Kataloge

Struth, Thomas: Making Time (2005 – 2007), Schirmer/ Mosel Verlag, München 2007.

Der von Thomas Struth eigens gestaltete Katalog »Making Time« zur gleichnamigen Ausstellung im Frühjahr 2007 im Museo del Prado zeigt eine Fotoserie, für die Struth Besucher im Moment der Betrachtung von Kunstwerken in internationalen Museen (National Gallery London, Eremitage St. Petersburg, Prado Madrid etc.) abgelichtet hat.

Die Ausstellung im Prado – bespielt wurden der Villanueva-Bau und der Erweiterungsbau im Hieronymus-Kreuzgang (vor dessen offizieller Einweihung als erweitertes Museumsgebäude) − bildet zum einen den Abschluss der Museumsfotografien Struths, die 2005 um Velazquez Las Meniñas konzipiert wurden, und zum anderen das Ende der Umbauarbeiten am Museum.

In dem Katalog sind einzelne Museumsfotografien Struths exponiert und teilweise als centerfold zu sehen, um auf der folgenden Seite diese soeben hervorgehobenen Arbeiten in ihrer Nachbarschaft zu den Dauergästen der Ausstellungsräume zu zeigen. So präsentiert sich zum Beispiel ein Foto von zwei Asiatinnen im Prado, die nach rechts gewandt ein Gemälde betrachten, um − wie sich auf der nächsten Seite des Kataloges zeigt − als eben solches die Position im Museumsraum einzunehmen, die vorher von ihnen so nachdenklich observiert wurde. Auf einer anderen Fotografie erscheint ein Museumsbesucher im blauen Blazer vor Albrecht Dürers berühmtem Selbstportrait (1500) in der Alten Pinakothek in München. Bei Struth leistet er nun selbst als Bildgegenstand Dürers Selbstbildnis von 1498 im Prado Gesellschaft. Nicht nur die Zeit als entscheidendes Moment bildet somit einen Fokus in Struths Museumsfotografien, sondern auch der Raum respektive die Überwindung räumlicher Grenzen wird aufgebrochen durch die Verbindung verschiedener Orte mittels der Museumsfotografien.

Eine eigene Serie bilden die kurz aufeinander erfolgten Aufnahmen von staunenden Besuchergruppen im hinteren Teil des Ausstellungskataloges. Sie blicken nicht mehr nur allein auf das Gemälde im Museum, vor dem sie sich ehrfürchtig versammelt haben, sondern betrachten nun den Fotografen des Bildes und durch diesen auch uns.

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Die Komplexität dieses umfangreichen Werks mit dem bedeutungsschwangeren Titel »Making Time« wird in einem interessanten Essay von Prof. Estrella de Diego behandelt. »Making Time« beschreibt den Moment, in dem der Besucher das betrachtete Gemälde um die Dimension des rezeptionsästhetischen Aspekts erweitert und im Augenblick des Beobachtet-Werdens wiederum beobachtet − und zwar nicht nur den Fotografen Struth als Produzenten der Fotografie in dem Moment, in dem er am Ort des Bildes anwesend dieses festhält, sondern nunmehr uns. Die Überschreitung der ästhetischen Bildgrenze – begonnen bei Velazquez mit dem Verschmelzen von Betrachterposition und Ort der Repräsentation (Foucault), ergänzt durch die vieldeutige Position der aus dem Bild herausblickenden Malerfigur, über die heutigen Betrachter in den Fotografien Struths, endet schließlich in dem Fortführen dieser Wahrnehmungs- und Kommunikationskette bei uns, dem Betrachter des Ausstellungskatalogs.

»Making Time« bildet eine beeindruckende Dokumentation dieser Arbeit, indem nicht nur der museale Betrachterraum um den des Lesers erweitert wird, sondern vor allem das Moment der Zeit und damit der Entwicklungsprozess der Arbeiten sichtbar gemacht wird.

 

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