Farbholzschnitten verzichtet der Clairobscur-Holzschnitt aber auf Buntfarbigkeit. Der Gesamteindruck wird dabei von einem Grundton in Grau bis Blau und  Braun oder Ocker bestimmt, der in verschiedenen Abstufungen variiert wird.

Das Herzog Anton Ulrich-Museum besitzt eine Sammlung von 202 Clairobscur-Holzschnitten aus vier Jahrhunderten. Den Bogen über das 16. Jahrhundert bis zum 20. Jahrhundert spannt auch die Ausstellung, die 85 Exponate präsentiert. Den Anfang der Schau bildet das Werk von Hans Burkmair d.Ä. und Lucas Cranach d.Ä., die die Entstehung des Clairobscur-Holzschnitts wesentlich prägten. Cranach ging in diesem künstlerischen Wettbewerb sogar so weit, dass er einige Holzschnittplatten bewusst vordatierte, um vorzugeben, er sei der Urheber dieser Technik. Diese wurde in Italien nur wenige Jahre später von Ugo da Carpi technisch und ästhetisch weiterentwickelt. Das Ergebnis bilden Holzschnitte, die so leicht, so spontan wirken wie eine lavierte Zeichnung. Im unmittelbaren Vergleich ist eine Szene mit David und Goliath zu sehen, dessen inventio auf Raffael zurückgeht. Ugo da Carpi überträgt diese Szene im Clairobscur- Holzschnitt; Marcantonio Raimondi dagegen benutzt als künstlerisches Medium den Kupferstich. Hier konkurriert nun Fläche gegen Linie.

In den Niederlanden wurde der Clairobscure-Holzschnitt mit zeitlicher Verzögerung entdeckt. Hendrick Goltzius ist hier die Künstlerpersönlichkeit, die herausragende Werke in dieser seltenen Technik schuf. Im 17. Jahrhundert kam es nahezu gänzlich zum Erliegen dieser Technik. Im 18 Jahrhundert half der venezianische Graf Antonio Maria Zanetti das Interesse für den Clairobscur-Holzschnitt wiederzubeleben, indem er wunderbare elegante, pastellige und malerische Graphiken schuf (siehe Abb.). Der Bogen schließt sich mit Georg Baselitz, der Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts ebenfalls in dieser Technik gearbeitet hat.

Abgerundet und ergänzt wird die Ausstellung durch eine didaktische Abteilung, die in Zusammenarbeit mit Jochen Köhn, dem Werkstattleiter der Abteilung Druckgraphik der Hochschule der bildenden Künste Braunschweig erarbeitet wurde. Sie veranschaulicht die komplizierte Entstehung des Clairobscur-Holzschnitts.