Ausstellungsbesprechungen

Was macht ein Bild zum Werk? Gerhard Richters »Die Editionen« im Museum Folkwang in Essen, bis 30. Juli 2017

Grundlage der »Editionen« sind Bearbeitungen von Fotografien, Drucken, Objekten, Gemälden oder Künstlerbüchern. Dabei lotet Gerhard Richter immer wieder die Schwelle dessen aus, was ein Bild zum Original und Werk macht. Welche Farbkombinationen sind ästhetisch reizvoll? Wie viel Zufall steckt in einer Komposition? Wann entsteht ein Werk, auf das sich das Urheberrecht beanspruchen lässt? In diesem Bemühen überschreitet er oft die Grenze zum Absurden. Da wirkt es nur passend, dass Richters »Editionen« potentielle Inspiration gleichermaßen für Künstler wie auch jeden Selfie-Fotografen zu sein scheinen. Auch Susanne Braun hat sich inspirieren lassen.

Das Bild ist einfach grau. Erst bei genauerer Betrachtung werden die Abdrücke malender Finger sichtbar, die bei jedem Bild unterschiedliche Muster formen. Mehrere dieser Bilder hängen neben einander, sorgfältig eingerahmt. »Nachdem Gerhard Richter im Jahr 1970 seine erste Einzel-Ausstellung im Museum Folkwang in Essen hatte, ist er in eine tiefe Krise geraten. Er wusste nicht mehr, was er noch malen sollte. Da hat er diese grauen Bilder nur mit den Fingern gemalt«, erklärt Thomas Olbricht, leidenschaftlicher Sammler der Werke Richters.

An anderer Stelle hängen weitere Varianten dieser Bilder. Sie sind offenbar nicht mit den Händen gemalt, sondern mit einem gleichmäßigeren Farbauftrag ausgestattet. Erst bei eingehender Betrachtung werden dunklere Farbflächen sichtbar, die durch die graue Oberfläche schimmern. Jedes Bild ist ein Original, denn die schemenhaften Muster sind immer einzigartig. Den individuellen Charakter eines jeden Bildes unterstreicht außerdem die nur schwer erkennbare Nummer in der oberen Ecke. Die Ziffern sind in das Bild eingeritzt und verleihen ihm gleichermaßen einen besonderen wie seriellen Charakter.

Auch die Orchideen-Stillleben atmen zum Beispiel etwas von dieser Herangehensweise. Alle vier Bilder wirken auf den ersten Blick nahezu identisch: Immer sind die fotorealistischen Blüten einer Orchidee zu sehen. Erst das eingehende Studium enthüllt die im Detail weitreichenden Unterschiede im Bildausschnitt und der Farbkomposition. In manchen Fällen ist der Blumentopf erkennbar, in anderen liegt der Fokus ganz auf der Blütenpracht und dem vielfältigen Lichtspiel darauf.

Wenige Bilder wirken so detailgetreu wie die Abbildungen der Orchideen. Viele Bilder haben offenbar Fotografien zur Grundlage, sind dann aber nach dem Druck im noch feuchten Zustand von Richter verwischt worden. »So entstehen mehrere Originale auf Grundlage eines Werks«, erklärt Thomas Olbricht. Dazu gehört etwa das in schwarz/weiß gehaltene Bild »Hund« aus dem Jahr 1965. Ein verwandtes Prinzip ist auch bei »Elisabeth II« erkennbar. Hier lassen sich nur die berühmten Konturen Königin Elisabeths II. von Englands ausmachen und auch die eingehende Betrachtung liefert keine ganz eindeutigen Hinweise.

Ohnehin greift Richter viele bekannte Motive auf und verändert sie so, dass sie nur noch mit Mühe erkennbar sind. Dazu gehören außerdem etwa die Bilder der Alpen, die sich an der Grenze zur Abstraktion bewegen und sich kaum noch mit traditionellen Landschaftsbildern in Verbindung bringen lassen. Ein weiteres Beispiel sind die Fotografien, denen Richter Farbflächen in Öl hinzugefügt hat und sie damit zumindest partiell in abstrakte Bilder verwandelt. »Gerhard Richter hat sich bei den Editionen mit genau denselben Fragestellungen beschäftigt wie in seiner Malerei«, meint Thomas Olbricht.

Grundlage vieler dieser irritierenden Bilder sind Fotografien. Gerhard Richter selbst erklärt sein Interesse an Fotografien folgendermaßen: »Das Photo ist das einzige Bild, das wahrhaft informieren kann, auch wenn es technisch mangelhaft und das Dargestellte kaum erkennbar ist«. Diese Passage ist in »Texte« veröffentlicht worden, einer Art Notizbuch. Diese Gedanken, Skizzen und Interviews waren zunächst nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Hier hat Gerhard Richter viele, oft lakonisch-humorvolle Gedanken festgehalten. Insgesamt scheinen sich hier viele Motive für die Gestaltung seiner Bilder finden zu lassen. »Wir können uns doch nicht auf das Bild von Wirklichkeit verlassen, das wir sehen«, schreibt er an anderer Stelle, »denn wir sehen es doch nur, wie es uns unser Linsenapparat Auge zufällig vermittelt, plus den sonstigen Erfahrungen, die dieses Bild korrigieren. Und weil das eben nicht ausreicht, weil wir neugierig sind, ob das alles nicht ganz anders sein kann, malen wir«.

Besonders eindrucksvoll sind auch die Experimente mit Farben und dem Zufall, die Gerhard Richter unternommen hat. Die »Farbfelder« zeigen stets 1260 streng quadratische Farbflächen nebeneinander. »Die Auswahl der Farbtöne und die Anordnung sind zufällig«, erklärt Thomas Olbricht. »Strip« zeigt mehrere horizontale Linien in unterschiedlichen Farben. Komponiert worden ist das Bild aus kleinsten Elementen anderer Bilder, die in veränderter Anordnung wieder ein neues Werk ergeben. Fast wirkt es so, als ob Richter mit diesen Arbeiten eine Brücke in die digitale Bildgestaltung schlagen wollte, wo viele Aspekte bei der Komposition von Farben mittlerweile automatisiert ablaufen.

Doch mit den Farbexperimenten schlägt er nicht nur eine Brücke in die digitale Welt, sondern ebenso zu seinen abstrakten Gemälden. Die lebendigen Muster der Teppiche »Musa«, »Yusuf«, »Iblan« und »Abdu« etwa basieren auf Richters »Abstraktes Bild«. Sie erinnern gleichermaßen an seine abstrakten Kompositionen generell wie an die Bilder aus der Serie »Farbfelder« und »Strip«. Außerdem lässt sich natürlich von hier aus natürlich auch der große Bogen zu Richters ganz bekannten Arbeiten schlagen wie »Ema (Akt auf der Treppe)« oder das Porträt des Hinterkopfes der Tochter »Betty«, die in der Ausstellung selbstverständlich nicht fehlen.

Malerei von Gerhard Richter kann außerdem im Rahmen der Ausstellung »Nach der Natur« in der Galerie Ludorff Düsseldorf noch bis 26. August besichtigt werden.