Ausstellungsbesprechungen

Zeit der Helden – Die »dunklen Jahrhunderte« Griechenlands 1200–700 v. Chr.

Nun ist die Zeit der Helden nicht mehr. Das Karlsruher Schloss hat über den Jahreswechsel Hunderte von Exponaten ausgestellt, um die »dunklen Jahrhunderte« Griechenlands zu erhellen, an deren Ende (!) der sagenumwogene Homer lebte, dem das benachbarte Mannheim auch jüngst eine sensationelle Ausstellung gewidmet hat – dankenswerterweise haben beide Museen, das Badische Landesmuseum in Karlsruhe und das C5-Gebäude der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim kooperiert, so dass der Besucher die Möglichkeit hatte, in zahlreichen illustren Objekten den aktuellen Stand der Forschung zu einer Zeit zu erhalten, in der die Wiege des Abendlandes erst noch gezimmert werden musste.

In den letzten Tagen der Heldenschau kann man noch einmal Bilanz ziehen, die durch die Kataloge zu beiden Ausstellungen unterstützt wird. In Karlsruhe konnte man nicht mit einem Homer aufwarten, was die Ausstellungsmacher souverän lösten mit einer Inszenierung, die sicher Maßstäbe setzen wird – das Heroon, das heißt eine Helden-Kultstätte, von Lefkandi wurde als Nachbau präsentiert. Zudem war der Medienwechsel so überzeugend, dass man über die Führungslinie hinweg stets auf Erkundung gepolt blieb, um die Streitwagen, Waffen, außergewöhnliche Grabfunde und Opfergaben, Skulpturen und vieles mehr in vollen Zügen zu genießen.

Kaum einer, der nicht beruflich damit zu tun hat, kann sich eine Vorstellung machen von der Untergangsstimmung, die 1200 vor Christus über der mykenischen Hochkultur lag. Und der Meilenstein der homerischen Epen am anderen Ende der Zeitschiene ist nicht von ungefähr so gelegt: Von da an haben wir schriftliche Quellen, ohne die es keine Aufklärung über die Geschichte geben kann. Da ist der Phantasie zwar Tür und Tor geöffnet, doch kann man aufgrund der Funde und schier unglaublichen Feinarbeit in den Erdschichten des alten Griechenlands – seltsamerweise ist auch keine große Architektur überliefert – durchaus ein objektivierbares Bild entwerfen, wie Odysseus & Co. gelebt haben, wie sich allmählich Handelsbeziehungen zu Zypern und zu Kreta (wo sich die alte Hochkultur zumindest in Ausläufern halten konnte) aufbauten und eine Zivilisation unter der halb erlebten, halb ersonnenen Heldenwelt entstand, die die besten Philosophen und Dichter hervorbrachte, die Europa je hatte, und die nicht zuletzt die Basis eines Staatswesens schuf, das Schule machte.

Mit rund 650 Abbildungen flankiert der Katalog die Schau, ein Dreipfünder, der wohl auch erstmals einen Rundumblick über dieses halbe Jahrtausend wirft. Auch hier möchte man der Karlsruher Lösung den Vorzug gegenüber der Mannheimer Homer-Präsentation geben, die sehr viel textlastiger geraten ist und womöglich vom wissenschaftlichen Anspruch her – der für sich auch dieses Werk zum Standardwälzer erhebt (mit einem der renommiertesten Forschern, Joachim Latacz, und anderen hochrangigen Kollegen ist er bestens versorgt) – den einen oder anderen Gelegenheitshistoriker abschreckt. Ihm werden die durchaus anspruchsvollen Essays der »Dark-Ages-Forscher« (so die etwas dubiose Bezeichnung der Museumswerbung) vollauf genügen. Immerhin begegnet dem Leser der Nachdruck eines Textes von Peter Sloterdijk über die »Zeit des Zorns. Europas erstes Wort«. Als gegenseitige Ergänzung sind beide Bücher empfehlenswert, so wie sich auch die Ausstellungen ideal ergänzt haben.

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