Ausstellungsbesprechungen

Tilman Riemenschneider. Werke seiner Blütezeit. Werke seiner Glaubenswelt.

Kein Mensch zweifelt heute noch an der grandiosen Bedeutung des Holzschneiders und Steinmetzen Tilman Riemenschneiders für die neuzeitliche Entwicklung der Kunstgeschichte. Das war nicht immer so.

Doch wer glaubt, er kenne »seinen« Riemenschneider, der muss schon Würzburger oder sagen wir Mainfranke sein. Denn der zugereiste Kultur-Tourist darf nun während des 1300-jährigen Jubiläums der Stadt Würzburg die prächtige Kunst Tilman Riemenschneiders in einer Fülle genießen, die auf die Schnelle gar nicht zu erfassen ist. In der Doppelausstellung des Mainfränkischen Museums und des Museums am Dom zeigt Würzburg zum einen rund 130 Arbeiten (darunter 50 Leihgaben aus dem In- und Ausland) aus der Blütezeit zwischen 1500 und 1530, zum anderen noch einmal über 50 Werke speziell zu seiner Glaubenswelt, von den vielen Zeugnissen der Riemenscheiderschen Kunst in Franken (Bamberg, Creglingen, Rothenburg ob der Tauber, Volkach, um nur die bekanntesten Orte neben Würzburg zu nennen) ganz abgesehen.

Die alten und neuen Erträge der Ausstellung sind beachtlich: Die vielen Exponate erlauben einen intensiven Einblick in die Formentwicklung Riemenschneiders; die Ausstellung zeigt zudem neben dem frommen Künstler, der einen einzigartigen Ausdruck des innigen religiösen Gefühls fand, auch den profanen Ratsherr und späteren Bürgermeister, der einen imposanten Tisch für das Würzburger Ratshaus und ein Lüsterweibchen für eine Nachbargemeinde schuf; sie präsentiert den Künstler als einen der wenigen, der gleichermaßen in Holzskulpturen wie in Steinarbeiten überzeugte, und als einen der ersten, der neben der farbig gefassten Plastik bewusst zu einer ungefassten Skulptur überging (die jegliche »Mogelei« im Detail unmöglich machte); schließlich wird dem Betrachter eine Denk- und Kreativwerkstatt vorgestellt, in der Riemenschneider eine Schar von Mitarbeitern beschäftigte, die nach der Verstrickung des Meisters zur Zeit des Bauernkriegs 1525, verstärkt nach seinem Tod 1531 seine Nachfolge antraten (Peter Dell d.Ä., Franz Maidburg) – nicht unerwähnt soll bleiben, dass erstmals in Würzburg auch Arbeiten des Sohnes, Bartlmä Dill, ausgestellt werden. Ergänzend zielt das Dommuseum auf die Begegnung von Kunst und Glauben – im berechtigten Bewusstsein, das Spätmittelalter sei eine Epoche tiefen Glaubens gewesen.

Unterm Strich kommt ein Mensch zum Vorschein, der wie kaum ein zweiter so viel welthaltige und idealisierte Frömmigkeit in derart starke individuelle Gesichtszüge legen konnte, der im künstlerischen Antlitz Gefühle bis hin zur psychologischen Studie hervorzubringen vermochte, und der es – ganz und gar nicht weltfremd – sehr wohl verstand, eine beachtliche Karriere zu machen (sogar herbe persönliche Schicksalsschläge konnte der mehrfache Witwer letztlich profitreich umsetzen). Den Zeitgenossen blieb die an Niklas Gerhaerdt, Michel Erhart und Martin Schongauer geschulte formale wie psychologische Raffinesse nicht verborgen: allein die üppige Auftragslage machte die Gründung einer fabrikhaft organisierten Werkstatt notwendig. Die Ausstellung bemüht sich mit überzeugender Kennerschaft darum, die einzelnen Hände – die des Meisters und die seiner Mitarbeiter – zu bestimmen. Mit System entwickelte Riemenschneider einen Formenkanon, der auf eine größere Statik sowie eine größere Orientierung auf die Vorderansicht hinzielte und eine Grundlage zur Reproduzierbarkeit schuf (wie dies in einer Reihe von Madonnen nachvollziehbar wird).

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Die Laufbahn Tilman Riemenschneiders war 1525, nachdem er auf die Verlierer des Bauernkriegs gesetzt hatte, zwar nicht vorbei. Aber sein Stern begann dann doch zu sinken, die Aufträge kamen spärlicher in die Werkstatt. Das hing auch damit zusammen, dass seine Plastiken eine stille Gefühlsgelassenheit ausstrahlen, die neben dem dramatischen oder auch prosaischen Ausdruck vieler Kollegen zu leise war. Um ihn her lärmten die (nicht minder begnadeten) Erasmus Grasser, Adam Kraft und vor allem Veit Stoß. Bereits knapp zehn Jahre nach Riemenschneiders Tod, 1540, wurde der Friedhof geschlossen, auf dem der Bildhauer seine letzte Ruhestätte fand. Und erst einmal aus den Augen, kam der Schöpfer so begnadeter Werke wie der geschnitzte Heiligblut-Altar oder das Marmor-Grabmal für Bischof von Scherenberg auch aus dem Sinn. Eher zufällig entdeckte man 1822 bei Straßenbauarbeiten seine Grabplatte wieder, die den Künstler wieder ins Bewusstsein rückte. Von einem Siegeszug ins 20. Jahrhundert hinein kann man vielleicht insofern reden, als endlich die hintergründige Dramatik erkannt wurde – so setzte Riemenschneider etwa bei seinem Heiligblut-Altar ganz bewusst auf die Lichtwirkung mit Hilfe eingelegter Butzenscheiben, die das Licht zu unterschiedlichen Tageszeiten und Witterungen über die Köpfe hinweg flackern lässt und die Personen scheinbar zu Leben erweckt.

Tilman Riemenschneider steht am Beginn der Neuzeit – seine Wirkkraft reicht in unsre Gegenwart. Wir können ihm andächtig begegnen, wir können die Schönheit seiner Skulpturen in Stille genießen, wir können ihrer inneren Glut euphorisch begegnen: wie auch immer, es hätte kaum der den Ausstellungen hinzugefügten modernen Reminiszenzen bedurft (allerdings kann man auch milde über sie hinweg sehen). Noch immer gibt Riemenschneider genügend Rätsel auf (heute mehr denn je?), um ihn für ganz modern zu halten. Würzburg hat sich und den Besuchern mit ihrer Riemenschneider-Schau ein schönes Geschenk gemacht, nachdem in den vergangenen Jahren Balthasar Neumann und Giambattista Tiepolo eher im Vordergrund des kulturellen Interesses gestanden hatten als der »Dritte im Bunde«.

Die Ausstellung wird begleitet von einem zweibändigen Katalog, der – kurz und bündig gesagt – das Beste darstellt, was man zu Riemenschneider sagen kann. Sowohl in der Liste der Beiträger, allesamt ausgewiesene Kenner der Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts im Allgemeinen und des Meisters im Besonderen als auch in der Qualität der Abbildungen dürfte dieses Standardwerk kaum zu überbieten sein. Verantwortlich zeichnen für den Band »Werke seiner Blütezeit« die stellvertretende Leiterin des Mainfränkischen Museum, eine Mittelalterexpertin, für den Band »Werke seiner Glaubenswelt« (der programmatisch noch deutlicher als der erste Band auch die konfessionelle Handschrift des Verlags Schnell und Steiner zeigt) Jürgen Lenssen, Leiter der Hauptabteilung VIII Bau- und Kunstwesen, Direktor der Stiftung Kunstsammlung, Vorsitzender der ARGE Kirchliche Museen und Schatzkammern, Sekretär der Kommission für Liturgie, Mitglied der Kommission für Kirchenmusik und Präsident der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst.

 

 

Weitere Informationen

 

Eintritt
Für den Besuch beider Ausstellungen einschließlich Riemenschneider-Shuttle-Bus:
11,-- EURO / erm. 9,-- EURO
Familienkarte: 22,-- EURO

Öffnungszeiten

Täglich 10–19 Uhr

Zur Finissage am 13. Juni ist die Ausstellung bis 24 Uhr geöffnet (mit umfangreichem Rahmenprogramm)