Ausstellungsbesprechungen

Willy Ronis. La vie en passant – Ein Meister der französischen Fotografie.

Der 1910 in Paris geborene Willy Ronis zählt zu den bedeutendsten Fotografen, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.

Er ist einer der letzten Vertreter seiner Generation, der „photographes humanistes“, jener berühmten Gruppierung von Dokumentar-Photographen, zu der auch Henri-Cartier-Bresson und Robert Doisneau gehören. Ronis war der erste französische Fotograf, der für das LIFE Magazine arbeitete.

Edward Steichen stellte Arbeiten von Ronis 1953 in der Ausstellung „Five French Photographers“ im Museum of Modern Art in New York aus und nahm ihn auch in die legendäre Ausstellung „The Family of Man“ 1955 auf, die von New York aus um die Welt ging und in der namhafte Fotografen wie Ansel Adams, Magaret Bourke-White oder Elliot Erwitt u.a. vertreten waren. „The Family of Man” war – so Carl Sandburg im Vorwort des dazu erschienenen Kataloges – „A camera testament, a drama of the grand canyon of humanity, an epic woven of fun, mystery and holiness – here is the Familie of Man!”

Und genau in dieses Konzept ließen sich die Arbeiten Ronis hervorragend integrieren. Denn neben seiner fotojournalistischen Tätigkeit entstanden recht bald freie Arbeiten im Sinne einer humanistisch geprägten Fotografie. Neben Doisneau, Boubat und Izis ist er der bekannteste Vertreter der so genannten "Photographie humaniste", die in einfühlsamen Bildern menschliche Beziehungen und Alltagsszenen festhielt. In der Ausstellung „The Family of Man“ etwa wirft Willy Ronis den Blick aus einem Fenster auf einen spielenden Jungen. Es ist aber nicht der spielende Junge, der unsere Aufmerksamkeit bannt, sondern der Augenblick des Spiels, das Loslassen des Segelflugzeugs, das der Knabe gerade im Augenblick der Aufnahme in die Lüfte gleiten lässt.

Die Fotografien von Willy Ronis sind nicht leicht in Worte zu fassen, bewegen sie sich doch in sehr weit reichenden Dimensionen, die von der persönlichen Faszination des Fotografen inspiriert und abhängig sind. Sein bevorzugtes Thema fand Willy Ronis aber immer wieder an Orten, mit denen er durch eine Erinnerung, die sich seinem Gedächtnis eingebrannt hat, verbunden ist. So sehen wir etwa in der Ausstellung in St. Ingbert ein junges Paar, das sich auf einem Balkon liebevoll aneinander schmiegt, während sich ihnen zu Füßen Paris, die Stadt der Liebe erstreckt. Aber wir sehen auch Szenen aus der Provence, wo Ronis lange Zeit lebte. Hier blicken wir beispielsweise auf den Rücken einer nackten, jungen Frau, die sich in einem rustikal eingerichteten Raum, in den das südliche Sonnenlicht nur spärlich herein scheint, ihrer Toilette widmet. Das Lichtspiel, die gebeugte Haltung der Frau, die natürlich und wie zufällig dastehenden Gegenstände machen einen ganz besonderen Reiz aus, der auch nach längerer Betrachtung immer noch anziehend wirkt.

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Was Willy Ronis aber vorrangig inspirierte, war die Stadt und die in ihr pulsierenden Momente. Sie wird für ihn zur Bühne menschlichen Lebens mit all seinen Farben und deren Nuancierungen, den Sonnen- und Schattenseiten, wobei er aus dem Moment heraus das Zufällige erfasst. Ronis fotografiert sowohl in den Straßen und Kais als auch in den Arbeitervierteln von Paris mit wachem und stets interessiertem, nicht aber kritisch abfälligem Auge. So wird unser Blick auf Kinder gelenkt, die einen Lastkahn zum Ort ihres Spiels auserkoren haben oder aber Kinder, die unter Treppen, Winkeln und Eisenstäben neugierig ihrem Spiel nachgehen.

Willy Ronis besitzt die Sensibilität für Situationen, in denen nebensächliche Details wesentlich die Bildaussage mitgestalten. Dennoch leben seine Aufnahmen nicht einzig vom Reiz und der Atmosphäre bestimmter Augenblicke, vielmehr wirkt das feine Gespür für Komposition und Form in seinen fotografischen Arbeiten. Paradigmatisch hierfür ist wohl die Arbeit „Chez Maxe“ von 1947. Im ersten Augenblick glauben wir zwar an die Spontaneität der Aufnahme, an das geglückte Einfangen eines Momentes durch den Fotografen. Aber es ist weitaus mehr, es ist eine von unten nach oben durchkomponierte, durchdachte und durchformte Arbeit, die nichts dem Zufall überlassen hat. Und gerade weil alles so spielend, so „tänzerisch“ wirkt, sehen wir im ersten Moment nur die Dynamik, die wie auf Wellen aus dem Foto zum Betrachter getragen wird.

Die Ausstellung in St. Ingbert versteht sich als längst überfällige Würdigung des großen französischen Fotografen in Deutschland. Präsentiert werden die 160 bekanntesten Fotografien von Willy Ronis, die fünf Jahrzehnte eines fotografischen Lebenswerkes zusammenfassen. Es ist dem St. Ingberter Museum mit „La vie en passant. Willy Ronis – ein Meister der französischen Fotografie“ nach der Ausstellung „Helmut Lederer“ vom vergangenen Jahr erneut eine wunderschöne fotografische Ausstellung gelungen, die dem Besucher Gelegenheit bietet, in der Fotografie sowohl das Tiefgründige, das Charismatische, als auch das Überraschende zu entdecken. Es ist eine Ausstellung entstanden, die den Besucher mit einer perspektivischen Vielfalt erwartet und deren Besuch ein Muss für alle Liebhaber der stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Fotografie ist!

 

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Öffnungszeiten
Di-So, Feiertage: 10-18 Uhr