Ausstellungsbesprechungen

Olaf Quantius Ausstellung in der Studiogalerie des Saarlandmuseums noch bis 8. August 2010

Noch bis Sonntag zeigt das Saarlandmuseum vier in den vergangenen Jahren entstandene Werkserien von Olaf Quantius, der seine Arbeiten damit erstmals in einer musealen Einzelschau präsentiert. »Quantius erweist sich«, so Roland Nachtigäller in seinem profunden Katalogbeitrag, »als ungemein wacher Zeitgenosse, der die Brüchigkeit der künstlerischen Selbstauffassung ebenso einfängt wie den grundsätzlichen Zweifel an der Authentizität des Motivischen.« Zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, märchenhafter Entrückung und realer Bedrohung sucht der Künstler die Widersprüche des modernen Zeitalters nicht aufzulösen, sondern künstlerisch fruchtbar zu machen, was ihm in beeindruckender Weise gelingt, wie unsere Autorin Verena Paul bei ihrem Ausstellungsbesuch feststellen konnte.

Durch weite, lichtdurchflutete Räume des Saarlandmuseums führt uns der Weg hinab in die Studiogalerie zu den Werken von Olaf Quantius. Bereits am Treppenabsatz wird der Besucher von der markanten Arbeit »Scheune bei Oltingue« aus der Serie »nomad paintings« empfangen. Zu sehen ist eine von den Spuren der Zeit geprägte Holzhütte, die sich weniger durch die zaghaften, weißen Lineamente als vielmehr durch jene schwarze Schatten im Innern vom silbernen Grund abhebt. An dieser Stelle wird uns signalisiert, dass Quantius mit Irritationsmomenten versiert spielt und die Unbestimmtheit des Ortes in seiner Malerei kalkuliert.

Im Untergeschoss verteilt sich die Ausstellung auf drei – primär weiß gestaltete – Raumabschnitte, die in ein kühles Licht getaucht sind. Im ersten Teil dominieren die queroblongen Formate der Serie »Danaiden«, in der Quantius implizit auf den antiken Mythos zurückgreift, dessen Thema allerdings in abstrakter Formensprache auflöst. Doch weist der ungegenständliche Formenduktus bei genauer Betrachtung eine überraschende Nähe zur literarischen Vorlage auf, indem der Künstler das ständig wiederholende Wasserschöpfen – eben jenes Gießen von Wasser in durchlöcherte Gefäße durch die Danaiden – in Gestalt dynamisierter Farbverläufe und -kleckse aufgreift. Dieses ungegenständliche Treiben ist zwischen zwei farblich kontrastierende, halbovale Elemente gespannt und artikuliert insofern die Unermüdlichkeit an eine neue Aufgabe heranzugehen, was zugleich paradigmatisch für das künstlerische Schaffen selbst ist.

An der gegenüberliegenden Wand befindet sich eine 2009 entstandene, unbetitelte Arbeit, die aus der Serie »orten« stammt. Grundlage bildet eine schwarze Holzplatte, auf der eine braune Decke befestigt, aber nicht gespannt wurde. Darauf tummeln sich zwei helle, biomorphe »Farbfleckwesen«, die sich partiell ablösen und insofern lebendig erscheinen. Eine schützende Acrylhaube spiegelt den Betrachter in das Werk hinein, so dass Nähe und Distanz, Suchen und Finden, Irritation und Verstehen einander zufließen und den Akt der Betrachtung intensivieren. Ähnlich faszinierend wirkt das große Querformat, das gleichfalls unbetitelt in der Reihe »orten« steht und an der benachbarten Wand seinen Platz gefunden hat. Wie zuvor arbeitet Quantius mit schwarzem Holz als Basis, auf der eine braune Decke befestigt wurde, sowie jenem Plexiglaskasten, der das Ganze umschließt. Die Farbe wurde jedoch nicht auf den Stoff, sondern direkt auf das Glas aufgetragen. Dabei erinnert das Motiv der in eine Schneelandschaft eingetauchten, verfallenen Hütte an das Werk an der Treppe, dessen silberner Grund so dominant war: reflektiert dort der Aluminiumlack das Licht, so geschieht dies hier durch das Glas, dessen Spiegelungen teilweise von der Ölfarbe unterbrochen werden.

Im nächsten Raum treffen wir erneut auf Arbeiten aus der Serie »nomad paintings«, die Olaf Quantius noch vor der Werkgruppe »orten« begonnen hatte. Wie in den zuvor gesehenen Gemälden richtet er auch darin den Fokus auf einfache, meist temporär angelegte Architekturen, die in einem unbestimmten, silbern-abstrakten Bildraum bisweilen zu schweben scheinen. Die Frage nach der Verortung gilt dabei weniger den Hütten, Schuppen und kleinen Scheunen, sondern primär der Standortbestimmung des Künstlers in seinem Schaffensprozess sowie der Position, die der Betrachter vor den Werken einnimmt. Damit entsteht ein intensiver Austausch zwischen Betrachter und Bild, der mir auch angesichts der ruhigen und bedächtigen Werkbetrachtung anderer Ausstellungsbesucher verdeutlicht wird.

Die »Infiltrierung des Realitätsbezugs« werde, so Nachtigäller, »durch die Malerei der Fetzen« auf Wolldecken radikalisiert, von denen eine in strahlendem Rot hinter einem Glaskasten drapiert wurde. Auch sie gehört wieder der Reihe »orten« an und zeigt, wie geschickt die Ausstellungsmacher gehängt haben. Da gibt es Brüche und Spannungen, die zur Belebung nicht nur des Raumes, sondern in erster Linie der Werke untereinander beitragen.

Der dritte Raum ist im Gegensatz zu den beiden anderen in braune Filzbahnen gekleidet und reizt dahingehend sowohl virtuell als auch akustisch die Sinne. Neben einem Werk aus der Serie »Danaiden« stechen dem Besucher besonders die Bilder aus »Les Chaperons« ins Auge. Diese Reihe widmet sich nahezu ausschließlich Personen, die auf schicksalhafte Weise zu Paaren vereint sind. Da blicken wir beispielsweise Bobby Fischer, dem legendären amerikanischen Schachweltmeister, in einem Doppelbildnis entgegen oder Frank Gust, der als Rhein-Ruhr-Ripper berüchtigt gewordene deutsche Serienmörder. Zwischen detaillierter Ausarbeitung und »weichgezeichneten« Partien entstehen bizarre Kompositionen, die formal absolut stimmig sind, doch durch die Art der Personendarstellung irritieren. Der gleichfalls mit brauner Wolldecke ausgeschlagene, im Raum platzierte Kasten, »vorübergehende Nähe« betitelt, greift jene Verwirrung auf, indem er ein spirituelles Objekt neben einem alltäglichen Gebrauchsgegenstand präsentiert. Auf der einen Seite eine Gebetsmühle, die körperliche Betätigung mit geistig-spirituellen Inhalten verschmelzen und damit Kraft schenken soll und auf der andern Seite eine Kleiderrolle, die – obgleich sie körperliche Aktivität fordert – keine tiefere Bedeutung besitzt als Fussel und Flusen von der Kleidung zu entfernen. Frappierend, welche Denkprozesse zwei Gegenstände freisetzen können, die aus vollkommen unterschiedlichen Kontexten entnommen und zusammengefügt wurden.

In seinen Ausführungen hat Roland Nachtigäller sehr präzise das vielschichtige Schaffen von Olaf Quantius charakterisiert, wenn er schreibt, dass die »Kraft des Neuen« in den Arbeiten des Künstlers »aus dem bewussten Umgang mit dieser Vielfalt der Möglichkeiten« im Pluralismus der Stile erwächst und zwar »im klugen und reflektierten Verwenden und Zitieren von ganz unterschiedlichen Bildtraditionen und malerischen Handschriften. Wenn schon beim oberflächlichen Betrachten seiner jüngeren Bilder Referenzen zu Schüttbildern und Fotorealismus, zu Fluxus und Modellbau, zu Vorbildern und Wegbegleitern wie Gerhard Richter, Luc Tuymans oder Dirk Skreber deutlich werden, so bewegt sich hier ein Künstler souverän auf vermeintlich bekanntem Gelände, um letztlich etwas originär Eigenes zu entwickeln.«

Fazit: Zwischen stiller Motivmelancholie und sprühender Farbenfreude, verwischendem Entdecken und pastosem Kaschieren, Vertrautheit des Gegenstandes und Fremdheit der Darstellung wirft Olaf Quantius einen erbarmungslosen und zugleich liebevollen Blick auf Wirklichkeit und schärft insofern mit seinen Werken unsere Wahrnehmung. Er hat in Gestalt seiner Werke Mittler zwischen althergebrachten Traditionen und hektisch-moderner Pluralität geschaffen, die zudem durch atemberaubende Ästhetik beeindrucken. Dass die Gemälde eine derart starke Wirkung entfalten können, ist nicht zuletzt der klug durchdachten Präsentation geschuldet!

Der zur Ausstellung im Kerber Verlag erschienene, 96 Seite umfassende Katalog überzeugt durch klar strukturierte sowie informative, spannend zu lesende Essays von Karen Straub und Roland Nachtigäller sowie einer Vielzahl qualitativ hochwertiger Werkaufnahmen, die zur weiteren Beschäftigung mit dem Œuvre von Olaf Quantius einladen.