Ausstellungsbesprechungen

Zeichnungen ohne Grenzen

Drei Ausstellungen in Ettlingen, Sindelfingen und Eislingen zeigen aktuell, dass das Medium Zeichnung noch lange nicht tot ist und über seine Grenzen hinauszuwachsen vermag. Günter Baumann verschafft Ihnen einen Überblick.

Die Zeichnung lebt – mehr denn je und vielseitiger, als man es sich vorstellen kann. Kurzum: sie expandiert. So ist der Titel der Ausstellung im Kunstverein Ettlingen, »Expandierende Zeichnung«, gleich doppelt zu lesen: im Hinblick auf die Gattung, die in der Kunstlandschaft immer mehr an Gewicht beginnt, sowie als Thema, das unterstreicht, dass die Zeichnung keineswegs auf dem Papier Halt macht und nicht unbedingt mit dem Stift oder der Feder hergestellt sein muss.

»Berlin zeichnet«, die große Wanderausstellung, die seit 2010 durch Deutschland tourt, zeigt in Sindelfingen eine Auswahl Berliner Künstler, eine Verortung, die durchaus auch für Ettlingen und Eislingen gilt. Es überrascht in der Tat, dass auch viele der internationalen Teilnehmer der Ausstellungen in Berlin beheimatet sind.

Die dritte Schau zeichnerischer Positionen hält das Thema bewusst offen – sie ist die fünfte Biennale, die sich als Ausdruck der steten Entwicklung dieser Gattung zur selbstbewussten künstlerischen Äußerung speziell der Zeichnung verschrieben hat. Es mag darüber hinaus auch wichtig sein zu erwähnen, dass diese Veranstaltungen flankiert werden von unzähligen Galerieausstellungen, die keinen Zweifel daran lassen, dass die Zeichnung flächendeckend präsent ist, wenn sie nicht den Status einer Leitgattung eingenommen hat – immerhin gibt es sogar eine spezielle Messe für Zeichnungen in Paris.

Um im süddeutschen Raum nur ein Beispiel zu nennen, sei auf die Galerie Sturm in Stuttgart verwiesen, die sich bevorzugt der Zeichnung widmet – zur Zeit mit Arbeiten von Frank Badur. Der ist auch in Sindelfingen mit von der Partie. Ansonsten fällt angenehm auf, dass es so viele starke Namen gibt, um drei nahezu komplett eigene Personalkonstellationen aufzubieten. Allein Jörg Mandernach ist mit je einer Installation in Ettlingen und Eislingen vertreten. Kein Wunder: lässt er sich doch kühn gerade auf die schwierigsten Ecken und Winkel ein, um faszinierende Raumgebilde zu fingieren und an unserer Wahrnehmungsfähigkeit zu rütteln. In Ettlingen ist es eine schräg eingezogene Wand und das durch das gegenüberliegende Fenster einzufangende abendliche Tageslicht. In Eislingen ist es ein Raumpfeiler, der für gewöhnlich den Blick verstellt und hier Teil der Zeichnung an der Wand dahinter wird.

Sindelfingen wartet mit 22 Künstler(inne)n auf, die im Generationenspiegel ein halbes Jahrhundert Zeichnung abdecken. Alexander Tolnay, Kurator der Ausstellung, schreibt im Einleitungsteil des Katalogs, stellvertretend auch für die anderen Präsentationen, »dass die Zeichnung sich nicht mehr im Begriff eines spezifischen Stils oder in einer medial eindeutigen Definition fassen lässt. Sie ist ein offenes, expandierendes Medium geworden, das auch Ausdrucksformen anderer Kunstgattungen in sich aufnehmen und die Möglichkeiten der neuen technischen Medien verarbeiten kann«. Die Bandbreite ist gesetzt von lapidaren Konzeptionslinien etwa eines Frank Nitsche, einer Beate Terfloth oder komplexen Spurensuchaktionen von Jorinde Voigt – die als hochgehandelte »Wort«- bzw. »Zeichenführerin« auch vom Eislinger Kurator angefragt wurde, sich aber offenbar bewusst rar machen wollte und diesem einen Korb hat geben lassen –, darüber hinaus von düster-realistischen Landschaften einer Yehudit Sasportas oder nicht minder düsteren Personenbildern von Marc Brandenburg.

Fortsetzung von Seite 1

Wie immer im Kontext der Zeichnung wird man die Grenzüberschreitungen zuweilen in Frage stellen wollen, wie bei Jörg Herold, doch gehört das zum Reiz der Grenzverletzung, die kaum ausbleiben kann. Weitere Teilnehmer der Schau sind Dieter Goltzsche, Bernd Koberling, Wolfgang Petrick, Rainer Fetting, Hanns Schimansky, Cornelia Schleime, Malte Spohr, Jochen Stenschke, Daniel Richter, Brigitte Waldach, Amelie von Wulffen, Jonathan Meese, Takehito Koganezawa, Ralf Ziervogel und SEO.

Vergleichsweise klein, aber sehr fein ist die Zeichner-Riege in Ettlingen, wo die Künstler Barbara Denzler und Voré als Kuratoren auftraten – ein Beweis mehr, dass die Zeichnung kein Bespielungsobjekt von Kunsttheoretikern ist, sondern genauso wesentlich für die kreativen Kolleg(inn)en ist. Voré blickt zudem von der Warte des Bildhauers auf das Medium der Zeichnung, was die Raumerkundungsneigung der Zeichner nur stärker betont (und bekanntlich sind Bildhauer aus diesem Grund oftmals die besten Zeichner!). Die Spannweite deckt sich mit der in Sindelfingen und Eislingen. Mandernach bekommt sozusagen eine Mitstreiterin in Barbara Hindahl, die auch mit Klebeband agiert, allerdings Objekte einbezieht. Extrem installativ sind die Beiträge von Georg Meissner oder Nadja Schöllhammer, Exkursionen in die Plastik unternehmen Peter Riek und Thomas Raschke, Wege in Richtung auf die Malerei begeht Andreas Oehlen.

Auf der Terrasse (mit einem der schönsten Ausblicke, den ein Kunstverein bieten kann) hat Caroline Bayer Baukonstruktionszeichnungen des Hauses auf den Boden gezeichnet. Was fast einmalig in der Zeichnungslandschaft zu sein scheint, ist die Einbeziehung von Videoaufnahmen, die Zille Leutenegger über ihr ironisches Hollywoodschaukelbild spielen lässt. Außerdem sind mit dabei Silke Brösskamp, Peter Möller und Rolf Nickel.

Die Eislinger Biennale öffnet erst noch ihre Tore, doch ist schon zu berichten, dass sie ihre vor Jahren aufgegriffene Linie fortsetzt, programmatisch wie inhaltlich: Sei es, dass sich die Linie ganz karg zeigt, wie bei Christiane Schlosser, oder zur malerisch-dichten Fläche neigt wie bei Tim Plamper. Auch hier bekommt der Betrachter einen breiten Blick in die Zeichnerszene. Älteste Beiträgerin ist die Grand Dame der österreichischen Kunst, Maria Lassnig, der wohl kraftraubendste Akteur ist Daniel Ben Hur, sofern man die arbeitsbegleitenden Videos mitberücksichtigt. Neben dem bereits erwähnten Mandernach sind noch vertreten: Georg Bernhard, Laura Bruce, Pip Culbert, Tillmann Damrau, Christelle Franc, Stefan Glettler, Rüdiger Hans, Tim Hendel, Isabell Kamp, Pia Linz, Christian Pilz, Constanze Rilke, Norbert Schwontkowski, Benjamin Thaler und Richard Vogl. Vorzumerken ist ein Vortrags- und Diskussionsabend über den »Vater« der neueren Zeichnung, Joseph Beuys, unter der Leitung des Experten Gerhard van der Grinten. Über diese Ausstellung wird noch gesondert zu berichten sein.