Ausstellungsbesprechungen

On Kawara, Consciousness, Meditation, Watcher on The Hills

Die Zeit im Bewusstsein. Was ist Zeit??? Diese Frage stellt sich der Besucher der On Kawara-Ausstellung im Braunschweiger Kunstverein unweigerlich. Wie ein „roter Faden“ zieht sich der Begriff „Zeit“ durch die ausgestellten Kunst-Konzepte des japanischen Minimalisten. Zum einen dokumentiert der menschenscheue Künstler seine Lebenszeit umfassend und akribisch, jedoch auch so unpersönlich wie möglich, wie es einem Archivar geziemt.

Bei seiner Archivtätigkeit bedient sich On Kawara verschiedener Aufzeichnungssysteme. Seit Jahrzehnten schickt er, der Globetrotter, jeden Tag zwei Ansichtskarten an Freunde und Bekannte mit dem Stempelaufdruck „I got up at“ und dem exakten Zeitpunkt des Aufstehens. In Braunschweig ist eine Auswahl aus der Serie „Today, I am still alive“, die On Kawara 1970 begonnen hat, zu sehen. Es handelt sich hierbei um Telegramme, die er in unregelmäßigen Zeitabständen an Persönlichkeiten in der Kunstwelt schickt, auf denen nichts weiter zu lesen steht, als die Meldung von der Tatsache, dass er immer noch lebt.

 

  

Darüber hinaus erfährt man nichts von On Kawara. Er entzieht sich nicht nur völlig den Verpflichtungen des kommerziellen Kunstbetriebs (Er gibt keine Interviews, erscheint nie auf Vernissagen und lässt sich nicht fotografieren.), er scheint fast nicht zu existieren (Seine Biographie enthält lediglich die Angabe, wie alt er in Tagen gemessen ist). Unbedingt zu nennen, sind die „Date Paintings“, die On Kawara seit 1966 schafft; sie sind „die malerischen und buchstäblichen, die räumlichen und zeitlichen, die ereignisgebundenen und methodischen, die konventionellen und historischen Gegebenheiten einer malerischen Produktion“.

 

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Jede einzelne Leinwand, auf einen 5 cm dicken Holzrahmen gespannt, deren Größe zwischen 20,5 x 25,5 cm und 155 x 226 cm variiert, ist auf ihrer Oberfläche und auf den Seiten gleichmäßig mit Acrylfarbe in verschiedenen Grau-, Blau- oder manchmal Rottönen bedeckt. Im Zentrum der Leinwand steht das in weißer Farbe aufgetragene Datum des Tages, an dem das Bild entstanden ist.

 

 

 

In Braunschweig sind „Date Paintings“ von 1966 bis 2003 zu sehen, die an einem Sonntag entstanden sind. Diese Produktionsreihe, eine Bezeichnung, die im Zusammenhang mit den Produkten aus Industrie und Handel verwendet wird, stellt den ästhetischen Horizont des gemalten Werks von On Kawara dar. Indem sie auf die Strenge der Zeichencodes und auf die Ästhetik der Systeme setzt, für die unsere Zeit die Alltagsbilder verordnet, datiert die Malerei, von Gemälde zu Gemälde, eine unergründliche Erinnerung an vierundzwanzig Stunden eines Tages. Wird ein Gemälde nicht innerhalb dieser vierundzwanzig Stunden vollendet, so wird es der Zerstörung preisgegeben. On Kawara besteht darauf, dass das Datum absolut der Wahrheit entspricht. Der Malvorgang nimmt viele Stunden in Anspruch und geht mit der größtmöglichen Sorgfalt und Konzentration vor sich. Für On Kawara könnte das Malen eine Form der Meditation darstellen.

 

 

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Stehen die „Date Paintings“ eher für die mikrokosmische Sicht eines Menschenlebens auf die Zeit, so bietet die Installation „One Million Years“ einen makrokosmischen Blick auf die Zeitthematik. Der erste Teil „One Million Years Past“ umfasst die vergangene Million Jahre, die vor 1969 vergingen; der zweite Teil „One Million Years Future“ listet die Million von Jahren auf, die nach 1981 folgen. Je zusammengefasst in 10 Bänden, zu je 2000 Seiten, auf denen je 500 Jahresdaten vermerkt sind. Das bringt das Bewusstsein von Zeit ins Rotieren: Reichen doch für ein Menschenleben nur ein paar Zeilen und für die gesamte Menschheit nur ein paar Seiten.

 

 

Das Werk On Kawaras ist in all seiner Einfachheit und Schlichtheit eine faszinierende Darstellung des Phänomens Zeit. Sein Werk ist gewissermaßen eine gigantische Zeitmaschine, in der man sich vollkommen verlieren kann. 




Öffnungszeiten: täglich außer montags 11 – 17 Uhr

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