Ausstellungsbesprechungen

Michelangelo – Zeichnungen und Zuschreibungen. Frankfurt a. M., Städel Museum, bis 7. Juni 2009

»Das Thema verlangt ein besonders präzises Hinschauen«, schrieb Max Hollein anlässlich der Michelangelo-Ausstellung des Frankfurter Städel. Mehr als die anderen Gattungen vermittle die Zeichnung »die Gedankengänge des Künstlers« – einer Handschrift nahe. Allerdings kommt man mit bloßem Hinschauen in Zuschreibungsfragen kaum weiter, wenn es um so heikle Beispiele wie die zu Michelangelos Zeichnungen geht: Naturgemäß fanden – aus konservatorischen Gründen mag man sagen: finden überhaupt – seine Zeichnungen weniger Verbreitung und damit öffentliches Interesse als die tendenziell im Rampenlicht stehenden Skulpturen, Gemälde und Bauwerke. Doch noch schwerer wiegt, dass Michelangelo seine Zeichenpapiere nicht signierte. So steht oft genug die Frage im Raum, ob die überlieferten Blätter – viele hat der Meister selbst vernichtet – eigenhändig sind oder Kopien.

Das Städel ist sich klar darüber, dass es keine Michelangelo-Hochburg ist – das Sammlerglück lag eher auf der Seite Raffaels. Umso beeindruckender ist das Unternehmen, eine Zeichnung des Museums, die »Grotesken Köpfe und weitere Studien« ins Zentrum einer Schau zu stellen, die offen zur Diskussion über die Zuschreibungsproblematik anregt. Das Blatt war immer wieder Zankapfel der Kenner, die es mal auf die Seite Michelangelos, mal auf die Seite eines anderen Künstlers verbuchten – bis schließlich die Abschreibungsliga die Oberhand erhielt, begleitet von nicht abbrechen wollenden Stimmen und Stimmungen von Zuschreibungsfreunden. Nutznießer ist allemal der kunstsinnige Zuschauer: Wer hätte je erwartet, dass in Frankfurt eine Michelangelo-Ausstellung zu sehen wäre, mehr noch: Aufsehen erregt.

Es wäre zu platt, die Ausstellung so zu deuten, als ginge es um eine bloße, womöglich eitle Neuzuschreibung – freilich sind Grafiksammlungen hochsensible Abteilungen, die nur ungern auf einen großen Namen verzichten mögen, da wird es in Frankfurt nicht anders zugehen als anderswo (wie viele Häuser mussten sich in der Vergangenheit von ihren Rembrandts & Co. verabschieden). Es spricht daraus die Faszination für den Spürnasenreiz, der zeichnenden Handschrift eines Künstlers zu folgen, anhand eines Originals (die Frage ist ja allenfalls, von wem) zu versuchen, mithilfe von Vergleichsblättern und begleitenden Informationen selbst jener Frage nach der Authentizität nachzugehen. Was für gewöhnlich im Vorfeld einer Ausstellung wissenschaftlich-mühsam, mit rauchenden Köpfen erörtert wird, ist hier das eigentliche Thema, bei dem wir so nebenbei etwas von der Provenienzforschung und anderes mehr mitbekommen. Der Betrachter wird zum Kurzzeitexperten und darf sich an der »Echtheit« der Zeichnung an und für sich abarbeiten. Zudem darf man sich freuen, dass erstrangige Leihgeber wie das British Museum, die Casa Buonarroti u.a.m. dazu beitrugen, dass mutmaßlich ein gutes Dutzend Grafiken aus Michelangelos Hand und noch einmal so viele, zum Teil hauseigene, Vergleichsarbeiten zusammenkamen.

Sowohl die Präsentation als auch der Katalog, für die der Kurator Martin Sonnabend mitverantwortlich zeichnet, scheinen für den Nichtexperten ausgewogen zu sein, weshalb es umso mehr verwundert, dass die Schau für hohe Wellen sorgte: In Kennerkreisen kritisierte man die allzu wohlwollende Betrachtung und die Ausblendung längst diskutierter Fragen (etwa von Andreas Schumacher oder Alexander Perrig). Das mag schon sein, aber es bleibt eben auch ein Faktum, dass nirgends Sicherheit besteht, ob man nun eine auch mal weniger gute Zeichnung von Michelangelos Hand oder eine ungewöhnlich gute Zeichnung eines Schülers – es gab wohl nur Antonio Mini, aber auch das ist ungewiss – vor Augen hat. Der Casus bleibt im Fluss. Hätte man der Forderung nachgegeben, die ausgewiesenen Kritiker ins Boot zu nehmen, wäre womöglich die ganze Ausstellung ins Wasser gefallen. Und es ist doch prima, dass Kunst – auch die altehrwürdige – nach wie vor die Gemüter bewegt. Lassen wir uns ein auf den Zauber der gezeigten Michelangelo-Blätter, und lassen wir es zu, dass es vielleicht zauberhafte Blätter aus dem Umfeld Michelangelos sind: Die Chance, sie zu sehen, präzise hinzuschauen, wird nicht allzu oft mehr kommen.