Ausstellungsbesprechungen

Sean Scully – Figure / Abstract, Ludwig Museum im Deutschherrenhaus Koblenz, bis 16. November 2014

»Meine Bilder zeigen Strukturen, aber mit Gefühl«. Das Museum Ludwig in Koblenz unternimmt dieser Tage eine Reise durch das Schaffen des amerikanischen Künstlers Sean Scully. Und die führt von ersten figürlichen Zeichnungen hin zu großen Formaten voller strenger Linien und kontrastreichen Farben. Susanne Braun hat sich mitnehmen lassen.

Seitdem Sean Scully in den 1960er Jahren mit dem Malen anfing, schafft er überwiegend großformatige Bilder, bei denen Struktur und Farbe im Mittelpunkt stehen. Mal sind die Strukturen düster, starr und streng geometrisch, dann wieder sind sie freier gestaltet und farblich kontrastreicher oder sie lassen sich, Ton in Ton mit dem Hintergrund, nur bei aufmerksamer Betrachtung in der gesamten Ausprägung wahrnehmen. Auf manchen Bildern sind gitterartige Strukturen zu sehen, an deren Urgrund sich lebendige Bewegungen vermuten lassen, die allerdings von den starren farbenfrohen horizontalen und vertikalen Linien fast vollkommen verdeckt werden. Auf anderen Bildern gewährt Scully dem Betrachter einen Blick auf die genaue Zusammensetzung der komplexen Struktur, die das Gemälde ausmacht, indem er die Elemente an manchen Stellen einzeln und dann über den Großteil des Bildes wieder im Zusammenspiel darstellt. Einflüsse von Piet Mondrian, Mark Rothko und Jackson Pollock sind offensichtlich.

Selbst wenn es mit Blick auf diese sehr geometrischen abstrakten Bilder nur schwer vorstellbar ist, auch Scully hat seine künstlerischen Wurzeln in der Figürlichkeit. Frühe Zeichnungen aus den 1960er Jahren, von denen nur noch wenige erhalten sind, zeigen Akte und Porträts von Frauen und Männern, aber auch Pflanzen und Tiere. Bereits hier treten persönliche Merkmale wie die Gesichter der Dargestellten eher in den Hintergrund. Offenkundig stehen im Zentrum von Scullys Interesse vielmehrallgemein menschliche Attribute. Insbesondere durch eine kontrastreiche Gestaltung von Licht und Schatten sowie die Einteilung des Hintergrundes in hell oder dunkel gehaltene und klar voneinander abgegrenzte Blöcke verweisen diese Zeichnungen auf die späteren abstrakten Gemälde. In der Ausstellung lässt sich nachvollziehen, wie mehr und mehr dominante Farben und Flächen ohne Körperlichkeit das Figürliche in den Hintergrund treten lassen und außerdem Einflüsse des Fauvismus und des deutschen Expressionismus sichtbar werden.

1945 in Dublin geboren, nur kurze Zeit später mit der Familie nach London und dann schon bald nach New York übergesiedelt, lässt Scully sich unmöglich in die Enge eines nationalstaatlichen Korsetts zwängen. Doch im Gegensatz zu vielen irischstämmigen Künstlern hat er sich gemäß der Darstellung des irischen Kunstkritikers Marc O’Sullivan im Katalog zur Ausstellung seinem Geburtsland gegenüber immer interessiert gezeigt und ist ihm freundlich gesonnengewogen geblieben. Mit »Crann Soilse« hat Scully sogar eine für die irische Kultur ganz besonders repräsentative Statue geschaffen, die sich noch heute an prominenter Stelle in der irischen Stadt Limerick befindet und einerseits auf Scullys abstrakte Gemälde und andererseits auf monolithische Strukturen der frühen Siedler Irlands verweist. »Scullys Werke (…) kommen unmittelbar aus dem Erleben, aus der Natur«, beschreibt die Direktorin des Ludwig Museum Koblenz, Prof. Beate Reiffenscheid, seine Kunst und attestiert ihr, Einflüsse der Landschaft und Megacities wie New York gleichermaßen aufzugreifen.

Doch Scullys Gemälde weisen genauso über die Grenzen der bildenden Kunst hinaus. »Meine Arbeiten haben auch musikalische Einflüsse und ich habe Lyrik geschrieben«, erklärt Scully, »es fasziniert mich, wie etwas Großes entstehen kann, indem man etwas sehr demütiges tut«. Sein Ziel ist es, eine universelle Sprache zu schaffen, zu der sich jeder einen direkten Zugang verschaffen kann. Das lässt sich offenbar am ehesten mit Hilfe bildlicher Ausdrucksformen erreichen.