Ausstellungsbesprechungen

Orlan: Retrospektive

Die als Performance inszenierten chirurgischen Gesichtsoperationen sind wohl die bekanntesten und zugleich umstrittensten und schockierendsten Werke der Multimediakünstlerin Orlan. Einen Gesamtüberblick über das Schaffen der Französin zeigt das Centre national de la photographie in Paris bis zum 28. Juni.

Die Ausstellung lässt erkennen, wie kontinuierlich Orlan seit 40 Jahren über den Status des Körpers und die Rolle der Frau in der Gesellschaft nachdenkt, Schönheitsideale hinterfragt und ihren eigenen Körper als Material benutzt.

Bevor sie erkannte, dass der Körper ihr bestes Arbeitsmaterial ist, näherte sich Orlan der Kunst in den frühen 60er Jahren in der Malerei. Als Leinwand benutzte sie die weißen Laken, die ihr ihre Mutter als Aussteuer vermacht hatte. Der Tradition nach soll die Tochter die für die Ehe vorgesehene Aussteuer mit ihren Initialen besticken. Orlan jedoch verwendete diese Laken im körperlichen Austausch mit ihren Liebhabern, die sie darum bat, darauf ihre Spermaspuren zu hinterlassen. Zur Markierung der Flecken auf dem Laken umstickte die Künstlerin diese in einer als Performance konzipierten Arbeit mit schwarzem Garn. Bei der durch Fotografien festgehaltenen Arbeit inszeniert sich Orlan als häusliche Ehefrau. Die wertvolle Mitgift der Mutter wird hier Träger des Ausdrucks männlicher Potenz und klassischer Rollenverteilung. „Plaisirs brodés“ (gestickt Freuden) (1968) aus der Sammlung der Fonds national d’Art contemporain (FNAC) ist eine der frühesten Arbeiten der Ausstellung.

Die Laken der Aussteuer dienten Orlan immer wieder zur Selbstinszenierung in verschiedenen Frauenrollen. In der Arbeit „Strip-tease occasionnel à l’aide des draps du trousseau“ „Gelegenheits-Striptease mit Hilfe der Laken der Aussteuer“ (1974-75), eine Serie von 18 Fotografien, enthüllt Orlan ihren zunächst noch in die üppigen Laken gehüllten Körper Schritt für Schritt und nimmt dabei Posen als Mutter, Heilige, oder Venus an. Seitdem benutzt sie immer wieder Elemente aus dem Heiligenkult. In ihren „mesuRages“ trägt sie über ihrer Alltagskleidung ein aus den Laken ihrer Aussteuer genähtes Gewand und misst darin unterschiedliche Orte des urbanen Raumes in Orlan-Körper-Einheiten: dabei legt sie sich der Länge nach auf den Boden und markiert darauf jede Orlan-Körper-Einheit mit einem Kreidestück. Nach diesen Aktionen wäscht sie öffentlich das benutzte Gewand und stellt das Waschwasser aus. Die Ausstellung zeigt nicht nur Fotografien und ein Video dieser Performances, sondern präsentiert auch das handgenähte Gewand und dessen in Glasgefäßen aufbewahrtes Waschwasser wie moderne Reliquien.

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Die religiöse Ikonographie und die barocke Kunst haben die Künstlerin auch zu ihren Selbstinszenierungen als „Sainte-Orlan“ (heilige Orlan) inspiriert. Dabei nimmt sie, in barocke Tücher gehüllt, Posen der heiligen Madonna ein und bedient sich religiöser und künstlerischer Kultobjekte wie dem Kreuz oder der Staffelei. Diese Rolle an einem Ort zwischen „Puff und Kathedrale“[1] nimmt sie auch in ihrer Arbeit „Le Baiser de l’artiste“ („Der Kuss der Künstlerin“) (1977) ein. Hinter einer lebensgroßen Fotografie ihres nackten Torsos sitzend, bietet Orlan all jenen ihren Kuss an, die bereit sind, 5 franc dafür zu zahlen. Neben dieser Inszenierung des Verkaufs körperlicher Leistungen wacht eine Abbildung der „Sainte Orlan“ mit entblößter Brust über das Geschehen. Eine Reproduktion der Arbeit, die im Jahre 1977 noch einen Skandal ausgelöst hatte, empfing die Besucher der Fiac letztes Jahr am Haupteingang der Pariser Kunstmesse.

Die Idee zu ihrer „Art Charnel“ (Fleischliche Kunst) verwirklichte die Künstlerin erstmals 1980 mit ihren Versuchen zur Befreiung des menschlichen Körpers von sozialem Druck und Schönheitsidealen. Mit einem eigenen Manifest, in dem sie den Körper als „modifiziertes Ready-Made“[2] versteht, erklärt sie die bisher neun operativen Transformationen ihres Körpers, bei denen sie ihre Haut als Arbeitsmaterial benutzt. Bei den Eingriffen, die bisweilen live in verschiedene Kunstgalerien und Museen der Welt übertragen werden und diverse Showelemente beinhalten (in Haute Couture gekleidetes Chirurgenteam, Leseeinlagen der Künstlerin, Frage- und Antwortspiele zwischen Künstlerin und Publikum während der Dauer der Eingriffe), treibt Orlan die Versuche mit dem eigenen Körper bis an seine äußersten Grenzen. In den Operationen lässt sich Orlan verschiedene Bereiche ihres Körpers und Gesichtes mit dem erklärten Ziel verändern, sich den angeborenen Eigenschaften des Körpers zu wiedersetzen, ohne die üblichen Schönheitsnormen zu bedienen. In ihrer letzten Operation ließ sich die Künstlerin auf jeder Schläfe ein beulenartiges Implantat einsetzen. Dabei steht im Mittelpunkt der Arbeit nicht das Resultat, sondern die Operation als Performance. In diesen karnevalistischen Inszenierungen ist Schmerzfreiheit mittels Morphium wesentliche Voraussetzung und wird durch demonstrativ lachende und heitere Gesten der Künstlerin verdeutlicht.

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Als Fortsetzung dieses makaberen Umgangs mit dem eigenen Körper lassen sich Orlans „Self-hybridations“ verstehen. Sie sind Metamorphosen des eigenen Körpers mit Hilfe digitaler Verarbeitung. Fotografien präkolumbianischer Objektkunst oder afrikanischer Masken mischt die Künstlerin mit Fotografien ihres eigenen operativ veränderten Gesichtes und thematisiert dabei die Frage nach kulturspezifischen Schönheitsstandards.

In ihrem 40-jährigen Schaffen experimentierte Orlan stetig mit dem eigenen Körperbild und den Möglichkeiten seiner Transformation, sei es durch Verkleidung, Operation oder digitale Bearbeitung. Die Ausstellung im Centre national de la photographie gibt einen aussagekräftigen Überblick über das umfangreiche Schaffen der Künstlerin und läßt die Stringenz ihres Gesamtwerkes erkennen.

 

[1] Orlan in einem Gespräch mit Hans Ulrich Obrist, veröffentlicht im Ausstellungskatalog, S. 202.

[2] Orlan: Maifeste „L’art Charnel“, veröffentlich im Ausstellungskatalog, S. 185.