Ausstellungsbesprechungen

Stefan Moses. Porträtfotografie.

In der Ausstellung »Stefan Moses – Porträtfotografie« präsentiert das Museum Sankt Ingbert fotografische Arbeiten des 1928 im schlesischen Liegnitz geborenen Stefan Moses, dessen konstantes und bis dato nicht abgeschlossenes Oeuvre international zu den herausragenden Erscheinungen der deutschen Fotografie nach 1945 zählt.

Mit rund 200 Schwarzweissaufnahmen kann der Betrachter nun anhand mehrerer Kapitel einen Teil der Stefan Moses Retrospektive, die vom Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum konzipiert wurde, nachspüren. Dabei richtet die Ausstellung in Sankt Ingbert ihr Hauptaugenmerk auf das umfangreiche Porträtwerk des Fotografen.

Stefan Moses erlangte – neben seinen Reportagen für Zeitschriften wie magnum oder den Stern – insbesondere durch seine freien Projekte, in denen er Konzept- und Lifefotografie zu einer charakteristischen Bildsprache verband, Ansehen und Anerkennung als Fotograf. Bereits in den ersten Ausstellungsräumen begegnen dem Besucher die seit den 60er Jahren entstandenen Bücher mit Bildnissen und Bildsequenzen, die die intensive Auseinandersetzung und gefühlvolle Annäherung des Fotografen an das Sujet »Mensch« dokumentieren. Dazu zählen etwa der 1979 publizierte Band »Transsibirische Eisenbahn«, der Band »Abschied und Anfang – Ostdeutsche Porträts« von 1991 oder »Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft« aus dem Jahr 1998. Im zweiten Stock dann trifft der Besucher auf den mit »Manuel« betitelten Bildessayband von 1967, indem der Fotograf einen liebevollen, zärtlichen und faszinierenden Blick auf seinen Sohn wirft, der sich mit kindlicher Leichtigkeit und Unbeschwertheit von der Kamera bewegt. Die Aufnahmen Manuels, die die Ausstellung als eigenes Themenfeld gewählt hat, entführen den Betrachter in eine kleine Zauberwelt und binden ihn in das arkadische Spiel des Kindes ein.

Das Porträt als fotografische Gattung und gleichzeitig als facettenreiches psychologisches Abbild der deutschen Gesellschaft bildet den roten Faden im Schaffen des Fotografen, so dass sich sein Lebensthema »Deutschland und die Deutschen« langsam aber sicher herauskristallisiert hat. Seine groß angelegten Bildzyklen spiegeln die soziale und kulturelle  Entwicklung der Bundesrepublik, wobei gerade das Projekt »Ostdeutsche Porträts« aus den Jahren 1989 und 1990, als bedeutendste fotografische Arbeit über den Prozess der deutschen Wiedervereinigung angesehen werden kann.

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Stilistisch in der Tradition der Wanderfotografen des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts porträtiert Stefan Moses seit nunmehr vier Jahrzehnten die Deutschen. Er hält Alte und Junge, Künstler und Intellektuelle, Arme und Reiche, ihre Wohnungen und Feste, deutsche Vereine und Schulen auf ganz behutsame Weise in seinen Arbeiten fest und avanciert so zum Chronisten und Porträtisten der deutschen  Nachkriegsgesellschaft.

Moses fotografiert Unbekannte und prominente Bürger in Köln, Büsum oder Dachau vor einem mitgeführten grauen Filz, wobei der neutrale Hintergrund zur Bühne wird und die Körperhaltungen der Fotografierten symbolisch anmuten. Durch diese imaginäre Bühne wird der Mensch seiner vertrauten Umgebung entrückt und – in der Rezeption als Bild – sein gesellschaftlicher Standort neu definiert. Die so entstandenen Porträts sind individuelle Studien von großer Allgemeingültigkeit, es sind, so Wolfgang Kemp: »die kürzesten Operetten, die je geschrieben wurden«.

Der Fotograf nähert sich seinen Landsleuten in Ost und West mit analytischem Gespür und liebevoller Zuneigung. Wo er etwas verhüllt, macht er zugleich etwas anderes sichtbar, wobei seine Arbeiten stets die richtige Distanz behalten und nie verletzend wirken. Moses’ photographischer Blick auf seine Zeitgenossen ist sensibel, neugierig und forschend. Indem er sich den Menschen vorsichtig annähert, schafft er es, den Gesichtern der Porträtierten die Bandbreite menschlicher Emotionen zu entlocken. So sehen wir als Betrachter in lachende, ernste, nachdenkliche, verschmitzte, verschämte, ahnungslos-unschuldige oder traurige Gesichter.

Beeindruckend sind neben dem fotografischen Blickwinkel und der stilistischen Annäherung an das Sujet »Mensch« aber auch die Aufnahmen der deutschsprachigen Geistes- und Kulturelite. So trifft der Ausstellungsbesucher beispielsweise auf Theodor W. Adorno, Ingeborg Bachmann, Georg Baselitz, Joseph Beuys, Ernst Bloch, Heinrich Böll, Willi Brandt, Otto Dix, Tilla Durieux, Günter Grass, Ilse Aichinger, Marianne Hoppe, Walter Jens, Erich Kästner, Thomas Mann, Gerhard Richter oder Martin Walser.

Dem Museum Sankt Ingbert ist eine authentische und wirklich überzeugende Ausstellung gelungen, die durch klare Struktur der Präsentation, durch komplexes Informationsmaterial und natürlich durch Wahl interessanter Arbeiten Stefan Moses’ zu überzeugen weiß.

 

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Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag, Feiertage:  10 -18 Uhr