Ausstellungsbesprechungen

Gert Fabritius: Die Linie zu spüren, Galerie per-seh Hannover, bis 23. März 2013

Gert Fabritius packt die Protagonisten der großen Mythologien bei den Hörnern und zerrt sie voller Liebe und auch mit Humor in sein Leben. In kraftvollen Zeichnungen und drastischen Holzschnitten mit Übermalungen dokumentiert der in Stuttgart lebende Siebenbürger Sachse das Ringen um Verortung. Günter Baumann hat sich die Ausstellung angesehen.

Gert Fabritius spürt der Linie nach – ein doppeldeutiges Unterfangen: Zum einen zeigt die jüngste Ausstellung in Hannover, die sich vorwiegend dem Spätwerk des 1940 in Bukarest geborenen Künstlers widmet, eine große Auswahl an Zeichnungen, die den für seine monumentalen Holzschnitte berühmten Künstler in einem neuen Licht präsentieren. Waren seine gezeichneten Bildtagebücher bisher eher einem kleineren Bekanntenkreis vertraut, von gelegentlichen Vitrinen-Einblicken abgesehen, so hat Fabritius nun einen beachtlichen Auftritt als Zeichner, der ihn gleich als Meister dieses Fachs ausweist.

Gegenüber den spontan wirkenden Drucken, die freilich eine mühsame Auseinandersetzung mit dem Material voraussetzen, sind die zeichnerischen Arbeiten auf Papier von einer Leichtigkeit, einer Anmut und sinnlichen Experimentierlust, die das im Titel eingeforderte Gespür für die Linie eindrucksvoll unter Beweis stellt. Zum anderen folgt Gert Fabritius in den letzten Jahren vertieft nach den Linien, die sein Leben prägten: Bei allen Brüchen, deren größte Zäsur wohl die Übersiedlung von Siebenbürgen in die damalige Bundesrepublik war, kann der aufmerksame Beobachter einen roten Faden im Schaffen des Künstlers ausmachen. Zusammengehalten wird das fulminante und bis heute von sprühender Phantasie und grenzenloser Neugier getriebene Werk einerseits von den wenigen, aber immer wieder neu ergänzten Protagonisten, andrerseits von einer Reihe wiederkehrender Chiffren, die den Bildern einen inhaltlichen und philosophischen Halt geben.

Fabritius’ Personal besteht aus dem Antipodenpaar des Minothauros und des Sisyphos – der eine ein Gefangener des mythischen Labyrinths des Minos, der andere ein von den Göttern zum absurden Tun verdammter Mensch – sowie Engeln, zunehmend gewöhnlichen Menschen und nicht zuletzt konkreten Zeitgenossen. Was die Bildmotive angeht, taucht regelmäßig das Schiff auf neben der Leiter, verwaisten Stühlen, dem sisyphoseigenen Stein – und als Environment auch vermehrt der Druckstock der Holzschnitte selbst, der als transportable Heimat fungiert. Und genau das ist der Überbau des Werks, das sich aus dem retrospektiven Rückblick deutlicher denn je als Kernthema Gert Fabritius’ erweist.

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Weit entfernt von jeglicher nationalstaatlicher Einengung mischt sich hier die Autobiografie ins Werk. Durch die Drangsalien im ehemaligen Rumänien ausgegrenzt, flüchtete sich Fabritius wie viele seiner Landesgenossen in die offiziell verachtete Kultur und Sprache, die ihm bald Heimat wurde. Auch in Deutschland, wo er und seine Familie eben nicht von Geburt an zu Hause waren, wurde er ein Suchender, der sich in seinem künstlerischen Werk fand in dem Sinne, dass er das Suchen selbst, die existenzielle Wanderschaft und die Sehnsucht nach der Sesshaftigkeit zum Thema machte.

Als Holzschneider entwickelte er sich zum Bruder im Geiste von H.A.P. Grieshaber, der jedoch zuweilen fast traditionell wirkte gegenüber der Kettensägenbearbeitung des Holzes durch Fabritius. Im Experiment mischte der Siebenbürger Sachse, Lovis-Corinth-Preisträger und 2012 mit dem Kulturpreis seiner ›alten‹ Heimat Geehrte (und damit zum längst fälligen Weltbürger Ernannte) verschiedene Hochdrucktechniken, insbesondere Holzschnitt und Linolschnitt, ging zunehmend zu Übermalungen über, ließ seine Lieblingsfiguren aufeinandertreffen, erfand daraus den Minosisyphos und entdeckte für seine erzählerischen Entwürfe das erste Menschenpaar hinzu.

Als Künstler, der in seinem Leben viele Brüche, Höhen und Tiefen erlebte, ist er in seinen bald 75 Jahren zum Menschenfreund geworden, der die Schwächen der Gattung genauso ernst nimmt, wie er sie einem kritisch-ironischen Blick unterzieht: Heiter könnte man seine gezeichneten Tänzer der letzten Zeit sehen, aber sie sind immer auch – wie alle seine Figuren – Gestalten im Bewusstsein ihrer eigenen Absurdität. Das Denken Fabritius’ ist wesentlich beeinflusst von Albert Camus und seiner Parabelfigur des Sisyphos: zum Scheitern verurteilt, aber glücklich in seiner Freiheit, dies gesehen zu haben.