Ausstellungsbesprechungen

Philipp Haager

Alles fließt. Als seien die nebulösen Pferde seiner ehemaligen Lehrerin an der Frankfurter Städelschule, Christa Näher, bereits durchgegangen und nur noch das verhallende Schnauben und das Pathos der Schwaden wären zu spüren: So wallen die großen, ja großartigen Landschaften Philipp Haagers vor dem Betrachterauge über die Rohleinwand.

»Skizze einer stillen Apokalypse«, »Zwischenreich«, »Witterungsgespinst« – das sind nur einige Beispiele seiner wagnerhaft rauschenden Tuschegemälde; gern umgibt sich Haager auch mit chiffrengleichen Titelworten, die geheimnisvoll sich gar nicht erst die Mühe machen, über den Inhalt des Bildes aufzuklären (»Apuk Silja«, »Ingrahl« u.Ä.). Die Ausstellung in der Stuttgarter Deck-Galerie heißt ganz verständlich »Der Anfang hinter dem Ende«, aber es tun sich doch Welten auf, in denen die Klarheit ihre Klärung erst noch suchen will. Bei näherer Betrachtung öffnen sich sogar zarte Bande zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem, wenn die Neugierde dem befremdlich erscheinenden Begriff auf die Spur geht. So zeigt ein Blick etwa in den Wahrig, dass sich hinter dem Backnanger Titel »Itinerarium« spannende Zugänge eröffnen: »1. altrömisches Straßenverzeichnis 2. Karte mit den Routen der zurückgelegten Reisen, Kriegszüge u.Ä. 3. Wegeaufnahme in unerforschte, noch nicht vermessene Gebiete«.

 

Haager hatte schon mehr Farbe drin in seinen Bildern. Aktuell beschränkt sich die Palette auf die Monochromie von Schwarz und Grauwerten, die ein hohes Maß an Konzentration ermöglichen. Die ist allerdings auch im Arbeitsprozess angelegt: Der Künstler pinselt nass in nass, schichtet die Tusche allerdings nach dem Trocknen immer wieder aufs Neue übereinander. Faszinierend ist, wie sich im abstrakten Vorgang des Farbflusses das Landschaftsmotiv regelrecht ergießt. Und da ist man versucht, Philipp Haager in die Nähe Gao Xingjians zu stellen, dem Literaturnobelpreisträger, der neben Günter Grass der einzige Literat von Weltrang ist, der sich auch als erstklassiger Künstler einen Namen machte: Lässt man außer Acht, dass Gao in seinen wasserschwarzen Bildern das landschaftliche Element durch gelegentliche Figurendarstellungen evoziert, was Haager vermeidet, erkennt man eine ungeahnte Wahlverwandtschaft beider Maler, deren Schaffen garantiert unabhängig voneinander entstanden ist (nicht zuletzt weil im Altersvergleich eine Generation zwischen dem 1974 geborenen Haager und dem 67-jährigen chinesischen Künstler steht). Aber auch da gilt: Alles fließt – jenseits der Kontinente und jenseits der Zeiten. Und wenn sich hier wie da die Pigmente verdichten und dann wieder sich in der Lasur verflüchtigen, möchte man grade im Taumel den Boden unter den Füßen verlieren und den wabernden Atem der Bewegung aufnehmen.

Weitere Informationen

DECK-Galerie für aktuelle Kunst:
Öffnungszeiten

Dienstag bis Freitag: 11.00 –19.00 Uhr

 

Galerie des Heimat- und Kunstvereins im Helferhaus:
Öffnungszeiten (während der Ausstellungen)
Dienstag bis Donnerstag: 17.00 - 19.00 Uhr
Freitag und Samstag: 17.00 - 20.00 Uhr
Sonntag: 14.00 - 19.00 Uhr


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