Ausstellungsbesprechungen

Trauern: Von Verlust und Veränderung, Kunsthalle Hamburg, bis 14.Juni

Die erste groß angelegte Sonderausstellung der Hamburger Kunsthalle 2020 ist zugleich der dritte Teil einer von Brigitte Kölle kuratierten Reihe, die sich mit Tabu– und Grenzthemen auseinandersetzt. Nach »Besser scheitern« (2013) und »Warten. Zwischen Macht und Möglichkeit« (2017) wird nun das Thema »Trauern: Von Verlust und Veränderung« von allen Seiten beleuchtet. Stefanie Marschke hat an der bemerkenswerten Pressekonferenz teilgenommen.

 Bemerkenswert deshalb, weil viele der rund 30 internationalen Künstlerinnen und Künstler aus 15 Ländern, deren Werke zum Teil speziell für diese Ausstellung entstanden sind, sowohl bei der Pressekonferenz also auch bei der gut besuchten Vernissage anwesend waren und angeregte Gespräche mit einem sehr interessierten Publikum geführt haben. Ergänzt um Leihgaben internationaler Museen und Privatsammlungen erstrecken sich die Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Videos, Sound Pieces, Dia– und Klanginstallationen über zwei Etagen der Galerie der Gegenwart.

Anne Collier (*1970) Woman Crying (Comic) #8, 2019 C-Print, 126 x 150 cm Courtesy of the artist; Anton Kern Gallery, New York; Galerie Neu, Berlin; Gladstone Gallery, Brussels; and The Modern Institute / Toby Webster Ltd., Glasgow © Anne Collier
Anne Collier (*1970) Woman Crying (Comic) #8, 2019 C-Print, 126 x 150 cm Courtesy of the artist; Anton Kern Gallery, New York; Galerie Neu, Berlin; Gladstone Gallery, Brussels; and The Modern Institute / Toby Webster Ltd., Glasgow © Anne Collier

»Trauer, Schmerz, Verlust, Wandel, Abschied von Gewohntem sind schwer darzustellen, ihr verstörendes Potenzial nur schwer zu benennen«, erläutert Kuratorin Brigitte Kölle ihr Anliegen. Sie möchte herausfinden, welche Bilder und Worte zeitgenössische Künstler dafür finden, und den Besuchern Impulse geben, um die heute oftmals tabuisierten Themen aufzubrechen und darüber zu sprechen. Was vermag der Umgang mit Trauer über unsere Gegenwart zu erzählen? Welche Bedeutung kommt dabei den überlieferten Pathosformeln zu?

Wie schwierig es etwa ist, eine Sprache für das Gefühl der Traurigkeit zu finden, zeigt das Video »I’m too sad to tell you« von Bas Jan Ader (1970/71): Er filmt sich darin selbst beim Weinen – von ruhiger Benommenheit bis zum schmerzvollen Schluchzen steigernd –, ohne dass der Zuschauer den Grund erfährt und offen bleibt, ob die zur Schau gestellten Emotionen und der Kontrollverlust authentisch oder gespielt sind, ob sie eine private oder öffentliche Ebene beinhalten und als Affront gegen tradierte Männlichkeitsbilder aufgefasst werden können.

Maria Lassnig (1919–2014) Balken im Auge / Trauernde Hände, 1964 Öl auf Leinwand, 77 x 115 cm © Maria Lassnig Foundation /  VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Maria Lassnig (1919–2014) Balken im Auge / Trauernde Hände, 1964 Öl auf Leinwand, 77 x 115 cm © Maria Lassnig Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Auch die renommierte österreichische, 2014 verstorbene Malerin Maria Lassnig, deren 100. Geburtstag im letzten Jahr mit einer großen Ausstellung in der Wiener Albertina gewürdigt wurde, hat – wie viele der hier präsentierten Künstler – den Verlust eines Angehörigen verarbeitet: In eindrucksvollen Bildern wie »Die tote Mutter/Hyazinthen« und »Balken im Auge/Trauernde Hände« (beide 1964) verbindet sie den Abschied von der Mutter mit einer grundlegenden Verunsicherung und Infragestellung ihrer künstlerischen Schaffenskraft. Sie entwickelte in ihren »Körperbewusstseinsbildern« das Konzept der »Body Awareness«, eine Bildsprache des physischen Empfindens, und kombinierte traditionelle Mythologien und Ikonografien mit eigenen Bildfindungen. Hier klingt etwa das christliche Thema der Beweinung an, das Motiv der Pietà, das seit über 500 Jahren in der abendländischen Kunst bekannt ist. Michelangelos Marmorbildnis der trauernden Muttergottes, die den Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß trägt, wurde zum Symbol der Trauer schlechthin.
Auf dieses Renaissance–Meisterwerk bezieht sich auch die fotografische Serie »The Untitled Images« (2014) des syrischen Künstlers Khaled Barakeh, die von verstörender Aktualität ist. Dafür bearbeitete er im Internet ausgewählte Fotos vom Syrien–Krieg, auf denen verzweifelte Menschen die Opfer des Krieges (meist tote Kinder) in den Armen halten und beweinen. Barakeh entfernte aber deren Silhouetten mit einem Skalpell von der Bildfläche und anonymisierte so die Fotos während die weißen Leerstellen den Eindruck des unbegreiflichen Verlusts zugleich verstärken.

Der japanische Künstler Seiichi Furuya verbindet dagegen in seiner Dia–Installation »Mémoires« (2012) die persönliche Verlusterfahrung – den Selbstmord seiner Frau – mit dem Abgesang auf eine politische Gesellschaftsstruktur (DDR). »Trauer sei oft auch eine politische Frage, es gebe sogar eine Hierarchie der Trauer«, erklärt Kuratorin Brigitte Kölle: »Trauer erlaubt Rückschlüsse auf gesellschaftliche Miss– und Zustände ... Um wen trauern wir, um wen nicht? Darin steckt immer eine Wertung, die abhängig ist von unserem kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Umfeld.« Interessant sei zudem, dass einerseits »kollektive Trauerbekundungen zunehmen, die gesellschaftliche Erwartung jedoch die Trauer andererseits immer mehr ins Private zurückdrängt.«

Andy Warhol (1928–1987) Jackie, 1964 Siebdrucktinte auf Leinen, 51 x 41 cm Wolverhampton Art Gallery  © 2019 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York
Andy Warhol (1928–1987) Jackie, 1964 Siebdrucktinte auf Leinen, 51 x 41 cm Wolverhampton Art Gallery © 2019 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York

Das Zusammenspiel von privater und kollektiver Trauer verdeutlicht Andy Warhols ikonisches Siebdruck–Porträt »Jackie« (1964), das die gefasst wirkende Witwe John F. Kennedys zeigt, die zum personifizierten Symbol disziplinierter Trauer geworden ist. Mit ihr trauerte das amerikanische Volk fünf Jahre später noch einmal, als auch der Präsidentschaftskandidat Robert F. Kennedy erschossen wurde. Der Fotojournalist Paul Fusco begleitete 1968 den »RFK Funeral Train«, in dem der Leichnam des Politikers von New York zum Friedhof nach Washington transportiert wurde. Vom Zug aus machte Fusco ergreifende Momentaufnahmen von den Menschen, die zu Hunderttausenden entlang der Bahngleise standen und in gemeinschaftlicher Anteilnahme Abschied nahmen. Der niederländische Fotograf Rein Jelle Terpstra sucht bis heute die Personen auf, die mit ihren Kameras an den Gleisen standen und selbst den Zug fotografierten. In seiner Multimedia–Installation »The People's View« (2014–18) kombiniert er eine Auswahl dieser Fotos der Zeitzeugen mit deren persönlichen Erinnerungsstücken sowie Dokumentationsmaterial.
Auch den französischen Künstler Philippe Parreno interessierte 40 Jahre später an dem historischen Ereignis, welche Elemente bis in die Gegenwart hineinreichen. Er stellte diese Zugfahrt als monumentales Kinoformat in der filmischen Inszenierung »June 8, 1968« (2009) nach, in welcher das Publikum aus Sicht des Toten an den in Lebensgröße gezeigten Personen am Gleisbett vorüberfährt. Die Trauernden verharren starr vor Kummer und Ehrerbietung in melancholisch anmutenden Landschaften, Dörfern und Städten.
Diese Arbeiten zeigen, welche politischen Dimensionen Trauer erreichen kann: »Es ging ja nicht nur um den Menschen Robert Kennedy. Kurz zuvor war Martin Luther King ermordet worden, fünf Jahre davor John F. Kennedy. Diese Menschen standen auch für eine gesellschaftliche Vision: ein Land ohne Rassendiskriminierung«, erklärt Kölle.

Khaled Barakeh (*1976) The Untitled Images, 2014 5-teilige Serie, Digitalprint auf Papier, je 21 x 30 cm Artwork courtesy of the artist. Original photo by Manu Brabo
Khaled Barakeh (*1976) The Untitled Images, 2014 5-teilige Serie, Digitalprint auf Papier, je 21 x 30 cm Artwork courtesy of the artist. Original photo by Manu Brabo

Auch durch Musik lässt sich Trauer beschreiben und bewältigen. In Ragnar Kjartanssons theatralischer Videoarbeit »God« (2007) steht der isländische Künstler selbst auf einer Bühne und singt im Stil Frank Sinatras unter Orchesterbegleitung 30 Minuten lang immer wieder den Satz: »Sorrow conquers happiness (Der Kummer besiegt das Glück)«. Die Darbietung schwankt zwischen Pathos und Ironie, »die Melancholie wird zum Mantra«, so Kölle. Eine melancholische Melodie erfüllt auch den Lichthof der Galerie der Gegenwart: Eigens für diesen Ort schuf die schottische Turner–Prize–Trägerin und Bildhauerin Susan Philipsz eine Klanginstallation »Four Part Harmony« (2020), die sich auf die alte, keltische Tradition des öffentlichen, ritualisierten Wehklagens (engl. Keening) durch Klageweiber bezieht.

Die enorme Vielschichtigkeit des Themas wirft viele Fragen auf und wird den Besuchern anhand von Kapiteln wie »Trauer und Geschlecht«, »Trauer und Verwandlung«, »Trauer und Protest«, »Objekte der Trauer«, »Die Unfähigkeit zu trauern«, »Demenz und Verlust«, »Trauerarbeit«, »Formen des Abschieds« veranschaulicht. Mit Kontrasten und klugen Gegenüberstellungen der Exponate spannt die lebensnahe Ausstellung einen großen inhaltlichen und formalen Bogen von Andy Warhol und Anne Collier über die konzeptuellen Erinnerungsarbeiten von Christian Boltanski bis zu den skurrilen Miniatursärgen aus Ghana, die nach den Vorlieben der Verstorbenen gestaltet sind und mit ihrem Farben– und Formenreichtum – etwa in Gestalt von Tieren, Schnapsflaschen oder High Heels – einen bunten Zugang zum Tod liefern.

Nicht zuletzt macht die Ausstellung deutlich, dass unsere Umgangsweise mit Trauer, ihre Darstellung und Wertung von unserem kulturellen Umfeld abhängt. Kollektive Trauer ist auch politisch bedeutsam und lässt Rückschlüsse auf gesellschaftliche Miss– und Zustände zu. Die amerikanische Philosophin Judith Butler stellt angesichts der »ab– und ausgrenzenden Verteilung öffentlicher Trauer« die entscheidende Frage: »Was macht ein betrauerns– und schätzenswertes Leben mit zu respektierenden Rechten aus?«, und konstatiert weiter: »Ich denke, dass eine vollkommen andere Politik entstehen würde, wenn eine Gemeinschaft lernen könnte, ihre Verluste und ihre Verletzbarkeit auszuhalten.«


Ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm mit Vorträgen, Lesungen, Gesprächen und Konzerten begleitet die Schau. Außerdem steht ein kostenfreies, 40–seitiges Katalogheft (Deutsch/Englisch) zur Verfügung. Es enthält u.a. Kurztexte und Abbildungen zu allen Werken und kann über www.hamburger–kunsthalle.de gratis heruntergeladen werden.

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