Ausstellungsbesprechungen

Stroh, kostbar wie Gold. Lübecker Strohmarketerien des 18. Jahrhunderts. St. Annen-Museum / Museumsquartier Lübeck, bis 8. Oktober 2017

Im Lübecker St. Annen-Museum werden in diesem Sommer Strohmarketerien vorgestellt. Die kleine, aber feine Ausstellung hat Stefan Diebitz besucht.

Stroh ist ein ungewöhnliches und auf den ersten Blick billiges Material, das auf Volkskunst hinweist. Wie kann man mit Stroh Gold oder andere edle Materialien imitieren? Handelt es sich um so etwas Ähnliches wie die Ludwigsluster Pappmaché? Im Park des mecklenburgischen Ludwigslust stellten die Herzöge von Schwerin Statuen aus Pappmaché auf, weil nicht genügend Geld für Marmor zur Verfügung stand, und so ist heute das Schloss nicht allein für seinen schönen Park und seine prachtvolle Innenausstattung, sondern noch mehr für seine regenfesten Papparbeiten bekannt.

Die Vermutung liegt zunächst nahe, dass beim Stroh die Verhältnisse ganz ähnlich liegen, dass es also allein wegen seiner Wohlfeilheit ausgesucht wurde, aber ganz so billig kann es nun auch wieder nicht gewesen sein. Denn offenbar mussten zunächst spezielle Halme gezogen – lang und sehr gerade – und sorgfältig auf die Verarbeitung vorbereitet werden, indem sie geschnitten und ihr Mark ausgekratzt wurde. Möglicherweise ist das »Goldspinnen« aus den Märchen der Gebrüder Grimm – dazu wollte ein gewisses Rumpelstilzchen die schöne Königstochter missbrauchen – eine Reminiszenz an die Bedeutung des Strohs.

Lag das Material bereit, kam ein Strohschachtelmacher – im Fall dieser Ausstellung: aus der Familie Hering – und bastelte Strohfurnierplatten mit sehr feinen und delikaten, oft emblematischen Szenen, vielleicht auf Vorrat, vielleicht auf Bestellung. Meist wurde das Stroh kräftig gefärbt, so dass die ursprüngliche Farbigkeit der Marketerien fast schon überwältigend gewesen sein muss. Leider sind heute die Kästchen, da man damals noch keine lichtechten Farben herzustellen wusste, wesentlich blasser und gebräunt. Erst wenn die Platten fertig waren, wurden sie auf Möbel, Dosen oder auch auf Bücher geklebt. So ist eine Marketerie keine Intarsienarbeit, denn die Strohplatten wurden nicht in ein anderes Material eingesetzt, sondern aufgetragen.

Volkskunst kann es also nicht gewesen sein; wahrscheinlich war es sogar so, dass die Auftraggeber und Käufer recht bedeutende Herren waren, mindestens wohlhabende Bürger, oft aber sogar regierende Fürsten wie zum Beispiel die Herzöge von Hessen-Kassel. Meist wurden die Dosen und Schränkchen Teil von Kuriositäten- oder Naturalienkabinetten, aber es finden sich auch Brautgeschenke und Liebesgaben. Arbeiten der Familie Hering lassen sich jedenfalls in halb Europa nachweisen, denn obwohl ursprünglich eine Lübecker Familie, scheinen die einzelnen Mitglieder später in verschiedenen Teilen Deutschlands aktiv gewesen zu sein. Wie wenig man darüber weiß, demonstriert in dem sehr lesenswerten Katalog zur Ausstellung der einführende Beitrag der Kuratorin Bettina Zöller-Stock, die trotz intensiver Recherche in Archiven und Kirchenbüchern kaum gesicherte Nachrichten ausfindig machen konnte:

»Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass bis heute trotz aller Nachforschungen außer den drei Taufbucheinträgen keine einzige belastbare schriftliche Quelle zu Identität, Wohnort(en), Arbeitsweise und Werkstattorganisation der drei nur durch ihre signierten und datierten Werke greifbaren Meister der Strohmarketerie zwischen 1695 und 1736 mit dem Familiennamen Hering aufgefunden werden konnte.« Es bleibt also noch viel zu tun.

Es sind nicht viele, dazu meist recht kleine Objekte, die in Lübeck ausgestellt werden, aber sie sind eigentlich alle außergewöhnlich schön und schon wegen ihrer warmen Farbigkeit, zusätzlich wegen ihrer Feinheit im hohen Maße ansprechend. Eine Reihe von Motiven findet sich auf vielen Objekten und weist wahrscheinlich auf Vorlieben des Strohschachtelmachers hin; eine dieser Vorlieben sind Eichhörnchen, eine andere Eigenheit sind die (Theater?) Vorhänge, die Szenen einrahmen. Viele Details allerdings werden erst auf den Fotos des Kataloges sichtbar, und dazu muss man den nicht in jedem Fall guten Zustand der Kästchen, Tabatiéren und Dosen bedenken. Im vierten und letzten Katalogbeitrag, der Zusammenfassung einer Masterarbeit, bewertet Tabea Vietzke den bedenklichen Zustand eines Schmuckkästchens und zeigt die Möglichkeiten einer Restaurierung auf.

Besonders hervorheben muss man den vom Museum herausgegebenen Katalog – nicht allein wegen seiner schönen Abbildungen der Dosen wie ihrer Details, sondern noch zusätzlich wegen der qualitativ durchweg hochwertigen Beiträge. Bettina Zöller-Stock, Kuratorin der Ausstellung, schildert in ihrem Artikel die Probleme einer (kultur-) historischen Aufarbeitung. Virginie Spenlé beschreibt en detail einen Kabinettsschrank, dessen Erwerb durch den Verein der Freunde des Museums Anlass gewesen ist für diese Ausstellung, die fast allein aus dem Eigenbestand des Hauses beschickt wurde.

Öffnet man, so beschreibt Spenlé das Objekt, das im Mittelpunkt von Ausstellung und Interesse steht, »die Flügeltüren, so offenbart sich die Pracht der Schubladenfassade und der Türinnenseiten, die großflächig mit feinsten Marketerien aus buntem Stroh überzogen sind. Hier entfalten sich auf engstem Raum weitläufige Landschaften, die durch ausgewogene Kompositionen, Detailreichtum, erzählerische Bildmotive und erläuternde Sprüche den Betrachter in ihren Bann ziehen.« Schließlich gibt Angelika Rauch unter der Überschrift »Kein Hering wie der andere« (Wortspiele mit diesem Namen sind eben zu verlockend…) einen Überblick über »Die vielfältigen Strohobjekte der Hering-Gruppe«. Alle diese Beiträge können mit einer Vielfalt von feinen Beobachtungen überzeugen.