Ausstellungsbesprechungen

Weite und Licht. Kunstausstellung des Norddeutschen Rundfunks, Schloss Bothmer Klütz, bis 30. Juli 2017

Am Rand einer mecklenburgischen Kleinstadt findet sich ein prachtvolles Schloss, das in diesem Sommer die Kunstausstellung des NDR präsentiert: zwei gute Gründe für Stefan Diebitz, in den Klützer Winkel zu fahren.

So unscheinbar Klütz auch sein mag, ein Zusammenhang mit der Hochkultur ergibt sich bereits aus der Literatur, denn Klütz ist die Kleinstadt Jerichow aus Uwe Johnsons vierbändigem, einst gefeiertem Romanzyklus »Jahrestage«. Daneben findet sich aber noch etwas ganz Bemerkenswertes, nämlich eine mächtige Schlossanlage, die der in Hannoveraner und englischen Diensten tätige Diplomat Hans Caspar von Bothmer (1656 – 1732) im 18. Jahrhundert für seine Familie errichten ließ. In England zu Macht und viel, viel Geld gekommen – er wohnte in Downingstreet 10 –, wünschte er für seine Nachkommen ein Fideikommiss zu errichten, also ein Erbe, das immer nur an den erstgeborenen Sohn ging, damit es nicht aufgeteilt werden musste und so mit der Zeit zersplitterte. Weil er selbst keinen Sohn als Nachkommen hatte, vererbte er das Schloss und das dazugehörige Land an seinen mit ihm gleichnamigen Neffen, ohne selbst das fertige Schloss je gesehen zu haben.

Wenn Bothmer sich selbst ein Denkmal setzen wollte – und dafür spricht eigentlich alles –, dann hat er sein Ziel erreicht, denn Schloss Bothmer ist im ganzen Umkreis und darüber hinaus bekannt. Es handelt sich um einen mächtigen barocken, dabei aber relativ schlicht gehaltenen Backsteinbau, der trotz seiner Größe in nicht mehr als sechs Jahren zwischen 1726 und 1732 errichtet wurde und dessen Anblick im Betrachter gleich Assoziationen an England, aber auch an Westfalen erweckt. Wahrscheinlich liegt das an den aus helleren Steinen gemauerten, ursprünglich Marmor oder Sandstein imitierenden Fensterstürzen, die den Bau harmonisch gliedern.

Zum Schloss gehört noch ein von einem Graben umgebener Landschaftsgarten mit Lindenalleen zu beiden Seiten und eine Festonallee aus kunstvoll zurückgeschnittenen und in Form gebrachten Linden: für nichts ist die Anlage mehr bekannt als eben für diese wunderbare Baumreihe, die direkt auf den Eingang zuführt. Besonders in Herbst und Winter sind die bizarren Bäume ein beliebtes Fotomotiv. Der Garten dagegen vermag nicht recht zu befriedigen – vielleicht, weil er für einen Landschaftsgarten etwas zu klein ist. Das Aussehen der ursprünglichen barocken Gartenanlage ist leider nicht überliefert.

Nachdem ein privater Investor mit dem gewaltigen Renovierungsbedarf nicht umzugehen wusste – er hatte das Schloss für den symbolischen Preis von einer Mark erworben –, wurde der Kaufvertrag aufgehoben und übernahm das Land erstmals das Schloss. Zuvor waren Stadt bzw. Kreis die Besitzer gewesen. Seit zwei Jahren nun kann man die riesige Anlage besichtigen. Der mittlere Gebäudeteil (»Corps de Logis«) beherbergt ein Museum, das unter dem Familienmotto Hans Caspars »Respice Finem« (Bedenke das Ende) über die Geschichte des Hauses informiert, und dort kann man auch heiraten, wenn man unbedingt will (es gibt aber einen Notausgang…). Im rechten Flügel findet sich ein Restaurant, und im linken Flügel wird in diesen Tagen die Kunstausstellung »Weite und Licht« des Norddeutschen Rundfunks präsentiert.

Schon seit den ersten Nachkriegsjahren sammelt der NDR Bilder und hat in dieser Zeit eine ansehnliche Kunstsammlung zusammengestellt – teils klassische Moderne, teils auch Zeitgenössisches. Einen Teil – alles Landschaftsbilder der verschiedensten Stilrichtungen – schickt er seit Jahren auf Tournee durch Norddeutschland, und in diesen Tagen macht »Weite und Licht« Station auf Schloss Bothmer, wo 57 Bilder in zwei großen Sälen präsentiert werden.

Besonders eindrucksvoll ist der erste, dunkelrot gestrichene und fast quadratische Raum, in dem großformatige Landschaftsbilder aller möglichen Stilrichtungen hängen. So verschieden sie auch sein mögen, sie gehen ausnahmslos auf Mecklenburger Künstler zurück. Der zweite, hellere und langgestreckte Raum präsentiert in chronologischer Folge Bilder von norddeutschen Malern seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Hochwertig sind eigentlich alle. Es beginnt mit brauntonigen Worpsweder Moorlandschaften und führt bis in die Gegenwart. Darunter sind große Maler mit interessanten Arbeiten, aber auch etliche wenig bekannte Künstler – und eben das ist der eigentlich interessante Teil der Ausstellung: Die Chance, den nicht ganz so großen Namen zu begegnen. Denn selbstverständlich freut man sich, wenn man auf Werke von Karl Schmidt-Rotluff trifft, von Franz Radziwill oder dem Ehepaar Modersohn, aber die anderen kennt man noch nicht und kann etwas dazulernen.

Prominent gehängt – nämlich über den Durchgang vom ersten in den zweiten Raum – ist die vielleicht originellste Arbeit der Ausstellung, Rasmus Hirthes auf Sackleinen getuschtes »Watt«: das ist eine der interessanten Entdeckungen. Die sich auf dem nassen Sand spiegelnden Silhouetten der Wattwanderer erweckten in mir den Eindruck, sie würden in einem Italowestern zur Musik von Ennio Morricone aus dem Nichts erscheinen, und der Homepage des 1971 geborenen Künstlers kann man wirklich entnehmen, dass der Künstler als »Setdresser für verschiedene Filmproduktionen« gearbeitet hat.

Favorit vieler Besucher ist das sehr große Gemälde »Sturzacker« des Mecklenburgers Ernst Marow (*1934), ein in extremer Nahsicht hyperrealistisch gemalter, aufgebrochener und nackter Ackerboden. Das dem Rezensenten liebste Bild ist »Inselmühle« von Hans Jaenisch (1907 – 1989), das eine Mühle auf Amrum zeigen soll, auf dem aber in Wahrheit vielleicht ein sitzender Mann abgebildet ist. Sehr schön ist auch die spätimpressionistische »Herbstliche Allee in Darguhn« von Marie Hager (1872 – 1947). Wie man sieht, ist die Ausstellung wenig einheitlich oder, um es positiver auszudrücken, sehr vielseitig. Man geht von Bild zu Bild, ohne einen Gesamteindruck mitnehmen zu können.

Schloss Bothmer kann man nur Glück wünschen: ein Anfang ist gemacht, nachdem mit der missglückten Privatisierung viel Zeit verloren ging. Entschieden hat man sich für eine sehr puristische Restaurierung, die auf alle späteren Zutaten verzichtet, also nichts hinzustellt und keine leeren Wände bedeckt, sondern alle Lücken stehen und sehen lässt. Das gilt für das Innere, aber auch die sehr große Fläche vor dem Mittelbau soll so frei bleiben, wie sie jetzt ist. Mancher wird finden, dass sie bepflanzt werden sollte oder dass ein Brunnen ihr gut zu Gesicht stünde, denn warum sollte man noch heute dem Repräsentationsbedürfnis des frühen 18. Jahrhunderts nachkommen? Warum sollte man darauf verzichten, Gemälde des 18. Jahrhunderts an die ansonsten nackten Wände eines schönen Schlosses zu hängen, nur weil man die Originale nicht kennt? Aber geschehen wird das wohl leider, leider nicht.