Ausstellungsbesprechungen

Seelandschaft (Friedrich)

Caspar David Friedrich Gemälde „Mönch am Meer“ betrachtet von Clemens Brentano, Achim von Arnim und Heinrich von Kleist. Der Geist aber ist von mir. „Vorübergegangen ist …die trübe Zeit, wo die Stürme des Krieges mit dunklen Wolken jede Aussicht verhüllen auf das, was … das Gemüt … zu heben … vermag.“ Mit diesen Worte leitet Johann Gottfried Schadow sein Katalogvorwort von 1810 zur Ausstellung der „Königlichen Akademie der Künste“ ein, auf der Friedrichs „Mönch am Meer“ zuerst ausgestellt wird. Sie könnten auch aus einer der Sofortinterpretationen des Werkes von Kleist, Brentano oder Arnim sein.

Tatsächlich aber geht der wortgewandte Bildhauer auf die Grundstimmung in Deutschland ein, die der Friedenschluss von Tilsit 1810, nach vielen Kriegsjahren seit 1806, auslöst. „Die dunklen Wolken“, die sich aus dem horizontlosen Meer herauslösen und „jede Aussicht verhüllen“, sind denn auch bei den meisten zeitgenössischen Interpreten des Friedrichwerks erwähnt. Weil es noch nicht ganz vollendet war, hat Friedrich sein Gemälde erst einen Monat nach der Ausstellungseröffnung, am 27. September, in Berlin eingereicht. Daher ist es unter „später eingesandten Kunstsachen“ im Kataloganhang genannt mit dem Titel „Zwei Landschaften in Öl“. Gemeinsam mit seinem Gegenstück, der „Abtei im Eichwald“, laufen beide Bilder unter einer Nummer: 339. Für diese Einreichung aus Dresden hat Schadow am 27. September persönlich quittiert.

 

Dass diese beiden Bilder inhaltlich zusammen gehören, wird häufig nicht bedacht. Berühmter von beiden geworden ist jedenfalls das Bild „Der Mönch am Meer“. Friedrich ist Mitte dreißig und voll im Gespräch, weil er einen neuen Begriff von Landschaftsmalerei geprägt hat. Sein Werk „Kreuz im Gebirge“ hatte in Heinrich von Kleists Zeitschrift „Phöbus“ einen Theoriestreit, den sog. Ramdohr-Streit, ausgelöst, bei dem es um einen Wandel in der Landschaftsmalerei geht. Landschaft wird nicht mehr verstanden als Naturabbild, sondern als eine Projektionsmöglichkeit für Konflikte und Nöte des Individuums. In der Natur konnte man neuerdings einen Nothelfer für die existenzielle Bedrohung und für religiöse Jenseitshoffnung finden.

 

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„Der Mönch am Meer“ hat in der Akademieausstellung 1810 großes Aufsehen erregt. Von den Eliten wird er sofort zur Kenntnis genommen, was folgende Begebenheit belegt. Schadow, 1810 noch die Nummer 1 unter den preußischen Bildhauern, besorgt als Akademiedirektor die zweijährigen Ausstellungen und auch deren Auswahl. Schirmherr, König Friedrich Wilhelm III., ist ein Kunstkenner. Sein Geschmack neigt den Künstlern der eigenen Generation zu. Das sind Romantiker. Der 15jährige Kronprinz Friedrich Wilhelm (IV.), ab 1840 der erste Künstler auf dem preußischen Thron, erbat sich von seinem Vater das Bilderpaar zum Ankauf. Dafür wurde ein Höchstpreis von 450 Talern bezahlt. Als im Juli des Ausstellungsjahres Königin Luise gestorben ist, übergeht Friedrich Wilhelm III. Schadow, den Leiter der Königlichen Bildhauerwerkstatt, mit dem Auftrag zum Grabmal der Königin, und bevorzugt den jungen Christian Daniel Rauch. Schadow ist an diesen Schock, vor allem wegen Rauchs Erfolg, beinahe gestorben.

 

Das Gemälde-Paar wird von Anfang an auf der anspruchsvollsten Bühne präsentiert, die es gab. Jetzt kommen andere Akteure ins Spiel: zuerst Heinrich von Kleist. Am 1. Oktober 1810 hat er die Herausgabe für die Tageszeitung „Berliner Abendblätter“ übernommen. Schon 14 Tage darauf, am 13. Oktober, erscheint seine Kunstkritik „Empfindungen vor Friedrich Seelandschaft“. Keine Bildinterpretation kann seither ohne diese Kleist-Kritik auskommen. Es gibt auch keine bessere. Der Dreiunddreißigjährige, genuin ein Dramatiker, hatte seine Hauptwerke, den „Zerbrochenen Krug“, „Amphitrion“ u.a. bereits geschrieben. Der Theatererfolg blieb ihm jedoch aus. So versuchte er seine wirtschaftliche Misere durch Herausgeberschaft aufzubessern. An der Berliner Tageszeitung (bis 30. 03.1811) führte er mit Kritiken zur neuesten Kunst eine Reihe ein. Als Rezensenten lädt er auch die beiden Heidelberger Freunde ein, die mit der Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ (1806 1. Bd.) romantische Weltanschauung so attraktiv wie niemand anderes gemacht haben. Es sind Clemens Brentano und der Jüngere, Ludwig Achim von Arnim, die zu Wilhelm von Humboldt nach Berlin kamen, da Humboldt wegen des Gründungsauftrags der Wilhelms-Universität Einfluss auf die Stellenbesetzungen hatte. Beide Autoren sollten eine Rezension liefern. Dazu benutzt haben sie ein großes Doppelblatt, von dem jeder zwei Seiten zur Verfügung hatte. Unterzeichnet ist der Aufsatz mit den Buchstaben cb (Clemens Brentano).

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Clemens Brentano ist affiziert von Friedrichs Werk. Er schreibt den längeren Text und betitelt ihn mit „Verschiedene(n) Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft, worauf der Kapuziner“. Von Arnims Kurztext spiegelt sich bei Kleist und auch später fast nichts wider. Brentano ist tatsächlich der überragende Ideengeber und Schöpfer aller Gedanken über das Bild und nie ist er überboten worden. Er hat alles bis heute Gültige aus dem Bild herausgeholt. Er beobachtet die „unendliche(n) Einsamkeit am Meeres Ufer unter trübem Himmel auf eine unbegränzte Wasserwüste hinzuschauen …“. Er hat zuerst die Unruhe darüber empfunden: „dass man dahin gegangen, dass man zurück muß, daß man hinüber mögte, daß man es nicht kann..“ . Er empfindet den „Anspruch den das Herz macht, und ein Abbruch, den einem die Natur thut.“ In Kenntnis der Texte seiner Freunde kann Kleist weitergehen. Er bildet sich ein, dass er „selbst der Kapuziner ward, das Bild ward die Düne“. Er spürt: „Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt: … der einsame Mittelpunct im einsamen Kreis.“ Kleist greift auch Brentanos Idee vom Meer auf, das „wie die Apokalypse da“ liegt. Am Ende kommt Kleist zu dem genialen Schluss: beim Betrachten sei es „als ob einem die Augenlieder weggeschnitten wären“. Auch Friedrich selber hat sein Bild erklärt. Auch er stellt fest, dass man das Fernweh, das der tiefsinnige Mann am Strand empfindet, nicht erklären könne: „Und sännest Du auch vom Morgen bis zum Abend … dennoch würdet du nicht … ergründen, das unerforschliche Jenseits!“

 

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Der versierte Schreiber Heinrich von Kleist hat den langen Text Brentanos zu einem  Essay umgeformt, der unter seinem Namen die Welt erobert hat. Die Autoren Brentano und Arnim haben sich bei Kleist umgehend über die Vereinahmung ihres Aufsatzes beschwert. Neun Tage später, am 22. Oktober, veröffentlicht Kleist in Blatt 19 der „Abendblätter“ die selbstbewusste „Erklärung“, „daß ich, zur Steuer der Wahrheit … erklären muß: nur der Buchstabe desselben (Aufsatzes) gehört den genannten beiden Hrn.;  der Geist aber, und die Verantwortlichkeit dafür, so wie er jetzt abgefaßt ist, mir. H.v.K.“

 

Dieses außerordentliche Autograph mit dem Mischtext wird in der aktuellen Berliner Ausstellung der Öffentlichkeit zum ersten Mal präsentiert. Es befindet sich in der Sammlung im Goethe-Museum zu Frankfurt am Main (Freies Deutsches Hochstift). Im Katalog zur Ausstellung ist es von Hartwig Schultz als Paralleldruck mit allen Lesarten kritisch ediert und der gedruckten Kurzfassung von Kleist gegenübergestellt. Das ist das absolute Novum in der Friedrich- und Kleist-Forschung sowie Höhepunkt dieser Ausstellung. Denn von interdisziplinärer Forschung ist inzwischen viel die Rede. Dahinter steckt oft fast nichts. Verständlich deswegen, weil die interdisziplinäre Forschung im Grunde nur an Einzelfällen wie diesem überzeugt.

 

 

 

Öffnungszeiten

Di - So 10 – 18 Uhr, donnerstags 10 – 22 Uhr

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