Ausstellungsbesprechungen

Munch, Nolde, Beckmann + Europa im Umbruch

Das diesjährige Highlight in der Staatsgalerie ist die Ausstellung »Munch, Nolde, Beckmann« – ein bescheidener Titel in Anbetracht der Fülle von rund 120 hochkarätigen Werken der Klassischen Moderne. Über 40 Künstler sind in der prächtig kuratierten Schau vertreten. Was sich hinter den Türen und Toren mancher privater Sammler im wilden Süden verbirgt, ist in der Tat eine Reise wert (zumal manches erstmals den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat). Neben den titelgebenden Protagonisten treten auf:

  Willi Baumeister, Salvador Dali, Otto Dix, Lyonel Feininger, Adolf Hölzel, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, August Macke, Franz Marc, Gabriele Münter, Christian Schad, Karl Schmidt-Rottluff, Yves Tanguy. Hier wird deutlich, was Christian von Holst im Vorwort des Katalogs meint, wenn er schreibt: »Die Kunst braucht den Sammler – Der Sammler braucht die Kunst.«

Die neun Komplexe der Ausstellung zeugen von der brillanten Kenntnis von Andreas Henning und Karin von Maur (die lange Jahre den Stuttgarter Bestand der Klassischen Moderne betreut hat): Sie haben die Schau gegliedert und präsentieren Munch als Schrittmacher des neuen Jahrhunderts, gefolgt von den Pariser Impulsgebern des Fauvismus und Kubismus jenseits des Rheins, Kirchner und der »Brücke«-Gemeinschaft diesseits des Rheins sowie den Einzelgängern Nolde, Beckmann und – man staune – Meidner; die Linie der Abstraktion führt über Jawlensky und die Künstler des »Blauen Reiters« und die Wege von Hölzel, Mondrian & Co. bis hin zu Schlemmer und die Meister am Bauhaus; abgerundet wird die Schau von Dix und anderen Vertretern der Neuen Sachlichkeit sowie von Künstlern der Dada-Bewegung und des Surrealismus – wobei letztere Stilrichtungen bei den süddeutschen Sammlern wohl weniger oder zu spät Interesse fanden als die verschiedenen Expressionisten. Herausragend sind die postimpressionistischen Frühwerke von Matisse, aber auch so starke Bilder wie Pechsteins »Badende Knaben in der Brandung«, Beckmanns »Selbstbildnis im großen Spiegel mit Kerze« und der »Springbrunnen in Baden-Baden« oder Feiningers »Stadt im Mondlicht« und Paul Klees »Zweihügel Stadt«. – Zur Finissage am 7. November spricht Dr. Karin von Maur über »Adolf Hölzel – Pionier der Moderne« (17 Uhr).

 

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Seit Mitte Oktober zeigt die Staatsgalerie im Zeichen der Osterweiterung der Europäischen Union Avantgardekunst aus Ungarn, flankiert von Beständen des Stuttgarter Hauses. Die Staatsgalerie hat sich mit der Ungarischen Nationalgalerie und dem Szépmüvészeti Museum in Budapest zusammengetan und zeigt nun Beispiele der europäischen Modernismen, wobei neben dem Bestand der Graphischen Sammlung des Stuttgarter Hauses freilich der Blick auf die ungarischen Sammlungen von Interesse ist – der Beitrag des Nachbarlandes zur Moderne ist bislang nicht allzu gründlich untersucht worden.

Ob die Ungarn dabei allerdings im richtigen Licht erscheinen, ist fraglich: zu hochwertig und selbst quantitativ wuchtig sind die Stuttgarter Protagonisten – Brancusi, Modigliani, Picasso u.a.m, das heißt weitgehend internationale Größen stehen vorwiegend nationalen ungarischen Namen gegenüber. Zudem gehen auch vergleichs-weise schwache Arbeiten ins Rennen; als eher negatives Beispiel zum Anfang des 20. Jahrhunderts stehen so neben Käthe Kollwitz’ »Frau mit totem Kind« eine vergleichs-weise akademisch-brave »Büßende Magdalena« von Ernö Barta und Béla Uitz’ breiig-fahrige »Mutter mit Kind« (fairerweise muss man allerdings dazu sagen, dass der spätere Uitz mit hervorragenden Linolschnitten vertreten ist). Auf der anderen Seite stehen wohl auch positive Beispiele wie Feiningers Städtebilder im Holzschnitt neben Lithographien von Farkas Molnár und Henrik Stefán.


 

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Versucht man also das Missverhältnis beiseite zu lassen, kann man durchaus schöne Entdeckungen machen: Gyula Derkovits etwa, der mit einem rasanten Holzschnittzyklus präsent ist, der spürbar ohne Vorskizzen direkt am Holz entstanden ist; dazu die Schlemmer-nahen Zeichnungen von János Vaszary oder die expressiv-surrealistischen »Correspondances« von István Farkas. Ein großes Verdienst der Ausstellung ist der erstmalige Versuch, den ungarischen Beitrag zur Moderne im europäischen »Haus« in größerem Rahmen überhaupt bekannt zu machen.

Weitere Informationen


 
Öffnungszeiten:

Di–So 10–18 Uhr

Do      10–21 Uhr

 

Eintrittspreise:

7,- / 5,50 € 
 

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