Ausstellungsbesprechungen

NICHTS

Irgendwo zwischen Nihilismus und Nirvana ist sie: die Leerstelle, die bewusste Auslassung, die Innenschau. Das Nichts, so heißt es in Martina Weinharts schönem Katalogessay »Nichts zu sehen«, sei »dem Etwas immer schon eingeschrieben«. Mehr noch: Das Nichts ist ja in den seltensten Fällen rein gar nichts, sondern immer schon – auch – etwas.

So wie man das Wort »Nichts« ausgesprochen oder auch nur gedacht hat, ist etwas geschehen, ist etwas im Raum. Und es mag ein Stück tragischer Ironie sein, dass ausgerechnet hier ein Berührungspunkt zum Transzendenten, zum nicht oder kaum Fassbaren, mithin zur Glaubensfrage sich herauskristallisiert.

Nichts ist unmöglich. Der Satz bekommt einen hintergründigen Sinn. Und so ist es auch möglich, dass sich eine Ausstellung wie die in der Frankfurter Schirn Kunsthalle ganz dem Thema NICHTS verschrieben hat. Selten war es so spannend, nichts zu sehen, denn seien wir ehrlich: die Leere haben wir genauso verlernt wahrzunehmen wie die Stille. Gezwungen, die Auslassung ernst zu nehmen, mutet das, was wir sehen, an wie dass heideggersche »Geläut der Stille«, atemberaubend. Die Dimension der Schau am anderen Ende zum Etwas hin reicht von Karin Sanders (theoretisch betastbarem) poliertem Wandstück bis hin zum (nicht mehr überprüfbaren, rein konzeptionell greifbaren) weißen Papier, das Tom Friedman über tausend Stunden angestarrt hat.

Es geht hier nicht um letzte Bilder – Malewitsch, Ad Reinhardt u.a. könnten ein Lied davon singen. Die Ausstellung macht deutlich, dass das NICHTS eher den Urgründen, den »ersten« Bildern auf der Spur ist: Man denke an James Turrell oder, hier in Frankfurt zu sehen, Luc Tuymans, die das isolierte Licht zur Geltung bringen, oder Joseph Beuys, der ausgerechnet Filmspulen mit »Das Schweigen« betitelt (nach einem Film von Ingmar Bergman). Durchweg führen die Wege nicht aus dem Leben hinaus, sondern mitten hinein, die Philosophie von Platon über Hegel bis hin zu Derrida lässt grüßen. Dass so unterschiedliche Künstler wie Kosuth, Paik oder Knoebel das Nichts mal unfreiwillig, mal erzwungen als Etwas mit kleinstem gemeinsamen Nenner entfalten, ist das Phänomenale der gezeigten »Nichtigkeiten«. Wenn sie es schaffen, von der zuweilen schmerzhaften Reizüberflutung um uns herum abzulenken, ist schon viel erreicht.

 

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Öffnungszeiten
Di., Fr.-So. 10–19 Uhr / Mi., Do. 10–22 Uhr