Ausstellungsbesprechungen

Nam June Paik – Werke aus der Sammlung des ZKM

Um Nam June Paik (1932–2006) gebührend einzuordnen, muss man ihn auf die Ebene von Joseph Beuys heben, meint unser Autor Günter Baumann, der die Ausstellung des Videokünstlers im EnBW-Gebäude in Karlsruhe besuchte, wo sie noch bis zum 18. Januar zu sehen ist.

Um Nam June Paik (1932–2006) gebührend einzuordnen, muss man ihn auf die Ebene von Joseph Beuys heben, des nie unumstrittenen, aber sicher einflussreichsten Künstlers in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – obwohl es über die gemeinsam mitgetragene Fluxus-Bewegung hinaus auf den ersten Blick gar nicht so viel Verbindliches gibt: Es waren jedoch diese beiden, die den Alltagsgedanken dieser Bewegung mit einer Transzendenz verknüpften, die ihr Werk auch und gerade wieder im 21. Jahrhundert diskutabel machen. Während Beuys sich den Mythen und archaischen Strukturen verbunden fühlte, griff der Koreaner auf den Buddhismus zurück, den Paik mit dem Video- bzw. TV-Bildschirm und der musikalischen Performance konfrontierte: ein nahezu revolutionäres Unterfangen (dem gegenüber die Beuys’sche Idee der sozialen Plastik fast altmeisterlich erscheint).

 
Es mag sein, dass der Fluxus-Begriff längst Geschichte ist, doch ließ sich Nam June Paik als Initialkünstler derart wirksam unter das Dach der Medienkunst nehmen, dass man kühn behaupten darf, dass die Video-Performances der Gegenwart ohne ihn kaum denkbar wären. Sozusagen als Präludium experimentierte Paik, unter dem Eindruck der Musik von John Cage, um 1960 mit der inszenatorischen Verbindung von Musik und Fernsehen, sodass er wohlpräpariert, mit offenen Armen und mit wachem Geist die Verbreitung des Video-Mediums Mitte der 1960er für sich nutzen konnte.

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Das ZKM, das rund 30 Arbeiten von Nam June Paik besitzt, zeigt im Foyer des EnBW-Gebäudes in Karlsruhe eine beeindruckende Schau seines Œuvres, darunter die mächtig sich im Trockenen aufbäumende »Arche Noah« – für Peter Weibel »der erste Speicher, die erste Festplatte, die erste Datenbank« – , die für die kleine Retrospektive restauriert wurde, und die farbgewaltige »Versailles Fountain«, die die Opulenz des sonnenköniglichen Highlights der Schlossarchitektur in einen neon-umströmten, flimmernden Bildschirmturm verwandelt. Es darf natürlich auch ein Beispiel der Buddha-Arbeiten nicht fehlen – hier präsentiert er sich als Meditationsmeister von Rodin-hafter Qualität vor einem leeren TV-Gehäuse, inspiriert von einer dort eingestellten Kerze. Neben den sechs Video-Installationen und Video-Skulpturen treten einige reine Videosequenzen und Grafikzyklen, die weniger bekannte Facetten von Paiks Kunst zeigen. Kennzeichnend für die Arbeiten sind die fließenden Übergänge zwischen philosophischen und unterhaltenden Positionen.
 
Ob das EnBW-Gebäude das passende Umfeld bietet, sei dahingestellt. Für einen Energie-Versorger ist es schon sehr gut nachvollziehbar, dass sich das Unternehmen mit einem Künstler schmückt, dessen Kunst notgedrungen an der Steckdose hängt. So stattlich die 1995–97 gebaute Architektur von Rossmann & Partner von außen daher kommt (sie hat wesentlichen Anteil an der Aufwertung der Karlsruher Oststadt und der Charakterbildung der Durlacher Allee), so spröde ist der Charme des nüchternen Foyers, in dem die Arbeiten etwas unmotiviert herumstehen. Das ist schade, zumal im Sprengel Museum in Hannover zur Zeit Paik-Arbeiten aus der Kunsthalle Bremen zu sehen sind, die überregional sicher markanter auftreten können als die Werke in der Karlsruher Vorstadt. Warum die Installationen und Bilder aus dem ZKM nicht gleich dort, also vor Ort gezeigt werden, ist wohl in der strategischen Partnerschaft beider Häuser begründet. Es ist aber nicht verwunderlich, dass man die grandiosen Arbeiten zwischendurch ganz für sich hat.

 

Weitere Informationen

Öffnungszeiten:
täglich (außer an Feiertagen) 10 - 18 Uhr

Der Eintritt ist frei.

Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Katalog erschienen, der leider nur bei der EnBW direkt zu beziehen ist.