Ausstellungsbesprechungen

Stan Douglas, Past Imperfect (Werke 1986–2007)

Mit Spannung war im vergangenen Jahr die Stan-Douglas-Retrospektive erwartet und breit in der Öffentlichkeit beworben worden: Noch nie haben die Staatsgalerie und der Württembergische Kunstverein in Stuttgart eine Zusammenarbeit von diesem Umfang gemeinsam in Angriff genommen, wobei die Regie sichtbar in der Hand von Hans D. Christ und Iris Dressler vom Kunstverein lag.

Zudem zeigen beide Häuser erstmals einen derart umfassenden Rundumblick auf das Werk des Videokünstlers und Fotografen Stan Douglas (geb. 1960), der zwar längst zu den inthronisierten Hauptvertretern der Video-Kunst gezählt wird, aber doch auch ein Wagnis bedeutet insofern, als sein Werk nicht fest im öffentlichen Bewusstsein verankert ist. Seine Präsenz auf der Kasseler Documenta (1992, 1997 und 2002) und auf der Biennale von Venedig (1990, 2001, 2005) dürften die Kluft zwischen Akzeptanz und Unkenntnis eher vergrößert haben. Die gezeigten 14 Videoarbeiten und 120 Fotos aus den letzten 20 Jahren, die in großzügiger Museumsarchitektur auf die Besucher warten, machen es dem Betrachter nicht leicht: seine Arbeiten bestechen durch eine kaum zu durchdringende Tiefe und Länge, wobei sich Douglas gleich souverän im Medium des Videos wie dem der Fotografie bewegt und obendrein dem Film ganz neue Perspektiven offeriert. Die Tiefe versteckt sich dabei nicht selten hinter einem scheinbaren Oberflächenrealismus, der sein Hintertürchen in unglaubliche Räume freihält; und die Länge mancher seiner Videos übersteigt so manche Dauer eines Öffnungstag des Museums um halbe Ewigkeiten. Die Video- und Filminstallationen scheinen auf den ersten Blick überschaubar, tatsächlich stecken in ihnen nicht nur grandiose Ausflüge in die Literatur- und Filmgeschichte, in spektakuläre ästhetische Abenteuer, sondern unterm Strich – bedingt durch die Loops – so viele Stunden an Betrachtungsmöglichkeiten, dass es einer Nachbereitung bedarf. So ist es nicht nur die zu Ende gehende Werkparade in Stuttgart, sondern auch mit Nachdruck der großartige Katalog zur Ausstellung, die Stan Douglas ins rechte Licht rücken.

Keine Frage, man muss sich in Douglas einlesen – was freilich den Zugang vor Ort erschwert. Die inhaltlichen Bezüge reichen von Eichendorff und Kafka über Beckett bis zurück zu den Märchen und entlang von Thrillern. »Mit seinen Ensembles aus audiovisuellen Installationen, Set- und Standortfotografien«, so die Ausstellungsmacherin Iris Dressler, »nähert sich Douglas einem bestimmten gesellschaftlichen Phänomen immer gleich aus mehreren, künstlerisch höchst unterschiedlichen Richtungen«. Gradlinigkeit sei nicht seine Sache, eher noch sein Bestreben, »unerwartete wie überraschende Perspektiven auf Wirklichkeit zu schaffen«. Und auf den Titel der Ausstellung bezogen, schreibt Dressler in dem zusätzlich erschienenen Kurzführer: »Kein anderer Künstler vermag es, wie Douglas auf […] sinnliche wie intellektuelle Weise die Erfahrungsräume des Kinos, Fernsehens und Museums zu erweitern. Zeit, als ein wesentliches Material seiner Werke, wird dabei ihrer vertrauten Ordnung enthoben und zum Part Imperfect: zum unvollendeten Prozess des immer schon Vergangenen.« Douglas prägte dafür den Begriff des »rekombinierenden Erzählens«, während dem der Künstler neben den oben genannten Namen auch die High- wie Low Culture von James Cook, ETA Hoffmann, Shirley Jackson, Buster Keaton, Herman Melville, Edgar Allen Poe, Marcel Proust oder dem Marquis de Sade bemühte.

Stan Douglas bringt Literatur in eindringlichen Bildern zum Laufen. Er stieg in die Videoproduktion ein, als auch andere Kollegen (Doug Aikken, Douglas Gordon) den Film mehr für ihre Arbeiten nutzten, wie andererseits Filmemacher (Jean-Luc Godard) mit dem Video experimentierten – das Ergebnis der neu definierten Wahlverwandtschaft kennt man als movie-video. Der literarische Text gewinnt da ein größeres Gewicht, gemessen an den gängigen Berührungen der Videoinstallation mit Performance oder Still. In einem Mediengespräch hat Douglas 2006 ausdrücklich auf Platons »Höhlengleichnis« verwiesen und damit die Videokunst grundsätzlich zum ausführenden Organ eines literarischen Bildes gemacht. Im Hinblick auf die »fundamentale Metapher und die Technologie der Projektion« sieht Douglas darin den »besten Ausgangspunkt«: »Eine Gruppe von Menschen wächst heran, doch das einzige, was diese Menschen sehen, sind ihre eigenen Schatten und die der sie umgebenden Welt […]. Das Problem besteht darin, dass Menschen, die seit ihrer Kindheit in einer Höhle angekettet waren und Schatten angeschaut haben, über keine Sprache verfügen, um das zu beschreiben, was sie sehen, wenn man sie ans Licht führt«. Die Technik wird nun zur sinnfälligen Spielwiese für ein existenzielles Gleichnis. So abwegig ist das nicht, wenn man kurz skizziert, wie hintersinnig Douglas mit der Literatur umgeht, wie selbstbewusst, ja rigoros er Sprache in seine Bildwelt einmontiert, wie er sie dekontextualisiert, um den faszinierenden Weg zu einer neuen Wahrnehmung zu ebnen. Es ist dabei kein Widerspruch, dass sich der Videomatador zwischendurch auch als Cineast betätigt, sich im Spannungsfeld zwischen Kino, TV und Video bereichert. Dass die laufenden Bilder letztlich nicht ohne Dramatik und Opulenz das Scheitern des menschlichen Tuns illustrieren, steht dem faszinierend langen Atem im Werk von Stan Douglas nicht im Wege.

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