Ausstellungsbesprechungen

Yago Hortal – Malerei, Galerie Egbert Baqué, Berlin, bis 29. Oktober 2011

Die Begegnung mit den Bildern des 1983 in Barcelona geborenen Malers Yago Hortal hat etwas von einem ungeschützten Aufprall – die Gedanken sacken für Augenblicke in eine Schockstarre und lassen den Kopf in Sprachlosigkeit zurück, bis sich allmählich die Wortfetzen aneinanderstücken. In dieser Phase verharren noch die verschiedenen Blogs, die sich im übereifrigen Internet hier und da schon Luft machen, aber über Kaskaden überschwänglicher »Wows« kaum hinauskommen. Günter Baumann besuchte die Ausstellung.

Sortieren sich die Gedanken erst weiter, reproduziert das Gehirn ein Bild grell-chaotischer, gellender Farbigkeit, die noch jeder Beschreibung spottet. Und dann das: Ein System tut sich kund, aber es ist noch unbestimmt, ob da unsere durch Dauerbeschallung und optische Reizüberflutung trainierten Synapsen auf Normal- beziehungsweise Alltagsbetrieb schalten oder ob es das Werk des Künstlers ist, das lautmalerisch sich selbst bescheidet in nachvollziehbaren Farbstrukturen und überschaubaren Formaten. Bungeejumping der Sinne, der Aufprall bleibt jedoch eine Irritation im Kleinhirn, schließlich macht sich ungeteilte Begeisterung breit. Auch das ist ein Phänomen bei der Betrachtung der Hortalschen Bilder: Noch ohne zu verstehen, was es auf seinen Gemälden nicht zu sehen gibt, ist eine Faszination da, die unmittelbar wirkt, die uns erst taumelnd, dann rhythmisch beschwingt, wenn nicht tänzerisch eintauchen lässt in einen Farbraum, der so abstrakt und süffig vor unseren Augen sich öffnet, als wiegten diese sich in einem schönen Rausch.

Wie sehr man sich dem gestischen Impuls in dem Werk hingeben mag, der den Farbfluss anzutreiben scheint, so wenig kann man sich der Klarheit entziehen, die dem vermeintlichen Getöse der Buntheit jene unbeschreibliche Schärfe gibt, die den Intellekt auf sich selbst und seine Reflexe zurückwirft. Hin- und hergerissen zwischen sinnlicher Bewegung und der retardierend-lakonischen Nachdenklichkeit zeigt uns der Maler das disparate Spannungsfeld seiner Wahrnehmung von Gegenwart, und wir ahnen es schon: Es steckt verdammt viel Lebensgefühl in diesen Bildern, von denen wir aus gutem Grund nicht lassen können, weil auch wir uns und unsere Gegenwart darin erkennen – wobei es keine Rolle spielt, ob der Betrachter letztlich andere Dinge in die Arbeiten hineinliest, als es der Künstler beabsichtigt hat.

Es ist atemberaubend, mit welch dynamischer und doch kontrollierter Heftigkeit Yago Hortal den Raum in die Bildfläche hineinerfindet. Wenn er mit einer breiten Spur aus faserig gewischten Rotviolett-, Blau- und Grüntönen ein schräges, seitenverdrehtes »Z« über das gesamte Großformat zieht, ist das zunächst nur ein orphisch-rhythmisierter Akkord mit Signalwirkung. Räumlich differenziert sich die Farbstrecke an den Wendestellen dort aus, wo die Laufrichtung sich ändert und regelrecht Wellen schlägt, die in gischtähnlichen Tropfenformen münden, welche wiederum als quasiräumliche Gebilde den Hintergrund definieren, der mal monochrom, mal vielfarbig der Bildfläche zugrunde liegt. Die Sehgewohnheiten verleiten uns ungewollt dazu, Dinge zu erkennen – auf diesem Bild will man die Tropfen tatsächlich mit den Augen umrunden, auf anderen Gemälden drängt sich die Assoziation landschaftlicher Formationen oder sphärischer Phänomene auf, bei weiteren Arbeiten wähnt man sich in der Raumfahrerperspektive, wenn sich etwa unterhalb eines formlos-bunten Farbwirbels so etwas wie ein tiefer, dunkler See inmitten von Landmassen in satellitenfernen Schlieren auftut.

Das alles hat Hortal freilich nicht im Sinn, doch hält er die Gedanken für frei genug, um sie zuzulassen. Noch deutlicher als in den mittleren und großen Formaten reizen seine kleinen Arbeiten zur verdinglichten Schau: Glutgelb mit rötlich überhitzten Rändern und dunkel abgesprengten Pigmentpartikeln offenbart sich uns hier ein Ausschnitt eines flüssigen Metall- oder Lavastroms; im krassen Gegenbild erscheint uns ein frostkalt-blaues Wasserfallmotiv, das in tosenden Farbschleiern abwärts rauscht, um sich in schwerelosen Wellenbergen zu sammeln und in den schon erwähnten, kristallin schwebenden Tropfen zu kulminieren. Während sich die kiloschweren Farbmengen auf den großen Gemälden zu leichten Erhebungen herablassen, wagt Hortal in den Kleinformaten seiner jüngsten Phase reliefartige Aufwerfungen, die seine häufig verwendeten Farbverflechtungen auch haptisch verräumlichen. Yago Hortal macht seine Abstraktionen begreiflich, verwahrt sich aber doch aus seiner Sicht und Wahrnehmung heraus gegen eine gefühlte Dingwelt. Konsequent begegnet er dem potentiell sinnstiftenden Horror vacui neuerdings mit poetisch-zarten Farbklängen über einem blanken Hintergrund, die nur noch Farbe sein wollen, heute blau, morgen rot: ein Abenteuer der ganz und gar freien Betrachtung, ein Spiel der Sinne, ein Augenschmaus.

Auf einer modischen Welle reitet er dabei keineswegs. Akribisch und außerordentlich selbstkritisch wägt er noch seine reifen Werke ab. Den Unzufriedenen gehört die Welt. Das gilt umso mehr, als kein Motiv ihn lenkt, sondern die Emotion, die einmal nach Flamenco, ein andermal nach Jazz als Stimulans verlangt. Da bleibt es nicht aus, dass er zuweilen auch mit seinen Bildern spricht, und wer kann hier bezweifeln, dass sie in hellen Tönen beredt sind. Im Schaffensprozess ist das wichtig, geht es Hortal doch bei aller Leidenschaft um die nüchtern-philosophische Abfolge von Aktion, Reaktion und der Konsequenz daraus. Das Ziel dieser dialogischen Struktur ist zum einen der Weg zur Kunst als Kunst selbst, zum anderen der Versuch, das allgegenwärtige Chaos zu kontrollieren. Das unterscheidet ihn auch von Geistesverwandten wie Gerhard Richter, dessen Absicht es ist, die Realität zu verschleiern; Yago Hortal geht viel zu affirmativ ans Werk, als dass er etwas zu verbergen hätte, im Gegenteil: Sogar die übers Bild gewischten Schleier geraten ihm zu kristalliner Klarheit, im kleinen Format genauso wie auf der wandfüllenden Leinwand.