Ausstellungsbesprechungen

Von Kunst, Regen und Rädern in Alkersum

Die Eröffnung des Museums »Kunst der Westküste« in dem Dorf Alkersum auf Föhr nahm unser Autor Stefan Diebitz zum Anlass, eine seit Jahren geplante Radtour in Nordfriesland endlich Wirklichkeit werden zu lassen. Die Bilanz seines Besuchs fällt gemischt aus: das Wetter war erbärmlich bis grauenhaft, das Museum aber grandios.

Dagebüll Fähranlager, Foto: Stefan Diebitz 2009 © Stefan Diebitz Kontrast © Stefan Diebitz Föhrer Maler 3 © Stefan Diebitz Hans Peter Feddersen: Kuhweide in der nordfriesischen Marsch, 1918, Sammlung Kunst der Westküste © Sammlung Kunst der Westküste / Foto:Stefan Diebitz
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Alkersum muss man nicht kennen, und mancher mag sich fragen, wie in einem so abgelegenen und kleinen friesischen Ort ein anspruchsvolles Museum existieren kann, zumal die Urlaubsinsel Föhr in den dunklen Monaten nicht eben überlaufen ist. Aber es scheint, dass dieser Ort sehr gut passt, denn bereits in den ersten fünf Wochen nach der Eröffnung besuchten 17.000 Interessierte das Haus. Mit 27.000 für das ganze Jahr haben die Verantwortlichen gerechnet, so dass die Zukunftsaussichten die denkbar günstigsten sein sollten.
Wesentlichen Anteil an diesem Erfolg haben drei Faktoren, die hier nur am Rande behandelt werden sollen. Da ist zunächst der Anklang bei dänischen Besuchern, was der Kurator Thorsten Sadowsky auf geschickte und sehr gezielte Werbung zurückführt, was aber zweifellos auch mit seiner Person zu tun hat, da er nach langjährigem Dänemarkaufenthalt Dänisch spricht, dänische Führungen anbieten kann und dänische Bilder zeigt. Bereits zur Eröffnung erschien die dänische Königin, und jetzt hört man täglich Dänisch in den Räumen.
Zu diesen Räumen gehört auch die Gaststätte »Grethjens Gasthof«, benannt nach einer Gastwirtin des 19. Jahrhunderts, die an dem Ort des Museums unter anderem jene Maler wie Otto Engel bewirtet hatte, die nun ausgestellt werden. Das Bild der korpulenten Dame begrüßt „warholisiert“ aus den Fenstern des Museums den Besucher auf der Suche nach einem Platz für sein Rad und krönt sogar eine Lübecker Marzipantorte. Ist eine größere Ehre denkbar?
Ein dritter Aspekt ist die fantasievolle und erfolgreiche Museumspädagogik. In einem von Birgit Angele konzipierten »Blau-Raum« (»Blaue Stube«) können die Kinder ihre ganz eigenen Erfahrungen mit Strandgut und Flaschenpost machen, nachdem sie das eigentliche Spielfeld durch einen Schrank betreten und sich orange Socken angezogen haben.
Aber dieser Raum für die Kinder ist erst der letzte in der Reihe der Säle. Das Museum ist den Küstenregionen von den Niederlanden im Süden bis nach Norwegen im Norden gewidmet. Zunächst betritt der Besucher einen großen, den Malern von Föhr und der Halligen gewidmeten Raum, in dem die außerordentlich dichte Hängung auffällt. Im ersten Moment irritierend, offenbart es seinen Sinn nach wenigen Augenblicken – die Häufung so vieler verwandter Motive führt zu einem außerordentlich intensiven Erlebnis, und dazu erlaubt sie einen direkten Vergleich und damit eine gerechte Einschätzung der Bilder. Nicht alle Werke sind von erster Qualität und würden viel Weiß um sich gut verkraften, aber so behaupten auch die schwächeren Arbeiten ihren Platz.
Besonders in die Augen fallen hier ein schlicht »Kuhweide« überschriebenes Bild der nordfriesischen Marsch oder die »Herbstliche Landschaft bei Deezbüll«, beides Arbeiten Hans Peter Feddersens (1848 – 1941); im ersten Fall erstaunt ein wunderbarer Himmel, im zweiten der Realismus, der besonders dem Matsch des bäuerlichen Weges gilt. Der ältere Carl Ludwig Jessen (1833 – 1917) malte noch ein vergleichsweise idyllisches Föhr, aber schon bei dem Berliner Otto Heinrich Engel (1866 – 1949), der als Entdecker Föhrs in der Malerei gelten darf, finden sich realistische Züge. Im Katalog mit Recht besonders hervorgehoben wird die »Blühende Hallig« von Jacob Alberts (1860 – 1941), ein sehr großformatiges Bild, und dazu kommen noch als Kontrapunkte und aus einem ganz anderen Geist gemalt die effektvoll (vielleicht ein wenig zu effektvoll) dramatisierten Felsen Helgolands von Charles Hoguet (1821 – 1870).

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Diesem ersten folgen ein holländischer, ein dänischer und ein norwegischer Raum. Jeder Saal besitzt seinen ganz eigenen, wohl tatsächlich nationalen Stil. In dem holländischen Raum finden sich auch Bilder deutscher Maler, so eine Strandlandschaft von Max Beckmann oder mehrere Bilder Max Liebermanns; in vielen Bildern dominieren die braunen und dunklen Töne. In dem Dänemark gewidmeten Saal ist die Künstlerkolonie Skagen stark vertreten, zum Beispiel mit Anna Anchers (1859 – 1935) intensiven Frauenporträts. So zeigt das Porträt ihrer Mutter »Ane Hedvig Brøndum« die Adaption impressionistischer Maltechniken, und von Viggo Johansen (1851 – 1935) findet sich das schöne Bild einer erschöpft vor sich hin starrenden Fischverkäuferin; vor ihr ausgebreitet, fast in der Art eines holländischen Stilllebens gemalt, die teils bereits hergerichteten Fische.
Endlich die spektakulären, teils dramatisch überhöhten Fjordbilder Norwegens, so ein sowohl in den Farben als auch in der Thematik besonders düsteres von Johan Christian Dahl (»Schiffswrack an der Küste Finmarks«). Das unglaublich beeindruckende, vielleicht gar ein wenig zu spektakuläre Bild »Lærdal« von Eilert Adelsteen Normann (1848 – 1918) schmückte als Plakat die Abfertigungshalle von Dagebüll, als der radwandernde Besucher zusammen mit vielen anderen in einer eintönig flachen Landschaft auf die Fähre wartete, die wegen spätsommerlichen Hochwassers nicht anlanden konnte: einen größeren Gegensatz als den zwischen der Marsch um Dagebüll und der Hochgebirgslandschaft am Meer kann man sich kaum vorstellen.
Die Präsentation der Arbeiten ist auch im Detail außerordentlich durchdacht. Als Beispiel mögen zwei holländische Bilder herhalten, die motivisch eng verwandt sind. Nebeneinander präsentiert werden von Andreas Schelfhout (1787 – 1870) »Eisvergnügen« (1847) und von seinem Schüler Johan Barthold Jongking (1819 – 1891) »Schlittschuhläufer bei Maasluis« (1866); das erste noch ganz realistisch, das zweite bereits impressionistisch angeflogen. Diese Bilder und andere werden in kleinen, „Kabinett“ genannten Räumen zwischen den Sälen gezeigt.
Das Museum präsentiert Bilder aus dem Jahrhundert zwischen 1830 und 1930, also nichts Zeitgenössisches. Die Gegenwart wird durch die Videoinstallation »The Great Escape« des Niederländers Jeroen Offerman und durch die Installation »Light Bridge« von Mischa Kuball ergänzt. Auf dieser blauen Lichtbrücke wandelt der Besucher wie über Wasser von Dänemark nach Norwegen.
Es gibt nicht viel zu meckern; vielleicht dies, dass auf einer Insel, die ihren Besuchern offensichtlich Räder in die Hände drückt, jedes Museum eine gute Gelegenheit bereit stellen sollte, dieses auch sicher und gut abzustellen.

Öffnungszeiten des Museums

1. März bis 30. September
Dienstag / Mittwoch / Freitag bis Sonntag 10.00 - 17.00 Uhr
Donnerstag 10.00 - 20.00 Uhr
Montag geschlossen

1. Oktober bis 14. Januar
Dienstag bis Sonntag 12.00 - 17.00 Uhr
Montag geschlossen

15. Januar bis 28. Februar
geschlossen 

24., 25. und 31. Dezember 2009
geschlossen