Ausstellungsbesprechungen

Tomás Saracenos »in orbit« im K21 Düsseldorf– eine erfahrbare künstlerische Utopie

In einem Museum in 25 Metern Höhe einmal über Drahtseile unterm Dach klettern und Ängste überwinden? Eigentlich eine witzige, aber für ein Museum doch eher untypische Vorstellung. Dennoch ist es möglich, erfahrbar durch den Künstler Tomás Saraceno im K21 in Düsseldorf. Sabrina Tesch ist in luftige Höhen geklettert.

Dort schuf er eine surreale Landschaft aus Stahlnetzen, eine begehbare Rauminstallation, die aus drei Ebenen unter der Glaskuppel des Ständehauses besteht und 2.500 Quadratmeter umfasst. Zudem gibt es fünf Kugeln, die sogenannten »Sphären« – das sind große luftgefüllte Ballons, die das Wolkenmeer vervollständigen. So wirkt die gesamte Installation wie ein Universum mit Planeten, eine unwirkliche Welt, die aber tatsächlich existiert und das nicht nur in unserer Vorstellung – »in orbit«, so der passende Titel.

»Was ist das? Wo sind die? Wie kann das sein? Ist das real? Verdrängung, Furcht … sind die real? … Wenn Sie sich trauen, bekommen Sie wirklich Angst … fürchten sich … vielleicht mögen Sie es nicht, fühlen sich unbehaglich, obwohl Sie es doch wissen wollen … Ihre Grenzen. …dann weckt Sie das leichte Vibrieren aus dieser träumerischen Halluzination auf, halb Dystopie, halb Utopie … Das ist das Kunstwerk, das Sie erleben, nachdem Sie es ‚durchquert‘ haben …«[1]. So erklärt der Künstler selbst sein visionäres Projekt.

Durch die Bewegungen der Kletterer und Besucher geraten auch die Stahlseile in Bewegung. Die Bewegungen müssen an die sich verändernden Umstände und Vibrationen angepasst werden. So verändert sich das gesamte Gefüge, aber es ist keine bewusste Veränderung, sondern geschieht unwillkürlich. Die Kommunikationen und die Reaktion auf diese Bewegungen spielen demnach auch eine wichtige Rolle. »In orbit« ist nicht statisch, im Gegenteil, die Installation wird durch die Interaktion und die Resonanzen der Seile irgendwie lebendig.

Der 1973 in San Miguel de Tucumán geborene argentinische Künstler Tomás Saraceno versucht in seinen Arbeiten neue Welten, eine Utopie von Welt, zu erschaffen, die von der Natur inspiriert ist und uns neue Möglichkeiten eröffnen soll. Seine ehrgeizigen und riesigen Werke und Projekte entstehen nach einer detailgetreuen Auseinandersetzung mit biologischen und physikalischen Erkenntnissen. Saraceno arbeitet hier eng mit Wissenschaftlern in seinem Atelier in Berlin zusammen.

Ein Schwerpunkt seiner Forschung ist das Erkunden des Spinnennetzes. Dieses lag auch der Installation »in orbit« zugrunde. Saraceno setze vorab unterschiedliche Spinnenarten zusammen in Vitrinen und konnte so ihren Netzbau, ihr Vorgehen beim Bau und auch ihre Reaktion auf die Nachbarn beobachten. Die Spinnen bauten neue Netzkonstruktionen auf den bereits vorhandenen auf und so entstanden vielfältige Muster und riesige Netze, die es in dieser Art in der Natur nicht geben würde. Im K21 gibt es zusätzlich zu der begehbaren Installation nun auch zwei Kästen mit Spinnennetzen und Spinnen in einem abgedunkelten Raum. Die Vitrinen sind offen, nicht durch Glas von der Umgebung abgeschirmt. In ihnen befinden sich mannigfaltige und vielfach verwobene Netze und Spinnen der Gattung Cyrtophora citricola, der sogenannten Opuntienspinne. Diese Spinnenart lebt mit Spinnen ihrer Art nebeneinander, aber jede für sich in ihrem eigenen Netz, also nicht in Verbänden zusammen. Sie sind demisozial, also halb sozial. Durch ihr Verhalten, auf bereits vorgearbeiteten Netzen anderer Spinnen aufzubauen, sehen wir im Grunde mehrere Netze in der Vitrine zusammen, die wirken, als seien sie eines.

Auf der Basis seiner Erkenntnisse plante der Künstler mit Ingenieuren, Architekten und Biologen die große Konstruktion von »in orbit«. Von den Spinnennetzen übernahm er die hohe Funktionalität, die Stabilität und Feinheit und übertrug sie auf die Netzkonstruktion. Trotz eines Gewichtes von ca. drei Tonnen wirkt die Installation leicht schwebend im Raum. Ein Spinnennetz ist im Grunde ein kleines Wunder der Natur – es ist viermal strapazierfähiger als Stahl und kann enorm in die Länge gezogen werden. Dies war Vorbild für Saracenos Installation.

Saraceno ist fasziniert von der Schönheit der Spinnennetze, die gepaart mit Funktionalität und Stabilität, ein Vorbild für seine Architekturprojekte sind. »Es sind nicht die Tiere an sich. Ich liebe ihre Netze. Sie erinnern mich an Architekturen und Skulpturen.«[2] Seine Vision ist es, schwebende Städte zu schaffen, Städte der Zukunft, die sich immer wieder zu neuen Formen und Strukturen zusammen setzen. Ähnlich wie Wolken. Utopische Visionen von Leben, die er realisieren möchte. Es soll keine Grenzen mehr geben, weder territorial, noch sozial. Gleichzeitig soll die Ästhetik wirken und das Leben spannender gestalten. Auch »in orbit« ist Teil dieser Vision, dieser Utopie. Das Spinnennetz wird hier zu einem Ideal für menschliches Sozialverhalten und deren Koexistenz, deren Vernetzung innerhalb der Gesellschaft.

Tomás Saraceno arbeitete schon weltweit und konnte einige große Installationen rund um den Globus verwirklichen. Zahlreiche Preise wie 2009 den Calder Preis der Calder Foundation in Zusammenarbeit mit der Scone Foundation erhielt er bereits. Im Jahr 2003 war er auf der Biennale in Venedig vertreten.

[1] Tomás Saraceno: www.kunstsammlung.de/in-orbit.html
[2] Tomás Saraceno: www.awmagazin.de/design-style/kunst-antiquitaeten/artikel/im-atelier-von-kuenstler-tomas-saraceno