Ausstellungsbesprechungen

Thomas Demand, Camera

Messerscharfe Beobachtungsgabe und nervenaufreibende Akribie in der Ausführung liegen den Fotografien von Thomas Demand (geb. 1964) zugrunde. Menschenleere Orte und stimmungsneutrale Szenerien werden zu prototypischen Zeugen historischer, politischer und schließlich auch menschlicher Geschehnisse und Schicksale erhoben. Wie Demand in der Absenz die Gegenwart menschlicher Tragödie aufscheinen lässt, ist in der konzentrierten Ausstellung der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle anhand ausgewählter Fotografien aus den Jahren 2005 bis 2007 zu erfahren.

Der Umfang der Exponate ist mit achtzehn fotografischen Arbeiten und einem Filmloop knapp bemessen, der begehbare Ausstellungsraum hingegen öffnet den Betrachtungs- und Erfahrungssinn in kognitive Weiten, die entdeckt werden wollen. Thomas Demand hat die Ausstellung in ihrer Konzeption und Erscheinungsform maßgeblich bestimmt: Von Wänden, die herausgenommen wurden, um Platz für eigens von Demand entworfene Stellwände zu schaffen, bis zum kostenlos an den Besucher abzugebenden Textheft reicht das künstlerische Konzept. Für zwei Fotozyklen, »Embassy I-VIIa« (2007) und »Klause I-V« (2006),  hat Demand in den Ausstellungsraum hinein eigens gefertigte Stellwandgänge entwickelt, die den Besucher entlang der Abfolge der Bilderzählungen leiten. Der Filmloop »Camera« (2007) und die beiden C-Prints »Lift« (2005) und »Campingtisch« (1997) nutzen die vorgefundenen Wandflächen der Galerie.

 

Eingetaucht in den grauschwarzen Grund der Stellwände, startet »Embassy« die Abfolge von neun Fotografien mit einer Außenansicht eines schlichten Gebäudes. Fahne und genauere Detailkenntnis (siehe Textheft) lassen das Gebäude als Nigrische Botschaft in Rom identifizieren. Es geht von einer Fotografie zur nächsten, einen Treppenaufgang hinauf, an einer geheimnisvoll leicht geöffneten Tür vorbei und schließlich gelangt man vor die Innenansicht eines Büroraumes. Papiere liegen in wüstem Durcheinander auf dem Tisch herum, erwecken allerdings weniger den Eindruck eines geordneten Chaos’ als vielmehr einer nachdrücklichen Suche. Menschen, Schriftzüge oder ähnliche Accessoires lassen die Fotografien missen. Langsam misstrauisch werdend und an die Exponate herantretend wird der Betrachter gewahr, dass es sich bei Demands »Objekten« um papierne Modelle handelt, die die Szenerie stellen und schließlich ausgeleuchtet und fotografiert sehr »aufgewertet« daherkommen. Ist der Attrappencharakter durchschaut, entsteht jene Distanz des Betrachters zum »Bild«, die die Fotografie nicht mehr eigentlich als Fotografie deutet und sich selbst und den real umgebenden Raum durch diese Irritation als neuartig oder eben verfremdet wahrzunehmen beginnt.

 

Demand’s besonderes Vermögen scheint in einer ausgeprägten Wahrnehmung von räumlichen Situationen und Raumverhältnissen zu bestehen. Seine Arbeiten sind oftmals Gedächtnisprotokolle von Räumen, die er selbst aufgesucht hat. Dieses dreidimensionale Denken korrespondiert mit dem inszenatorischen Ansatz der Hamburger Ausstellung als Gesamtkunstwerk und Demands Selbstverständnis als Bildhauer: Die Stellwände, die eine eigene Raumsituation innerhalb des musealen Raumes schaffen, versetzen den Besucher in eine Parallel- oder Scheinwelt. Er begibt sich, ist er entdeckungsfreudig genug, in die Welt der Attrappe, oder, wie die Kuratorin der Ausstellung treffend bemerkte: schaue man hinter die Stellwände, hat man den Eindruck Filmkulissen à la Babelsberg vor sich zu haben.  

Und man hat noch mehr: Demands ausgeprägtes Raumbewusstsein hat den Bereich hinter den Stellwänden um etwa zwei Drittel größer belassen, als jenen der Schauseite mit seinen Fotografien. Beim Betreten verengt sich diese zur Schau gestellte Kulissenrückseite zu klaustrophobischer Enge und man fragt sich ob dieser Raum nun die Rückseite der Ausstellung oder selbst Ausstellungsstück ist. Demands Absicht scheint darauf zu beruhen, uns unsere Sehgewohnheiten, die wir im täglichen Überangebot der Medien »trainieren«, bewusst werden zu lassen, indem er sie irritiert. Darüber hinaus spielt es schließlich nur eine sekundäre Rolle, dass sich »Embassy« auf einen Einbruch in die Nigrische Botschaft in Rom bezieht, bei dem Unterlagen entwendet wurden, die dem amerikanischen Geheimdienst als Argument für den Irakkrieg dienten. Oder, dass die Fotofolge »Klause« auf ein mutmaßliches Verbrechen im Saarland rekurriert, dessen Opfer bis heute nicht gefunden wurde. Oder, dass sich »Campingtisch« (1997) auf die Reemtsma-Entführung oder »Lift« (2005) auf ein retuschiertes Polizeifoto im Fall eines Rings von Kinderpornografie bezieht.

Die Ausstellung braucht die erzählerische Begleitung einer Führung, denn so distinkt die Fotoarbeiten zu sein scheinen, dem Besucher wird viel in Sachen Selbstreflektion abverlangt, um hinter dieser täuschenden Klarheit des Bildes die eigene Konvention aufbrechen zu lassen. Aber — da sind ja noch die wohlfeilen Ausstellungshefte, die Demand dem Besucher mit an die Hand gibt und die zum erweiterten Ausstellungskonzept dazugehören!


Open Acess Angebot 

 

Ulrike Westphal

 

Imitation of Life? Das Prinzip des Modells in den Fotografien von Thomas Demand

 

Die großformatigen Farbfotografien von Thomas Demand (geb. 1964 in München) zeigen auf den ersten Blick banale Räume und Situationen des Alltags. Doch nichts in diesen Bildern ist "echt": ein Stuhl nicht aus Holz, eine Wand nicht aus Stein und ein Mülleimer nicht aus Plastik. Thomas Demand manipuliert oder ersetzt nicht das traditionelle analoge Verfahren, sondern die Realität, die sich vor der Kamera befindet. Den Platz des Referenten nimmt ein Modell ein, welches Demand nach unterschiedlichen, teils medialen Vorlagen wie Pressebilder oder Filmstills von Überwachungskameras in reduzierter, modellhafter Form und ausschließlich aus Papier nachbaut. Die Magisterarbeit fragt ausgehend von einer theoretischen Betrachtung des vieldiskutierten Wechselverhältnisses zwischen Fotografie und Wirklichkeit nach der stellvertretenden Funktion der Modelle. Thomas Demand macht sich das Prinzip des Modells zu Nutze, um nicht nur nach der Beschaffenheit der eigenen Erinnerung zu fragen, sondern im Besonderen das Wesen der Bilder und ihre Realität zu reflektieren. Seine Arbeiten werden auch vor dem kunsthistorischen Hintergrund der "Inszenierten Fotografie" der 80er Jahre betrachtet und abschließend mit unterschiedlichen "Modell-Konzepten" anderer zeitgenössischer Fotografen (Oliver Boberg, Miklos Gaál, Marc Räder) verglichen.

 

 

 

 

 

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr
Donnerstag 10 bis 21 Uhr
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