Ausstellungsbesprechungen

Otto. Die Ausstellung. Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, bis 17. Februar 2019

Ein Star ist er gewiss, vielleicht sogar einer der prominentesten Deutschen unserer Zeit, aber sein Sinn strebt immer noch nach Höherem: Otto Waalkes möchte gern selbst ein Gesamtkunstwerk sein. Stefan Diebitz hat die Ausstellung mit den Bildern des Komikers besucht.

Oh ja, er kann malen, und er versteht sein Handwerk; besonders, wenn es um das Grundieren geht, beginnt Otto Waalkes, den alle Welt nur Otto nennt, zu fachsimpeln und mit einer ganz echten Begeisterung die verschiedenen Techniken aufzuzählen, die er einst gelernt hat. Als junger Mensch besuchte er die Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, und wenngleich er nicht bis zum Abschluss durchhielt, so gab er doch das Malen niemals auf – die Arbeit mit Pinsel und Bleistift scheint ihm schlicht und ergreifend Freude zu bereiten. So füllt mit ungefähr zweihundert Exponaten seine Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe locker mehrere Säle.

Dass dieser Komiker zeichnen kann, weiß man seit Langem; schließlich hat er schon immer die Umschläge seiner Platten selbst gestaltet, und seit mehr als vierzig Jahren sind deshalb die »Ottifanten« allseits bekannt, kleine Elefanten, deren Existenz sich angeblich dem missglückten Versuch eines Selbstporträts verdankt. Sie schmücken nicht allein seine Alben, sondern sind auch ein Hauptbestandteil des vermutlich ziemlich ertragreichen Otto-Merchandising, wie es schon der aus dem Dach heraus winkende Rüssel eines Ottifanten auf dem »Otto Huus« andeutet. Eine Weile gab es sie auch als Comicstrip mit Baby Bruno in Tageszeitungen zu bewundern, wo sie ihren doch eher infantilen Humor verbreiteten, der viel mit Verdauung zu tun hatte – kleine Wölkchen um das Hinterteil sollten für Lacher sorgen.

Waalkes kann nicht nur zeichnen und malen, er kennt sich auch ein wenig in der Kunstgeschichte aus, und so begegnet der Besucher dieser gar nicht kleinen Ausstellung einer ganzen Reihe von allseits bekannten Meisterwerken, angefangen mit dem Zeigefinger Gottes aus der Sixtinischen Kapelle über Caspar David Friedrichs »Wanderer über dem Nebelmeer«, Max Liebermann und Edward Hopper bis hin zu dem Michelangelo der Gegenwart, dem geschmackssicheren Jeff Koons. Alle diese Bilder, wirklich ausnahmslos alle, sind Parodien, was entweder an den irgendwie oder irgendwo herumturnenden Ottifanten deutlich wird oder an dem Gesicht von Waalkes höchstpersönlich. Die meisten dieser Werke sind ziemlich gut gemalt, wenn man von einigen verzeichneten Pferden in der Liebermann-Parodie und wenigen anderen Missgeschicken absieht.

Es gibt zwei Punkte, die einem zu denken geben, wenn man sich die Bilder von Waalkes anschaut. Der erste ist die Allgegenwart der Parodie oder gar deren Alleinherrschaft. Außer den Ottifanten hat der Künstler Waalkes nichts, aber wirklich absolut überhaupt nichts Eigenes geschaffen, sondern er hat weder stilistisch noch inhaltlich irgendwelche Akzente gesetzt. Und er scheint es auch gar nicht erst versucht zu haben. Seine stilistische Bandbreite ist erstaunlich und reicht von Rembrandt bis zur Pop Art, aber immer ist er ganz und gar dem parodierten Kunstwerk verpflichtet, sei dies ein Bild von Gauguin oder von Munch, eine Szene von den »Peanuts« oder aus einem Kinofilm (»Titanic«). Das gilt ja auch für seine Programme als Komiker, die zu einem guten Teil aus Parodien bekannter Titel bestehen, und er selbst spricht von einer »Kontinuität der Parodie« und meint damit sein eigenes Schaffen seit Mitte der Siebziger. Aber die Auswahl dieser Parodien ist so beliebig wie die Kunst des Otto Waalkes selbst – der parodierte Gegenstand muss bekannt sein, eine andere Voraussetzung wird offensichtlich nicht gemacht. Diese Kunst nimmt niemals Stellung, weder künstlerisch noch politisch oder weltanschaulich, sondern bewitzelt unterschiedslos alles und jedes. Eben deshalb ist sie komplett charakterlos. Ihr fehlt die Haltung.

Manch Besucher dieser Ausstellung wird sich an die Ringelnatz-Ausstellung erinnern, die im letzten Jahr im Lübecker Grass-Haus stattfand. Auch der Humorist Ringelnatz war Dilettant, auch er war zahlreichen Vorbildern verpflichtet, auch sein Werk wuchs aus seinem Leben heraus; aber es ist niemals egomanisch, sondern verrät eine ganz andere Tiefe, nicht selten eine große Trauer. Waalkes‘ Humor dagegen bleibt immer oberflächlich und leicht verdaulich. Seine Arbeiten berühren zu keinem Zeitpunkt: Das unterscheidet ihn von einem wirklichen Künstler.

Und damit kommen wir zum zweiten Punkt, der Egozentrik von Waalkes, die allein dank seiner sympathischen Ausstrahlung erträglich ist. Irgendwie kann man ihm ja nicht böse sein, denn schließlich bespöttelt er ja nicht etwa andere, sondern nur zu gern sich selbst, ja sogar zunächst und vor allem sich selbst. Aber an einer Wand der Ausstellung findet sich ein Zitat, das seine Egozentrik (oder sollte man von Egomanie sprechen?) deutlich ausspricht: »Ich habe einen Traum: Otto – das Gesamtkunstwerk – zeitlose Meisterwerke. Klingt doch toll.«

Für ihn klingt es wahrscheinlich wirklich gut, aber ließe sich das Werk eines wirklich großen Künstlers auf einen solchen Satz reduzieren? Hat der von Waalkes verehrte Rembrandt, der sich ja ebenfalls selbst abbildete, und nicht nur gelegentlich, hat Rembrandt also seine Selbstporträts geschaffen, um sich selbst zu einem »Gesamtkunstwerk« zu formen? Niemand, der sich die Zeichnungen seines Gesichts anschaut, kommt doch auf die Idee, hier habe sich jemand selbst gefeiert, hier finde sich jemand einfach nur toll. Vielmehr handelt es sich um den ungemein ernsthaften Versuch einer Selbsterkundung – einer Erkundung aus der Distanz. Und davon kann bei Waalkes keine Rede sein, auch wenn er auf die Frage nach einem eigenen Stil antwortet, er sei immer noch auf der Suche und die Suche sei ja an sich das Beste. Mich aber stört ihre offensichtliche Ziellosigkeit.