Ausstellungsbesprechungen

Zündstoff - Wachs in der Kunst, Museum Villa Rot, Burgrieden-Rot, bis 3. Februar 2013

Noch bis Sonntag können sich Kurzentschlossene im Museum Villa Rot davon überzeugen lassen, wie vielfältig die Verwendung von Wachs in der Gegenwartskunst ist. Günter Baumann war jedenfalls überrascht.

Wird man im Bereich der Kunst auf Wachs angesprochen, bestimmen drei, vier Nennungen das Feld, die ein so erfreuliches wie erstaunliches Spektrum erkennen lassen, während jedoch die Frage nach der Bedeutung von Wachs für die Kunst eher klein geredet wird. So fallen einem recht schnell die antike Enkaustik ein, das flüchtige Hilfsmaterial für den Bronzeguss, natürlich die sich weltweit epidemieartig ausbreitenden Wachsfigurenkabinette und am Rande wohl auch mal ein Name wie Medardo Rosso als Exot der Kunstgeschichte. Ansonsten rangiert Wachs eher auf der Ebene des Modells. Genau das scheint aber auch das Problem dieses verwüstlich weichen Materials zu sein, dem man die höchsten künstlerischen Weihen nicht so recht zugestehen will, obwohl es schon Tausende Jahre lang als Stoff und Medium verwendet und erprobt worden ist.

Seit die Moderne das Edle-Schöne-Gute in der Kunst hinterfragt, haben sich zahlreiche exotische Materialien als innovativ empfohlen, zumal wenn sie noch vergänglicher Natur waren. Wachs, das immer schon latent vorhanden war, musste noch relativ lange warten, bis es volle Aufmerksamkeit bekam, hatte es doch noch immer das Image als »Hilfskraft«, etwa für den Metallguss. Das Manko ließ das Museum Villa Rot, das schon seit langem auf exotisch-besondere Positionen in der Kunst setzt, nicht an sich vorbeiziehen: So entstand – als zündende Idee – die aktuelle Schau, die dem Wachs in der Kunst nachspürt. Die Schwächen des Materials, v.a. die Anfälligkeit, machten die Ausstellungsmacher zu einer Tugend: mit Wachs arbeiten heißt über Feuer einschmelzen, mit bloßen Händen formen, miteinander mischen, im laufenden Prozess überarbeiten. Kaum ein anderes Material erweist sich als so vielfältig. Dazu kam, dass gerade die Hin- und Anfälligkeit »modern«, ja auch nachmodern wirkte – im Extremfall löst sich Wachs unter Feuer in Nichts auf, oder seine sprichwörtlich wächserne Oberfläche zieht Staub an, worunter ein Wachsobjekt besonders schwer reparierbare Schäden nehmen kann.

Was alles möglich ist, zeigt die Zündstoff-Ausstellung, und sie spannt einen Bogen von der Objekt- zur Kitschkunst, von der Installation zum Wandbild. Die Künstler stammen bevorzugt aus Österreich und Deutschland, im Einzelnen sind es: Martin Assig (Deutschland), Bim Köhler (Deutschland), Anne Schneider (Österreich), H. N. Semjon (Deutschland), Gil Shachar (Israel/Deutschland), Pia Stadtbäumer (Deutschland), Rebecca Stevenson (England), Martin Walde (Österreich) und Shira Zelwer (Israel). Gemeinsam ist allen Arbeiten der sinnliche Ansatz, doch ansonsten verblüffen die Positionen durch ihre grundverschiedenen Darstellungsweisen. Man denke sich Gil Shachars Extremrealismus neben Martin Assigs Existenzialismus: Ersterer spielt mit der hautähnlichen Materialität des Wachses, der andere eher mit dessen Symbolkraft. Bemerkenswert ist allerdings auch, dass Assig die Tradition der Enkaustik wiederaufleben lässt – freilich ist er nicht der erste, doch er geht mit einem genial innovativen Schwung an die Technik heran. Bim Köhler setzt noch auf die Kraft des reinen Pigments, das sie den Wachsen beimengt. Am beeindruckendsten ist sicher die installative Arbeit Anne Schneiders, die in die archaische Vergangenheit des Materials eintaucht und dem Betrachter ein grandioses Erlebnis in einer sinnlich zu spürenden Wachskammer beschert. Eines ist bei der Einschätzung der Ausstellung gewiss: Die etwas laue Bedeutung des Adjektivs »wächsern« darf neu mit Leben gefüllt werden.