Porträts

Raumfabrik – Plakatkunst - Auf dem Weg zu einer ungewöhnliche Kunst-Ausstellung

Bei 34 Grad im Schatten steigen wir aus der S-Bahn und betreten den heißen Asphalt. Wir befinden uns zwischen Autobahn und der Peripherie von Durlach. An den alten Industriegebäude, die die Straße säumen, findet sich keinerlei Hinweise auf eine Kunstausstellung, die hier irgendwo sein soll.

Das Hotel „Zum blauen Reiter“ verstehen wir als gutes Zeichen dafür, dass wir uns auf der richtigen Fährte befinden. Nach dem Schild „Raumfabrik“ biegen wir rechts ein, durchqueren eine kleine Passage und befinden uns auf dem Gelände, wo vor Jahren noch die legendären Pfaff-Nähmaschinen hergestellt wurden.

Und was hat dies alles mit Kunst zu tun? Mein Blick schweift über den Platz, zwischen den modernisierten Gebäuden der Fabrik hin und her. Plötzlich entdecke ich hinter Bäumen einige großformatige Bilder, die ich zuerst für Werbeplakate halte. Auf den zweiten Blick wird klar, dass wir dort angelangt sind, wo die Reise hinführen sollte, zu einer unkonventionellen Kunstausstellung, genauer: der Ausstellung des Projekts „Kunst an der Plakatwand“.

Ein kleiner Spaziergang über das Fabrikgelände sorgt für immer neue Überraschungen. Unvermittelt wird man mit den Kunstwerken konfrontiert, die ungewöhnlich präsentiert werden. Die Bilder sind teilweise hoch oben an den Fassaden platziert, dann wiederum auf Augenhöhe des Betrachters, oder aber auch unspektakulär hinter Bäumen versteckt.

Sie treten zum Teil im engen Dialog mit der Architektur. Einerseits scheint die Kunst von ihrem Sockel gehoben zu sein…ausgestellt in einer Kulisse, wie man sie besser nicht inszenieren könnte: Ein alter Bagger steht auf einem verwildert brachliegenden Gelände neben einem Backsteinbau mit riesigem Schornstein, an dessen Fassaden Gemälde hängen. Tagsüber wird hier gearbeitet. Bauarbeiter haben ihre Spuren hinterlassen - Holzpaletten, Plastikrohre, Drahtreste und zerbrochene Latten.

Etwa 30 großformatige Gemälde von 19 Künstlern hängen in dieser riesigen „Freiluftgalerie“ - selbst für Kunst im öffentlichen Raum ein außergewöhnlicher Ort.

Es handelt es sich nicht um einen stark frequentierten Platz in der Öffentlichkeit. Man wohnt hier nicht und man flaniert auch nicht abends auf dem Parkplatz vor den Gebäuden. Und trotzdem herrscht eine „erhabene“ Stimmung.

Bei dieser „Kunst im öffentlichen Raum“ handelt es sich nicht um Skulpturen aus Stein oder Metall, wie so häufig, wenn Kunst für den Außenbereich bestimmt ist. Ausgestellt wird empfindliche Malerei im Werbetafelformat, die zwar durch einen Lacküberzug wetterfest gemacht wurde, jedoch weiterhin der Witterung widerstehen muss.

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Die Idee von „Kunst an der Plakatwand“ entstand vor beinahe 20 Jahren, als die Künstlerin Angela Junk-Eichhorn ein Haus in Karlsruhe-Neureut bezog, und zwei riesige Plakatwände ihr die Sicht versperrten. Die Konfrontation mit den grellen Werbetafeln weckte bei der Künstlerin das Bedürfnis, dem etwas entgegenzusetzen. So kam es, dass kurze Zeit später nur noch eine der beiden Plakatwände als Werbefläche fungierte, die zweite jedoch – zuerst von Eva Schaeuble – im Laufe der Jahre jedoch von verschiedenen Künstlern der Region, im halbjährlichen Wechsel gestaltet wurde. Es gab keine Themenvorgabe. Manche der Künstler ließen sich offensichtlich von dem großen Format zu neuen Ausdrucksweisen inspirieren, andere blieben bei altbewährter Technik und sind so schnell zu identifizieren, wenn man ihr Oeuvre kennt.

Die im Rahmen der Neureuter Plakatwand entstandenen Kunstwerke reisten zwischenzeitlich durch mehrere Länder. Es gab Ausstellungen in Prag, Paris, Oxford und an anderen Orten. Aktuell sind die Plakatwände der19 Künstler an zwei Orten in Karlsruhe zu finden: an den Gebäuden der Raumfabrik in Durlach und bis zum 7. August 2005 an der Hildapromenade, wo es mehr als 40 Riesengemälde auf grünen Wiesen zu bestaunen gibt. Ein Ausflug zu diesen beiden Open-Air-Galerien lohnt sich.

Dieses Porträt entstand im Rahmen der von Dr. Kirsten Claudia Voigt geleiteten Übung „Künstler im Porträt, eine Schreibwerkstatt“ des SS 2005 am Institut für Kunstgeschichte der Universität Karlsruhe.


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