Ausstellungsbesprechungen

New York School: Black Paintings

Wenn allzu viele Farben beieinander sind, neigen sie dazu, zu plappern. Wenn sich die (Nicht-)Farbe Schwarz in all ihren Erscheinungen versammelt, besser: sammelt – beginnt sie zu erzählen. Im Münchner Haus der Kunst ist bis Mitte Januar eine der spannendsten Ausstellungen der Saison zu sehen, wird Kunst lebendig, die quasi ungeschminkt ihr tiefstes Inneres zeigt.

Und der Betrachter wird notgedrungen hellhörig für die Töne, die in sonorer Optik vor unsren Augen sich zu schwingen anschicken. Zudem: Man muss die Schau gesehen haben, denn nur im direkten Kontakt mit den Gemälden entfalten sie ihre unendlichen Weiten. Die Ausstellung zeigt die schwarzen Gemälde der New York School mit den monochromen Bildserien von Mark Rothko, Robert Rauschenberg, Ad Reinhardt und Frank Stella – Barnett Newman ist leider nicht in München zu sehen.

»Das Nächtliche bedeutet einerseits Nicht(s)-Sehen und damit Selbstbeschränkung, Selbstbefragung, Innehalten, Gewahrwerden …, schafft damit Bedingungen für einen Wandel; Wandel bedeutet Erneuerung der Selbstdefinition und ist in höchstem Maße Ausdruck des Selbst.« Die kühne These, die im Katalog entwickelt werden, drängt sich quasi wider besseres Sehen regelrecht auf. Das Nichts der Black Paintings wird zum All-Faktor des Individuums, zum Bild des Künstlers selbst. Der Gemeinplatz, dass Schwarz nicht gleich Schwarz ist, ist hier würdevoll zur kontemplativen Schaubühne geworden.

Angesichts der Fülle nahezu ununterscheidbarer Verdunklungsnuancen zwischen Allem und Nichts, Individualität und Allaussage ist das menschliche Auge gefordert. Selbst ein Verlag wie Hatje-Cantz, der über die beste Abbildungsqualität verfügt und zu den engagiertesten Publizisten in Sachen Kunstbuch gehört, stößt an die Grenzen seiner technischen Möglichkeiten. Das ist zu bedauern und zugleich zu feiern: Kunst lebt nach wie vor von der unmittelbaren Betrachtung. Dass es dennoch gelungen ist, den faszinierenden, ja fesselnden Eindruck beim Ausstellungsbesuch wenigstens in bestmöglicher Form zu konservieren, sei vorab beruhigt angemerkt.

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Schwarz war immer schon symbolisch aufgeladen, nur meist an die Nacht gekoppelt oder auch nur als Gegenpol zur künstlich beleuchteten Szenerie. Richtig düster wird es bei Böcklin, bedeutungsschwer auch bei Beckmann. Doch erst Mitte des 20. Jahrhunderts brachen Barnett Newman – als Initialwerk »Abraham« von 1949 – und Robert Rauschenberg auf in neue Gefilde, gefolgt von Ad Reinhardt: Das Schwarz wurde zum Bildthema, mitunter auch zu einer Art Curtain Wall für die nur dahinter verborgene Farbigkeit. Oder anders formuliert: Die US-amerikanischen Künstler machten angesichts der von Europa importierten Kunst das Licht aus, um hieraus einen Neustart zu wagen, wobei Okkultes genauso gut unter Ausschluss von Licht und Farbigkeit gedieh wie die Sehnsucht nach der Wahrheitsfindung.

… und Wahrheit ist bekanntlich ein vielgestaltiges Wesen. Hier setzen die sanft schwingenden Töne, das – so nach einer Formulierung von Heidegger – Geläut der Stille und die Fabulierfreude ein. Robert Rauschenberg sucht nach Spuren, durchbricht noch am deutlichsten das »nur« schwarze Bild mit seiner Collagetechnik, die den Blick auf das Erscheinungsbild übers Schwarz hinweg ahnen lässt oder sogar freigibt. Waren die schwarzen Bilder bei Rauschenberg eher eine Phase – abgelöst durch weiße oder rote Phasen –, waren sie bei Ad Reinhardt schon mehr Weg und Ziel, in der Nachfolge von Malewitsch. Die bestechende Wirkung der Reinhardt-Werke liegt im Grenzbereich der Sichtbarkeit – dem gefühlten Licht (in) der Dunkelheit. Kaum wahrnehmbar sind seine unter das Schwarz gelegten farbhaltigen Kreuze und Querflächen als »die extremste, ultimative, gesteigertste Reaktion auf … die Tradition abstrakter Kunst …, all die vorherigen Malereien horizontaler Bänder, vertikaler Streifen, Kleckse, Lasuren, Bravourstücke mitsamt ihrem Pinselwerk, Eindrücken …«

Erweist sich Reinhardt letztlich als Schüler einer mystischen Tradition (Nikolaus von Kues, Meister Eckhart), folgt Frank Stella einer minimalistischen Auffassung, die sich weitestgehend freigemacht hat von allen Traditionen – ausgenommen der des absurden Theaters beckettscher Prägung: »What you see ist, what you see.« Insofern waren ihm die schwarzen Gemälde auch weder Dogma noch Credo, sondern allenfalls ein Segment im Gesamtschaffen. Der Philosoph unter den im Haus der Kunst gezeigten Maler ist Mark Rothko: Vom Surrealismus kam er über die Mythenrezeption zu religiösen Themen, die recht bald einen rein abstrakten Ausdruck bekamen und im Nietzscheanisch-Tragischen, Ekstatischen und schließlich Sublimen gipfelten.

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Nach der Frankfurter Ausstellung über »Nichts« ist die Münchner Schau die zweite große Präsentation völlig zurückgenommener Inhalte, die das Leere nicht nur propagieren, sondern nachgerade in ihrer philosophischen Potenz zur geballten Ladung werden lassen. Denn nicht alles, was nicht sichtbar ist, ist deshalb auch nicht existent – immerhin lebt die Religion seit Jahrtausenden von der Gewissheit des schlechthin Ungewissen, des nicht Sichtbaren.

Kaum 30 Arbeiten sind im Haus der Kunst versammelt, mit denkbar schmalem Themenspektrum. Was so spärlich klingt, ergibt eine wunderbare Wanderung in die Tiefe. Der grandiose Einfall der Ausstellungsmacher, den zur Verfügung stehenden freien Raum durch regelrechte Dunkelkammern als Entrees zu gestalten, um auf die Werke einzustimmen, sowie Videodokumentationen zur New Yorker Schule und den einzelnen Künstlern, rundet den nachhaltigen Eindruck ab. Wer diese Black Paintings mit der gebotenen Muße hinter sich lässt, wird schließlich dankbar über den Katalog sein, der – wie gesagt, mit notwendigen Abstrichen – den intellektuellen Nachklang auf das Beste unterstützt. Und wer weiß, wann sich die vier Megastars der amerikanischen Malerei wieder ein Stelldichein geben. 

 

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Öffnungszeiten
Mo – So 10 – 20, Do 10 – 22 Uhr