Ausstellungsbesprechungen

Landenberger, Christian – Blickpunkte

Der Anlass ist eher nüchtern: Nach knapp einem Jahr wurde im vergangenen Herbst die Sanierung der Galerie Albstadt abgeschlossen. Und damit der Ausstellungsbetrieb weithin vernehmbar die lange Schließungszeit vergessen macht, meldete sich das schöne Jugendstilhaus mit einer äußerst originellen Präsentation des »Hauskünstlers« Christian Landenberger (1862–1927) zurück.

Denn anstatt dessen Schaffen allein in einer vollmundigen Retrospektive zu zeigen, setzt sie zaghafte, ja hochsensible Dialogstimmungen mit der zeitgenössischen Kunst in Szene. Allein würde Landenberger wie die meisten süddeutschen Impressionisten etwas behäbig daher kommen, doch welch spannende Quer- und Übereckverweise sich hier auftun, beweisen diese »Blickpunkte«, die noch bis 19. Februar zu sehen sind.

Man darf es fast einen gewitzten Schachzug nennen: Mit Christian Landenberger kehrt das Museum zu seinen Wurzeln zurück. Als es vor 30 Jahren gegründet wurde, fand sein Werk besonders großes Interesse. Aus diesem Grund ist Albstadt nun in der Lage, 80 Gemälde, rund 300 Zeichnungen und immer noch 150 grafische Arbeiten zu zeigen (freilich unterstützt von etlichen Leihgebern). Eine solche Fülle macht unschwer den positiven Schock deutlich, den der Süddeutsche mit seiner Freilichtmalerei damals auslöste: Was in Frankreich schon praktiziert wurde, war in Deutschland eigentlich unerhört – unter freiem Himmel zu malen. Der Triumphzug des Impressionismus war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Und sogar belohnt wurde Landenbergers künstlerischer »Freigang«, und zwar mit seiner Berufung 1905 an die Stuttgarter Kunstakademie. Seine Schüler hießen Baumeister und Schlemmer!

Nun könnte man guten Mutes das Werk Landenbergers allein ausstellen, das den Vergleich mit Max Liebermann durchaus bestehen würde. Und doch ist des Künstlers Ruhm viel weniger über die Region hinausgekommen. So kann man nur zu gut verstehen, wenn die Ausstellungsmacher den Wunsch hatten, ihm andere Künstler an die Seite zu stellen. Natürlich, es hätten auch Schlemmer oder Baumeister sein können – welche spannenden Bezüge hätten sie geboten. Aber kühn griffen die Galerie ganz in die Weite und holten Arbeiten ins Haus von Susanne Hartmann (geb. 1959), Katharina Hinsberg (geb. 1967), Marie-Jo Lafontaine (geb. 1950), Sr. M. Pietra Löbl (geb. 1965) und Christoph Seidel (geb. 1964). Was man spontan gar nicht zusammen denken kann, lässt sich über den bewussten Umgang mit den Themen Landschaft, Interieur, Porträt und religiöses Sujet bei näherer Betrachtung leicht verknüpfen.

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So lebt in Susanne Hartmanns Arbeit »we can / can wie« etwa das Blumenkranzmotiv wieder auf, das der frühe Landenberger um die Jahrhundertwende symbolreich schon inszenierte. Wunderbare Symbiosen erzeugt Katharina Hinsberg mit ihren Zeichnungen, deren Strichlinien Landschaftliches evozieren, das sich in einem zauberhaften Dualismus zu den Naturzeichnungen von Landenberger fügt. Beim Porträtthema stellt sich die Video- und Fotokünstlerin Marie-Jo Lafontaine, die sicher bedeutendste Teilnehmerin in der Teilnehmer(innen)riege, bravourös der Herausforderung. Überraschend stimmig greift die Franziskanerschwester Pietra Löbl elementare Wesenheiten (Wasser) oder Gesten (Beten) in Landenbergers Werk auf, um es in ihre naturnahe Sprache zu übertragen. Der fünfte im Bunde der Kompagnons ist Christoph Seidel, der die spätimpressionistischen Farbschwelgerei zum Farbrausch weiterdenkt.

Der mutige Kontrast, den die Ausstellung mit der Gegenüberstellung von Kunst genussvoll pflegt, die rund hundert Jahre voneinander entfernt ist, verspricht Spannung und lädt ein zum Nachdenken über Kunst allgemein. Dass hier relativ junge Künstler dem reifen Stil eines Altmeisters zum Teil ganz bewusst folgen, ohne ihre eigene Gegenwart aus den Augen zu verlieren, macht die Ausstellung vorbildlich. Und es ist den Kuratoren hoch anzurechnen, dass sie diese Idee auch ins Konzept des brillanten Katalogs getragen haben: Der Schriftwechsel innerhalb bzw. zwischen den Essays und den Eingaben zu den zeitgenössischen Künstlern gibt dem Band eine beeindruckende Frische. So entdeckt der Betrachter nicht nur Aspekte zeitgenössischer Kunst, sondern es erschließt sich auch das Werk Christian Landenbergers aufs Neue.

 

 

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Öffnungszeiten
Di–Fr 11–13 Uhr und 14–17 Uhr
Sa/So 11–17 Uhr

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